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„Die Macht der Satire“: Hoher Unterhaltungsfaktor - Trotz Florian Schroeder

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Kabarettist Florian Schroeder gilt als „Chefsatiriker“ für hr1.
Kabarettist Florian Schroeder gilt als „Chefsatiriker“ für hr1. (Archivbild) © Manfred Segerer/Imago

„Radikal komisch – Die Macht der Satire“ - diesem komplexen Thema widmet sich eine Dokumentation im hessischen Fernsehen. Eins vorab: Satire ist männerdominiert.

Frankfurt - Vorweg in eigener Sache. Dass ausgerechnet ich eine Kritik an einem TV-Format verfasse, das die geneigte Zuschauerschaft über Satire aufklären soll, kann mitunter schon etwas vermessen anmuten. So habe ich mich mit einem unterdurchschnittlich erfolgreichen Buch, einigen unbeantworteten Zuschriften an Satire-Magazine und einer politischen Laufbahn in einem als Partei auftretenden Titanic-Gag mit Ethanolhintergrund selbst schon mit minderem Erfolg versucht, in die Szene derer abzuseilen, die ich nun für Sie beurteilen darf. Es ist folglich ein Leichtes, mir Neid, Missgunst oder Rache als Motiv der kommenden Zeilen anzudichten. Dabei wünsche ich Ihnen viel Freude.

Die nun zu bewertende Kurzserie „Radikal komisch – Die Macht der Satire“ läuft in drei Episoden zu je etwa einer halben Stunde immer donnerstags im hr-Fernsehen. Das macht gleichsam neugierig wie argwöhnisch. Denn die Radiosparte hr1 des Hessischen Rundfunks benennt niemand geringeren (das wäre auch eine Leistung) als das allenfalls mal einen Zufallstreffer landende Markus-Lanz-Double Florian Schroeder als den hauseigenen „Chefsatiriker“.

Zur Person

Dominic Harapat aus Wetzlar ist Autor, Produktionsarbeiter, Kommunalpolitiker und hessischer Landesvorsitzender der Partei Die PARTEI. Er gilt aufgrund seiner schmierigen Rhetorik und juvenilen Redlichkeit vor allem unter älteren Mitbürger:innen als die perfekte Verkörperung des politischen Enkeltricks. Eben ein echter Profi.

Das lässt böses erahnen, hat mich „Schroeders Dienstag“ in den vergangenen Jahren doch schon häufiger bei meiner Industrie-Lohnarbeit mit seinen Programmfetzen beinahe über die Ermüdungsschwelle gestoßen, die das Arbeiten mit schwerem Gerät zu einer lebensbedrohlichen Angelegenheit werden lassen.

„Radikal komisch – Die Macht der Satire“ (hr): Florian Schroeder als „Chefsatiriker“ geadelt

Das Eröffnungswort fällt dann aber glücklicherweise doch dem „Humor-Hulk-Hogan“ Martin Sonneborn zu, der mit dem Satz „Satire ist Notwehr“ eigentlich schon alles vorwegnimmt, was in den folgenden 29 Minuten noch zu erfahren ist. Die verschiedenen Wortbeiträge sind entgegen meiner Befürchtung und trotz der Teilnahme Florian Schroeders erfreulich gut und kompetent vorgetragen, wenn auch häufig für den Unterhaltungsfaktor durch längere Sketche des ÖRR-eigenen Browser Balletts oder mitunter zu lang anmutenden Zwischensequenzen unterbrochen.

Gerade die sachlichen Einordnungen von Martin Sonntag, dem Geschäftsführer der Caricatura Galerie Kassel, geben einen guten Eindruck dessen wieder, was Satire ist und in welche Grenzen sie sich bewegt. Dabei wird er nur noch vom allumfassend zu bejubelnden ehemaligen Titanic-Chefredakteur Oliver Maria Schmitt übertroffen, der mit seiner gewohnt enormen Wortgewandtheit sachliche Inhalte mit latenter Komik transportiert, dass es eine wahre Freude ist, ihm zuzuhören.

