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Sie weiß, was sie wert ist: Viola Davis als Ma Rainey. Foto: David Lee/Netflix

Netflix

„Ma Rainey’s Black Bottom“: Kino – allein zu Haus

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Das verhinderte Kinojahr erlebt bei Netflix einen späten Höhepunkt mit dem Kammerspiel „Ma Rainey’s Black Bottom“.

Zum ersten Mal endet ein Filmjahr, ohne ein Kinojahr gewesen zu sein. Wie wurde seit der Digitalisierung das Gemeinschaftserlebnis vor der großen Leinwand beschworen als unverzichtbares Wesensmerkmal des Kinofilms. Doch sind die Türen einmal geschlossen, sieht es anders aus. James Bond mag das Studio noch aufheben, bis die überlebenden Theater endlich wieder öffnen, andere, kaum weniger kostspielige Hollywoodfilme feierten ihre Premieren stattdessen im Heimkino. Immerhin zwei besonders Kino-affinen Regisseuren gelang es, die Sommer-Lockerungen für echte Kinostarts zu nutzen: Christian Petzolds zeitlose „Undine“ und Christopher Nolans Zeit-verliebter „Tenet“ werden uns immer an diese schwierige Zeit erinnern.

Corona verhalf den drei führenden Streamingdiensten Netflix, Amazon Prime und Disney plus zu Millionen von Abonnements, und die Kinobranche muss zittern, ob sie ihre frühere Bedeutung je wieder zurückerobert. Das ist nicht nur eine wirtschaftliche Frage, sondern insbesondere eine kulturelle. Auf dem Spiel steht dabei nicht weniger als eine Kunstform: Denn auch wenn sich die Ästhetiken von Film und dem, was man früher Fernsehen nannte, immer mehr annähern, sind die Wirkungsräume nun einmal entscheidend für ein Werk. Bisher gingen die wesentlichen Entwicklungen in der Filmästhetik von Kinofilmen aus. Diesen Vorsprung könnte es künftig nicht mehr geben. Doch in welche Richtung führt nun Streaming-Kino, dieser schwer entwirrbare Mix aus Eigenproduktionen und Ankäufen?

Der Blick auf die Liste der meistheruntergeladenen Filme zeigt, dass das „große Kino“ seine Vormachtstellung wohl nicht ohne weiteres auch am Bildschirm behauptet: An der Spitze steht ein abgefilmtes Broadway-Musical, „Hamilton“. 75 Millionen Dollar hat sich Disney diesen Ankauf kosten lassen, der in Deutschland vergleichsweise Beachtung fand. An nur drei Tagen gefilmt, konserviert Thomas Kails Regiearbeit die überaus erfolgreiche und mit 11 Tony-Awards prämierte Bühnenrevue über das Leben des amerikanischen Gründervaters Alexander Hamilton, vom Autor und Komponisten Lin-Manuel Miranda selbst verkörpert. In der Vergangenheit hätte sich Hollywood einiges einfallen lassen, um aus dem Theater-Ereignis einen Film zu machen (was erst im vergangenen Jahr mit „Cats“ gründlich schief ging). Das neue, dem Fernsehen näher stehende Streaming-Medium ist dagegen ideal für einen virtuellen Theaterbesuch. An zweiter Stelle stand ein Film, der im Kino zu einer sicheren Enttäuschung geworden wäre, der lieblose Fortsetzungsfilm „Borat 2“. Erst auf dem sechsten Platz dann Disneys aufwendiges „Mulan“-Remake, ein verhindertes Kinoereignis, für das allerdings in den USA ein Extra-Entgelt verlangt wurde.

Lernen kann man aus diesem Kinojahr, das eher ein Streamingjahr war, vielleicht das: Es ist eben nicht so, dass man ein Medium einfach auf das andere übertragen kann. Am Bildschirm sieht man anders als im Kino, und man sieht wohl auch in Zukunft etwas anderes. Wenn man daraus eine Art Optimismus ableiten möchte: Das Kino werden Netflix und Co. nicht ersetzen, und vielleicht bekommen wir ja wieder besseres Fernsehen: So wie es seit Jahren eine Serien-Renaissance gibt, führt der Erfolg einer abgefilmten Bühnenshow vielleicht zu einer Rückkehr des guten alten Live-Fernsehspiels.

Diese Woche startet bei Netflix eine weitere Theateradaption, weit entfernt von „Hamiltons“ Pomp – dafür aber als Film viel interessanter. „Ma Rainey’s Black Bottom“ ist die Verfilmung eines modernen Bühnenklassikers von August Wilson. 1982 uraufgeführt, gehört das Stück zu Wilsons „Pittsburgh Cycle“ über Erfahrungen von Afro-Amerikanern im 20. Jahrhundert.

Spielort ist allerdings das Chicago des Jahres 1927, wo die schon zu Lebzeiten legendäre Blues-Sängerin Ma Rainey zu Plattenaufnahmen erwartet wird. Lange lässt sie ihre Bandkollegen und die beiden weißen Nebenfiguren, ihren Manager und den Produzenten, auf sich warten. Dabei gelingt der von Viola Davis mit schillerndem Glamour verkörperten Diva, eine faszinierende Autonomie-Demonstration in einer Zeit, als Schwarzen in den USA die Teilhabe am öffentlichen Leben weithin verwehrt war. Sich ihres Marktwerts bewusst, lässt sich Rainey genüsslich von den alten weißen Herren bedienen und erstreitet sogar noch eine Gage für ihren stotternden Neffen als Ansager.

Gebrochen wird die hier herrlich ausgespielte Screwball-Komik durch ernste Backstage-Monologe. Der vor allem als Theaterregisseur bekannte Regisseur George C. Wolfe setzt hier radikale Pausen, nimmt buchstäblich die Nadel vom Grammophonteller mit seinen 78 Umdrehungen in der Minute. Die Erinnerungen an rassistische Gewalt, an Lynchmorde und tragische Gegenwehr werden nicht illustriert; umso mehr prägen sie sich ein als Bilder unserer Vorstellung.

Die Rolle des Trompeters Levee ist der letzte Auftritt des Hollywoodstars Chadwick Boseman, der im vergangenen September nur 43-jährig einem Krebsleiden erlag. Bekannt als „Black Panther“ in den Marvel-Filmen, erweist er sich auch als Meister des Kammerspiels.

Ehrgeizig versucht der junge Musiker der Sängerin ein strahlendes, Louis-Armstrong-haftes Intro aufzudrängen – doch sie zeigt ihm ebenso wie den weißen Profiteuren ihre kalte Schulter. Kein Geringerer als Branford Marsalis hat diese unbekannte Version des Blues-Klassikers arrangiert und eine Filmmusik geschrieben, die sich geschmeidig an den Chicago-Sound der zwanziger Jahre anlehnt.

Natürlich würde diese klassische Theateradaption auch im Kino bestens aussehen. Für das Streaming-Medium aber ist sie ideal und stillt vielleicht auch ein wenig den Hunger nach einem anderen Medium, das uns derzeit versagt bleibt – dem Theater.

Ma Rainey’s Black Bottom.

USA 2020. Regie: George C. Wolfe. 93 Minuten. Auf Netflix.

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