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Der Tod und das Mädchen

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Von: Daniel Kothenschulte

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Earl und Greg, RJ Cyler und Thomas Mann.
Earl und Greg, RJ Cyler und Thomas Mann. © dpa

Endlich ein wieder ein Teenagerfilm zum Altwerden: „Ich und Earl ...“

Große Jugend- und Teenagerfilme werden mit uns erwachsen. Vor allem natürlich wenn wir das Glück haben, sie zu entdecken, wenn wir selbst im Alter der Protagonisten von Filmen sind wie „Sie küssten und sie schlugen ihn“, „Wut im Bauch“, „Stand by Me“ oder „Ferris macht blau“. Doch auch wenn sich das nicht treffen sollte, erwischen sie uns wenn sie wirklich gut sind auch in jedem anderen Alter. Leider nur sind sie furchtbar selten.

„Me and Earl and the Dying Girl“ gehört zu dieser seltenen Art von Teenagerfilmen, die sich – ähnlich wie ihr unsterbliches Vorbild in der Literatur, Salingers „Der Fänger im Roggen“ – wie ein feiner Stachel in die Seele bohren. Dass der deutsche Verleih das sterbende Mädchen aus dem Titel herausgestrichen hat, ändert an der Tiefe des bittersüßen Schmerzes wenig. Im Film ist es jedenfalls noch drin.

Doch bevor wir es kennen lernen beeilt sich Regisseur Alfonso Gomez-Rejon in den ersten fünf Minuten zu zeigen, dass er weiß, was wir vielleicht von einem normalen High-School-Film erwarten würden. Während sich der Schüler Greg aus dem Off als leicht sarkastischer Erzähler präsentiert, zeigt der Filmemacher das gewohnte wimmelnde Leben in den Fluren. In einer virtuosen Choreographie gleitet das Auge der Steadycam durch den vom Sonderling gern gemiedenen Speisesaal und findet Greg dann doch noch ganz am Ende des Raums. Doch obwohl die Kamera fraglos das Bild seines Bewusstseins ist, bleibt sie nicht lange auf Gregs Antlitz ruhen.

Der Junge, gespielt vom talentierten Nachwuchsdarsteller Thomas Mann, ist auch in seiner eigenen Geschichte ein Protagonist wider Willen. Umso unzufriedener ist er in der streng hierarchischen High-School-Parallelgesellschaft. Die Genre-typischen Rituale der Ausgrenzung erspart uns die Geschichte freilich. Gut möglich, dass sich sogar eine Mitschülerin in ihn verlieben würde, gäbe er nicht grundsätzlich immer die falschen Antworten, die ihn unfreiwillig arrogant erscheinen lassen.

Greg und sein bester Freund Earl (RJ Cyler) haben aus ihrer chronischen Deplatziertheit eine Tugend gemacht. Gemeinsam drehen sie kleine Videos, in denen sie Klassiker und abgelegene Kultfilme parodieren. Gerade beschäftigen sie sich mit Werner Herzog, dessen Kinski-Porträt „Mein liebster Feind“ sie in eine kuriose Miniatur verwandeln: „My Best Actor is also a Dangerous Lunatic“. In letzter Zeit taucht der deutsche Filmkünstler häufig in amerikanischen Independentfilmen auf, offenbar gilt er unter Hollywood-Outsidern als eine Art Talisman. Hoffentlich klappt der Voodoo-Zauber diesmal an der Kinokasse.

Das an Leukämie erkrankte Mädchen heißt Rachel (Olivia Cooke) und ist nur eine Nebenfigur. Gregs Mutter besteht darauf, dass er sich ein wenig um sie kümmert. Und als müsse er sich auch vor uns Zuschauern für seine Anteilnahme rechtfertigen, erklärt Greg, dass wir zumindest nicht befürchten müssten, dass sie in der Geschichte stirbt. Nun, bei einer derart distanziert vorgebrachten Erzählung könnte man sie wirklich für eine melodramatische Hinzufügung eines typischen High-School-Dramas halten. Nur erfunden, um einer Coming-of-Age-Geschichte die melancholische Note der Todesnähe zu verleihen.

Doch so ist es keineswegs.

Melodramatisch wird es nicht, aber doch tief traurig. Aber wenn es dann traurig ist, dann ist es auch nie „cheesy“. Auch wenn im ironischen Erzählton alles dagegen spricht: Schließlich wird dieser Film am Ende doch noch alles aufgeboten haben, was einen großen High-School-Film ausmacht. Insbesondere gelingt dem Filmemacher eine wunderbar-poetische Erfassung der für diese Lebensphase so charakteristischen Langeweile – ohne dabei selbst im mindesten langweilig zu sein. Drehbuchautor Jesse Andrews hat diesen unsentimentalen Ton schon in seinem gleichnamigen Jugendroman angelegt, doch wenn man ihn in die Filmsprache umsetzen möchte, muss man sich einiges einfallen lassen. Ein Stilmittel sind die „Filme im Film“, Puppenanimationen von kruder Liebenswürdigkeit. Ein anderes ist die elektronisch bestimmte Filmmusik von Brian Eno und Nico Muhly.

Kaum jemand weiß besser als Eno um die Möglichkeiten von Musik sich wie ein Möbelstück zu verhalten. Nur ab und zu tritt sie aus der Reserve und entwickelt eine subtile Mitteilsamkeit. Doch wie selten macht das Kino Gebrauch von dieser Möglichkeit, der klassischen Emotionalisierung zu widerstehen.

Wie oft erlebt man im Film wie Komödien am Ende mit Gewalt eine tragische Note eingehaucht wird. Niemand scheint sich mehr davor zu fürchten wie Erzähler Greg, der so gerne bedeutende Filmklassiker parodiert. So ist sein Kommentar voller Warnungen, die am Ende durch eine geradezu hemmungslose Emotionalität hinweggefegt werden. Aber so ist es nun einmal in der Teenagerzeit. Wie lange dauert es, bis hinter der Maske der Coolness das Gefühl wieder aufscheinen darf? Wie jeder große Teenagerfilm erzählt „Ich und Earl und das (sterbende) Mädchen“ in all der virtuos ausgebreiteten, endlosen Zeit genau auf diesen Moment hin.

Ich und Earl und das Mädchen. USA 2015. Regie: Alfonso Gomez-Rejon. 103 Min.

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