„Radikal komisch – Die Macht der Satire“ (hr): Wechselspiel von Satire und Despoten

Die Sendung arbeitet sich in der ersten Folge an drei wesentlichen Themenschwerpunkten ab. Kaum überraschend nimmt dabei die Betrachtung vom Verhältnis von Religion und Satire als Empörungs-Dauerbrenner eine zentrale Rolle ein, auch wenn der bereits gelobte Oliver Maria Schmitt dazu zu vermelden weiß „Kirche ist im öffentlichen Leben bedeutungslos geworden, außer für alleinstehende Herren, die sich pädophil betätigen wollen.“

Einen weiteren Schwerpunkt macht das Wechselspiel von Satire und Despoten aus. Als immer noch unabgeschlossener Fall wird dabei die Eskalationsspirale um den türkischen Präsidenten Erdoğan betrachtet, von der Inhaftierung Deniz Yücels über einige, eher milde Gags bis zum Schmähgedicht Jan Böhmermanns und dessen Folgen.

Autor und PARTEI-Politiker Dominic Harapat.
Autor und PARTEI-Politiker Dominic Harapat. © Von Privat

Und schließlich werden die Grenzen der Satire ausgelotet. Ein Aspekt ist hierbei die Rolle der viel kritisierten österreichischen Kabarettistin Lisa Eckhart in der Satire, der das Damoklesschwert des Antisemitismus-Vorwurfs offenbar als elementarer Teil des Bühnenbildes dient. Zwar zieht der zu Wort kommende Expert:innen-Rat den Schluss, dass es sich bei Eckhart wohl nicht um eine Antisemitin handele, aber wiederum ist es Oliver Maria Schmitt, der feststellt, dass sich über sie „mehr aufgeregt wird, als es ihre doch eher eindimensionalen Programme hergeben“.

Serdar Somuncu - Mit kugelsicherer Weste zur Arbeit

Mit Serdar Somuncu ist ein weiterer, öffentlich stark diskutierter Charakter Teil der Episode, jedoch im Gegensatz zu Lisa Eckhart nicht als thematisierte Persönlichkeit, sondern als Mitglied des Befragten-Ensembles. Seine kurzen Einspieler wirken durchweg wie eine Erklärung dessen, was er eigentlich macht, wenn er auf der Bühne steht und hinterlassen beinahe den Eindruck, sich der an ihn gerichteten Vorwürfe erwehren zu wollen.

Im Zentrum seiner Argumentation steht dabei das notwendige Abstraktionsvermögen des Publikums, um nicht im Rahmen einer Rolle mitunter absichtlich missverstanden zu werden. Meiner Meinung nach wird Somuncu oft zu Recht kritisiert und man kann sich sicherlich darüber streiten, ob er alles sagen muss, nur weil er es rechtlich gesehen sagen darf. Für diese Freiheit ist er allerdings in der Vergangenheit auch schon mit kugelsicherer Weste zur Arbeit gegangen, das können sicher die wenigsten von uns behaupten.

„Radikal komisch – Die Macht der Satire“ (hr): Satire von Männern dominiert - auch in der Dokumentation

Passend dazu endet der erste von drei Teilen auch mit Ausschnitten aus dem Musikvideo „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ des Antilopen Gang-Mitglieds Danger Dan, der damit einen würdigen Abschluss markiert.

Insgesamt lässt sich die erste Folge sehr geschmeidig wegkonsumieren, was sicherlich auch an der überschaubaren Dauer von etwa einem Herrengedeck liegt. Apropos Herrengedeck: Satire ist seit jeher männlich dominiert. Entsprechend kann man durchaus kritisieren, dass weibliche Stimmen wie Sarah Bosetti, Christina Schlag oder Titanic-Kolumnistin Ella Carina Werner nicht noch etwas mehr ins Zentrum der Doku gerückt werden. Dabei geben sie doch einen guten Eindruck über die ewigen Fragen „was ist Satire?“ und „was darf Satire?“, freilich ohne eine eindeutige Antwort zu liefern. Außer vielleicht mit Bosettis Worten: „Satire ist ein Beitrag zur öffentlichen Meinungsbildung. Und das ist schön.“ (Dominic Harapat)

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