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Ritschard und Flückiger vor dem Countdown-Video mit Entführungsopfer.

TV-Kritik

Luzern-Tatort: Das könnte einer der schlechtesten Tatorte der Saison sein

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Wer sich auf den Tatort (ARD) heute Abend freut, sollte sich emotional wappnen. In der TV-Kritik kommt „Sie läuft, die Zeit“ jedenfalls denkbar schlecht weg. 

Die Schweizer können Uhren, Schokolade und sicher noch manches andere, aber einen richtig guten Tatort können sie nicht. Jedenfalls wohl nicht mehr mit diesem Team, mit Delia Mayer als Liz Ritschard und Stefan Gubser als Reto Flückiger, denen Drehbuch und Regie zu oft keine Chance gegeben haben. Die Luzerner Ermittler eröffneten die Saison 2018/19 Anfang August mit dem als „One-Take-Krimi“ originell ausgedachten, aber in der Ausführung schwächelnden „Die Musik stirbt zuletzt“. Sie machten weiter mit einer atmosphärisch erstaunlich dürftigen Geiselnahme, „Friss oder stirb“. Dabei wurde Flückiger angeschossen, hätte man also als Zuschauer nicht um ihn bangen müssen? Aber auch das kriegten die Schweizer nur befremdlich langweilig hin.

Tatort aus der Schweiz: Keine Chance von Drehbuch und Regie

Jetzt haben die Luzerner mit ihrem vorletzten Auftritt das letzte Wort vor der Sommerpause – und beschließen diese Saison mit einem der schlechtesten Tatorte (mithalten können allerdings die Frankfurter mit „Der Turm“). Eine Entführung steht im Zentrum von „Ausgezählt“, eine junge Boxerin ist ohne Wasser eingesperrt und wird bald sterben. Der Täter wurde erschossen, aber er hat vorher praktischerweise eine Live-Videoschalte eingerichtet. „Maximal 72 Stunden“ gibt die Polizei der jungen Frau, die darin zu sehen ist. Und damit es jeder kapiert, wie sehr es eilt und wie aussichtslos es ist, läuft ein Countdown und sagt Reto Flückiger: „Wie sollen wir sie in drei Tagen finden?“

Weitere bald folgende Sätze: „Die Zeit läuft“, „Geht’s etwas schneller“, „Wir müssen jetzt wirklich Vollgas geben“, „Es ist nicht mal mehr ein Tag“ und gleich wieder „So, die Zeit läuft“. Die Dialoge insgesamt (Buch: Urs Bühler, Michael Herzig) haben also die Originalität und Gedankentiefe eines Groschenromans; und die Regie Katalin Gödrös’ zeigt trotz allem Ermittler, die es ziemlich behäbig angehen lassen (beziehungsweise erstmal joggen gehen, im Ernst). So groß ist die Diskrepanz zwischen ständig behaupteter Dringlich- und optischer Gelassenheit, dass man sich im falschen Film glaubt. Und gewissermaßen ist man das ja auch.

Abgedroschenes beim Tatort

Der Vater der Boxerin (Ingo Ospelt) sagt Abgedroschenes wie „Sie müssen meine Tochter finden“, er kann offenbar jederzeit reinspazieren bei den Ermittlern und angesichts des Videos erschrocken gucken. Der Onkel der Boxerin (Peter Jecklin) war Liz Ritschards Polizeiausbilder, er sagt „Das bist du mir schuldig, Ritschie“ und wird darum umgehend ins Gefängnis eingeschleust, in dem der vermutete Strippenzieher der Entführung sitzt. Was er da eigentlich zu erreichen hofft, bleibt erstmal im Vagen.

Die Boxerin (Tabea Buser), versucht indessen via Kamera mit ihrem Entführer zu kommunizieren, sie scheint über irgendwas verhandeln zu wollen. Praktischerweise kann die neue IT-Spezialistin Lippen lesen. Unpraktischerweise teilt die junge Frau dann doch nichts so richtig Erhellendes mit. Aber es geht wohl auch um Doping in ganz großem Stil.

Das macht die Sache wegen erhöhten Flüssigkeitsverlusts der Doperin noch eiliger, wie brav wiederholt wird, bis es auch der letzte Zuschauer begriffen hat. Aber Ritschard und Flückiger müssen sich erst wieder zusammenraufen, ihre Meinungsverschiedenheiten ausdiskutieren. So viel Zeit muss sein.

„Ausgezählt“, ARD, So., 20.15 Uhr.

Der Tatort aus Luzern verabschiedet sich mit einer ganzen Herde Elefanten im Raum, schreibt Redakteurin Judith von Sternburg in ihrer Kritik zum letzten Luzern-Tatort.

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