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Die Gäste von Sandra Maischberger sprechen in der ARD über die dramatischen Bilder aus Afghanistan.
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Die Gäste von Sandra Maischberger sprechen in der ARD über die dramatischen Bilder aus Afghanistan.

TV-Kritik

„Maischberger. Die Woche“ (ARD): Hitzige Debatte über Debakel in Afghanistan

  • VonTeresa Schomburg
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Bei „Maischberger. Die Woche“ in der ARD geht es um die Lage in Afghanistan. Theo Koll kommt zu einem vernichtenden Urteil. 

Hart steigt Sandra Maischberger in der ARD mit den bestürzenden Bildern der Woche ein: Menschen, die sich in Kabul verzweifelt an Flugzeuge klammern. Im Sendungs-Studio sitzen trotz steigender Inzidenzen wieder einige wenige Zuschauer, doch dazu gibt es angesichts der bedrohlichen Lage in Afghanistan wenig Grund zur Freude, der Applaus fällt verhalten aus. „Wie gefährlich ist die Lage? Wer ist verantwortlich?“ will Maischberger zunächst von den drei Journalisten wissen, die die Situation analysieren sollen.

„Der Westen hat dramatisch versagt“, zieht der Leiter des ZDF-Hauptstadtbüros Theo Koll ein vernichtendes Urteil bei „Maischnberger. Die Woche“ (ARD), und betont, dass schon in der Vergangenheit westliche Großmächte die Strukturen in Afghanistan nicht verstanden hätten. „Wir haben an eine Illusion geglaubt, dass wir dort ein System aufbauen konnten, was unserem ähnelt“, konstatiert Theo Koll. Anna Schneider, Chefreporterin der „Welt“ stimmt zu, warnt aber davor, „dem Westen“ pauschal ein Versagen zu attestieren und spricht stattdessen von einer „Blamage“. Dem „naiven Idealismus der USA“ kann sie einiges abgewinnen, aber: „Die Strategie war fehlerhaft.“

Diskussionen zu Afghanistan bei „Maischberger. Die Woche“ (ARD)

„Spiegel“-Autor Markus Feldenkirchen ergänzt bei „Maischberger. Die Woche“ in der ARD, dass die Begründung für den Einsatz inkonsistent gewesen sei. Nachdem das Ziel, Osama bin Laden aufzuspüren und Al-Qaida einen Denkzettel zu verpassen, erreicht war, sei der Einsatz in Afghanistan zu einer „Mission ohne Ziel“ geraten. Die Idee, einen Staat mit militärischen Mitteln demokratisch zu machen, habe noch nie funktioniert, einzige Ausnahme: Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Auch Sandra Maischberger blickt zum Vergleich in die Historie und zeigt mit Blick auf den Vietnamkrieg Bilder aus Saigon von 1975, die den aktuellen Aufnahmen aus Kabul auf verstörende Weise ähneln. Theo Koll paraphrasiert dazu ein Pseudo-Mark-Twain-Zitat: „Geschichte wieder holt sich nicht, aber wir hören einen Reim“.

Zur Frage bei Maischberger (ARD), wer denn nun verantwortlich sei, wird noch das Zitat von Joe Biden eingespielt, in dem der US-Präsident die Afghanen selbst für ihre Lage verantwortlich macht. „Das ist falsch“, sagt Theo Koll, auch wenn es durchaus eine Mitverantwortung der Afghanen gäbe. „Das klebt an Joe Biden“, urteilt Anna Schneider, denn der könne sich nun auch nicht damit heraus reden, dass sein Vorgänger Donald Trump den Abzug in die Wege geleitet habe.

„Maischberger. Die Woche“ (ARD): Wer zu Wahlen in Afghanistan ging, wurde von der Taliban bedroht

Sandra Maischberger wendet sich in der ARD nun den beiden Studiogästen zu, die die Lage in Afghanistan genau kennen. Die afghanische Ethnologin Shikiba Babori hat in den letzten 20 Jahren journalistisch im Land gearbeitet, immer wieder mit Frauen und Familien gesprochen. Vor allem außerhalb der Städte sei das Land auch in den letzten 20 Jahren nie wirklich sicher gewesen. Wer zu Wahlen ging, wurde immer wieder von den Taliban bedroht. Sie glaube nicht an die „Lippenbekenntnisse“ der Taliban-Führung, dass nun alles viel liberaler zugehen und Frauen arbeiten und Mädchen zur Schule gehen dürften, solang sie sich verschleierten. „Schon jetzt trauen sich die Frauen nicht mehr aus dem Haus. Es ist wie ein Albtraum: Die Menschen fühlen sich verraten von allen Seiten,“ urteilt Shikiba Babori.

