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Guido Cantz versteht Spaß.

Verstehen Sie Spaß?

Ist das lustig?

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„Verstehen Sie Spaß?“ ist aus irgendeinem Grund immer noch eine Samstagabendshow der ARD. Dabei will die Sendung niemanden vorführen und niemanden erniedrigen. Wahrscheinlich will sie nicht mal mehr lustig sein. 

Nach rund einer Stunde ist man versöhnt mit dieser Sendung. Einer Sendung, die den Abstieg in die beinahe Bedeutungslosigkeit, den „Wetten, dass..?“ gerade durchlebt, schon längst hinter sich hat. Während man sich nach 25 Minuten noch zu Markus Lanz auf die Couch sehnt, und das will was heißen, ist wenig später alles gut.  Die Lockvögel tragen falsche Bärte und große Brillen, als Sketche werden präparierte Pralinen im Supermarkt ausgelegt und Spaziergänger von ferngesteuerten Sprinkleranlagen nassgemacht, leichtgläubige Sekretärinnen werden von ihren Chefs hinters Licht geführt, das johlende Publikum vom Band wird an den unpassendsten Stellen eingespielt und die, nun ja, Witze von Moderator Guido Cantz sind allesamt von vorgestern.

Heile BRD

„Verstehen Sie Spaß?“ sollte künftig live aus der Drosselgasse in Rüdesheim kommen,  wo das Publikum literweise Asbach kippt, und auf dem Höhepunkt glaubt man, Helmut Kohl in seiner überdimensionierten Strickjacke durch ein Spalier ekstatischer Rentner einlaufen zu sehen. „Verstehen Sie Spaß?“ ist derart alte Bundesrepublik und heile, harmlose Welt, man wird glatt wehmütig. Familienunterhaltung aus einer Zeit, in der es noch kein Internet gab und keine Finanzkrise. In der sich vor mehr als 30 Jahren die ganze Familie samstagabends vor der Flimmerkiste traf und über die versteckte Kamera lachte.

„Verstehen Sie Spaß“, dieses einstige Flaggschiff der Fernsehunterhaltung, entweder aus Realitätsverweigerung und Tradition oder mangels Alternativen trotz Quotentiefs immer noch eine fast drei Stunden währende Samstagabendshow der ARD, tut niemandem weh. Nur kurz fühlt man mit den stolzen, zu Tränen gerührten Müttern, denen der prominente Lockvogel Rolando Villazon während eines Castings vorgaukelt, ihre Söhne seien begnadete Opernsänger. Nach der Auflösung müssen sie wieder zurück in den tristen Alltag mit ihrem pubertierenden Nachwuchs, bis der sich Jahre später vor laufenden Kameras von Dieter Bohlen vorführen lässt. „Verstehen Sie Spaß?“ aber verweigert sich dem Zeitgeist und will niemanden erniedrigen, nicht einmal die unfreiwilligen Kandidatinnen, die tatsächlich glauben, dass der örtliche Pizzabäcker Luigi seine Peperoni-Pizza auf den 3D-Drucker der vorgeblichen Eventagentur faxen kann.

Ein wenig menscheln

„Verstehen Sie Spaß?“ will wahrscheinlich nicht mal mehr lustig sein. Sonst könnte Moderator Cantz (im türkisfarbenen Anzug mit türkisfarbener Krawatte) nicht Sätze sagen wie „Süßes für die Katze ist ja Maus au chocolat“ oder „Es gibt Orte, an denen verdammt wenig los ist, der Fitnessraum von Reiner Calmund zum Beispiel“. „Verstehen Sie Spaß?“ will ein wenig menscheln, man denkt ja stets, dieser Streich hätte auch mich treffen können (nur wären wir selbstverständlich nicht darauf reingefallen) und ein wenig rühren, wenn man sich freut, dass die Opfer beinahe stoisch ihr Schicksal ertragen und einfach alles hinnehmen, und sei die Situation noch so absurd. Keinem Lockvogel werden Schläge angedroht, obwohl man dafür manches Mal sogar Verständnis hätte. Vielleicht werden diese Szenen aber einfach nicht gesendet, weil sie nicht in die heile „Verstehen Sie Spaß?“-Welt passen, wie sie der SWR als Produzent viermal im Jahr in deutsche Wohnzimmer senden will.

Tenor Villazon verstand als einziger Gast der Sendung aus Freiburg Spaß, obwohl von Comedian Michael Mittermeier, Schauspielerin Janine Kunze, Bauchredner Sascha Grammel und Musiker Andreas Gabalier ja nun einige ihr Geld im komischen Fach verdienen. Der Mexikaner glänzte in seiner Rolle als Gesangscoach, der Deutsch mit amerikanischem Akzent sprechen musste. Auch Moderator Cantz ist hauptberuflich Humorist, groß geworden im Kölner Karneval. Seine Witze über den Steuerfall von Uli Hoeneß oder das Englisch von Lothar Matthäus zünden aber nicht. Und bemühte Sätze wie „Der amerikanische Philosoph Forrest Gump hat mal gesagt“ wirken schlicht unpassend. Denn die Hollywood-Figur Forrest Gump ist nun wirklich nicht alte Bundesrepublik. Nur „Verstehen Sie Spaß?“ ist noch alte Fernsehunterhaltungs-Republik.

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