Auch der Bundeswehrhauptmann Marcus Grotian vom „Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte“ berichtet von albtraumhaften Szenen, „Montag war für uns einer der schwärzesten Tage“, sagt er bei „Maischberger. Die Woche“ (ARD). Schon seit April habe er immer wieder vergeblich darauf hingewiesen, dass man die Schutzbefohlenen zurück holen müsse, doch über 50 Prozent der Ortskräfte seien „politisch gewollt“ ausgeschlossen worden, in dem man sie offiziell von afghanischen Subunternehmern beschäftigen ließ. Er habe gesehen, wie die Taliban in Kandahar Kinder befragten, wer mit den westlichen Mächten zusammen gearbeitet habe. „Die deutsche Regierung geht offenbar davon aus, dass sie keine Nachsorge-Pflicht hat“, sagt Marcus Grotian.

GästeFunktion
Norbert Röttgen, CDUAußenpolitiker
Gregor Gysi, Die LinkeAußenpolitiker
Shikiba BaboriAfghanische Ethnologin
Marcus GrotianPatenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte
Theo KollJournalist
Anna SchneiderJounalistin
Markus FeldenkirchenJournalist

Thema Afghanistan: Hitziger Dialog bei „Maischberger. Die Woche“ in der ARD

Shikiba Babori stimmt bei Maischberger in der ARD zu, dass man natürlich den Ortskräften hätte helfen müssen, stellt allerdings auch eine beunruhigende Frage: „Wenn man die gerade erst langsam nachwachsende Mittelschicht aus Afghanistan heraus holt – wer bleibt dann noch im Land?“

Über die Frage bei „Maischberger. Die Woche“ (ARD) nach der politischen Verantwortung hierzulande entspinnt sich nun ein hitziger Dialog zwischen Linken-Politiker Gergor Gysi und CDU-Mann Norbert Röttgen, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses. Gysi betont, schon 2001 habe seine Fraktion als einzige den Einsatz für falsch befunden, noch im Mai habe sie, und außerdem auch die Grünen, wie Sandra Maischberger ergänzt, einen Antrag im Bundestag gestellt, die Ortskräfte aus dem Land zu holen, der von der Regierung abgelehnt wurde. Auch er habe gegen diesen Antrag gestimmt, räumt Norbert Röttgen ein, stellt aber trotzdem klar: „Die Regierung hätte handeln müssen“.

Maischberger in der ARD: Welche Alternativen zum Militäreinsatz in Afghanistan waren möglich?

Gregor Gysi zeigt in der hitzigen Debatte bei Maischberger in der ARD auf, welche Alternativen zum Militäreinsatz möglich gewesen seien. So habe man Hilfe anbieten können unter bestimmten Bedingungen, etwa Hilfe für Schulen unter der Bedingung, dass Mädchen sie besuchen dürften. Norbert Röttgen reagiert empört: „Die Konsequenz aus ihrer Politik wäre doch, dass die Taliban ungehindert herrschen könnten“. Das sei „Quatsch“ kontert Gysi. Die 12,5 Milliarden für den Krieg habe man in jedem Fall sinnvoller ausgeben können.

Sandra Maischberger will zum Schluss der Talkshow in der ARD wenigstens noch die Fragen beantwortet haben, wer denn nun die Verantwortung trage. „Die entscheidende Verantwortung liegt im Weißen Haus in Washington“, sagt Norbert Röttgen, räumt aber wiederum ein Versagen auch der deutschen Regierung ein. Was aber ist die Konsequenz? Markus Feldenkirchen schlägt vor: Außenminister, Verteidigungsministerin und Innenminister könnten zurücktreten, auch wenn das angesichts der bevorstehenden Bundestags-Wahlen nur ein symbolisches Signal sei.

„Maischberger. Die Woche“ in der ARD-Mediathek

Sie haben die Sendung von Mittwoch (18.08.2021) verpasst? In der ARD-Mediathek können Sie die Sendung nachschauen.

Alle drei Journalisten sind sich bei „Maischberger. Die Woche“ (ARD) allerdings einig, dass das nicht passieren wird. Beim vorausschauenden Blick auf die kommende Wahl gibt Theo Koll noch die Einschätzung ab: „Ich habe noch nie eine Situation erlebt, in der wir so viele potenzielle Koalitionsoptionen hatten“. Es könnte uns also eine lange Zeit der Übergangsregierung bevorstehen. Im Raum steht die bittere Erkenntnis: Eine wirkliche Konsequenz aus dem Scheitern in Afghanistan wird es in der deutschen Spitzenpolitik wohl nicht geben. (Teresa Schomburg)

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