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Der Abriss von Lützerath: Thunberg hält Deals für grundfalsch

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Von: Michael Meyns

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Klimaaktivistin Greta Thunberg im Gespräch mit Anne Will.
Klimaaktivistin Greta Thunberg im Gespräch mit Anne Will. © Screenshot (ARD)

In der ARD diskutiert Anne Will über das Ende von Lützerath. Greta Thunberg äußert vehemente Kritik.

Berlin - „Ist Lützerath eine Zerreißprobe für die deutsche Klimapolitik?“, fragte Anne Will in der ARD am Sonntagabend, eine Frage, die sich gerade auch die Grünen stellen dürften: Einst als Umweltschutzpartei gestartet, verantworten sie nun einen Kompromiss beim Kohleabbau, den viele als faul bezeichnen. Halten die Partei und ihre Wähler:innen das aus?

Aus Düsseldorf zur Sendung von Anne Will in der ARD zugeschaltet war Herbert Reul, Innenminister von Nordrhein-Westfalen. Er verteidigte den Einsatz der Polizei, der nach einigen Tagen, in denen es verhältnismäßig friedlich zuging, ruppiger wurde. Aktivist:innen hatten Polizisten beschuldigt, bewusst zuzuschlagen, ein Vorwurf, den Reul zurückwies.

Ganz anders stellte Luisa Neubauer, Klimaaktivistin bei „Fridays for Future“, aber auch Mitglied der Grünen, die Situation dar: Friedlich hätten 35.000 Menschen demonstriert, einzelne hätten sich dann widerrechtlicherweise in die Nähe der Abbruchkante begeben. „Es war vielleicht nicht legal, aber legitim“, meinte Neubauer dazu, musste aber auf intensive Nachfrage von Anne Will zugeben, dass sie selbst keine Übergriffe der Polizei beobachtet hätte. Sie habe immer zu Gewaltlosigkeit aufgefordert, so Neubauer. Auch bei Anne Will in der ARD sprach sie immer wieder von Deeskalation. Von Gewalt vonseiten der Klimaaktivist:innen wollte sie dagegen nichts hören.

„Anne Will“ - diese Gäste diskutierten mit:

Ob sich die Klimabewegung radikalisieren würde, fragte Anne Will Mojib Latif, Klimaforscher aus Hamburg, der auf den wichtigen Punkt hinwies, dass diese Frage immer mehr im Vordergrund stehe und damit vom eigentlichen Punkt ablenke: „Was ist die Rolle Deutschlands im internationalen Klimaschutz?“ Mojib beantwortete selbst seine Frage und betonte, dass Deutschland angesichts seiner jahrzehntelangen Industrieproduktion in der Pflicht stehe. „Deutschland hat die verdammte Pflicht, beim Klimaschutz voranzugehen, aber Deutschland rettet die Welt nicht.“ Und: „Lützerath ist ein Symbol“

Anne Will will es wissen: „Zerreißt Lützerath die Grünen?“

Wohl wahr: Der Abriss von Lützerath ist schon länger beschlossen. Er ist Teil eines Deals zwischen dem Bund, Nordrhein-Westfalen und dem Energiekonzern RWE. Der Konzern darf den Ort abbaggern, um darunterliegende Kohlereserven zu erschließen. Dafür hat RWE zugestimmt, den Kohleausstieg im Rheinland auf 2030 vorzuziehen. Genau dafür hat auch Ricarda Lang, Bundesvorsitzende der Grünen, gestimmt, die bei Anne Will in der ARD mit ihrer Position haderte. Das Ende von Lützerath sei ein Kompromiss, denn nun wird nur bis 2030 Kohle abgebaut und nicht bis 2038, was nicht optimal, aber besser als nichts sei: „Ich werde mich am Ende immer für mehr Klimaschutz entscheiden“, so Lang, die auch auf die schwere Situation hinwies, in der sich die Regierung, also auch ihre Partei, durch den Ukraine-Krieg befindet.

Die Gäste bei Anne Will diskutieren die Frage: „Ist Lützerath eine Zerreißprobe für die deutsche Klimapolitik?
Die Gäste bei Anne Will diskutieren die Frage: „Ist Lützerath eine Zerreißprobe für die deutsche Klimapolitik? © Screenshot (ARD)

„Zerreißt Lützerath die Grünen“, fragte Anne Will Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln, der klar sagte: „Lützerath ist für das, was klimapolitisch in den nächsten Jahren völlig irrelevant.“ Was bei Luisa Neubauer erwartungsgemäß ungläubiges Kopfschütteln auslöste. Worauf Hüther hinauswollte, ließ sich allerdings nicht abstreiten: Statt über Klimapolitik zu diskutierten, arbeite sich die Runde wieder einmal an Fragen der inneren Sicherheit ab, diskutierte über die Form der Proteste und eben über den winzigen Weiler Lützerath, von dem bis vor wenigen Wochen wohl kaum ein Bundesbürger jenseits der Klimaaktivisten (und REW-Chefs) kannte.

Greta Thunberg äußert sich im „Anne Will“-Interview etwas schwammig

Zu Besuch in Lützerath war auch Greta Thunberg, die Anne Will zu einem Interview zur Verfügung stand. Das Gespräch fand auf der grünen Wiese, in einem der Dörfer statt, die durch das „Opfer“ von Lützerath bestehen bleiben können. Ein Deal, den Thunberg vehement kritisierte. Zudem wollte sie nicht akzeptieren, dass Lützerath zumindest in Nordrhein-Westfalen das Ende des Kohleabbaus einläuten wird. „Die Wissenschaft sagt, dass wir schnell die Richtung ändern müssen“, betonte Thunberg bei Anne Will in der ARD. Dass es Versorgungsengpässe gibt, wollte sie nicht gelten lassen. Zum Thema Gewalt äußerte sich Thunberg ähnlich schwammig wie Neubauer, wies sogar zurück, dass sie eine herausgehobene Position in der Klimabewegung und deswegen besondere Verantwortung hat: „Die Mitglieder der Klimabewegung sind heterogen, ich kann niemandem etwas sagen.“ Auch eine Einstellung.

Zum Glück für die Grünen werden immerhin bald die Atomkraftwerke abgestellt, vermutlich. Zur Versorgungssicherheit forderte Hüther bei Anne Will in der ARD: „Atomkraftwerke laufenlassen, ich sage das in aller Deutlichkeit!“ – womit er Luisa Neubauer wohl endgültig auf die Palme brachte, auch wenn die Aktivistin versuchte, ihre Gesichtszüge unter Kontrolle zu halten. Warum AKWs keineswegs eine Alternative seien, versuchte dagegen Mojib Latif zu erklären. Letztes Jahr musste in Frankreich Atomkraftwerke heruntergefahren werden, weil es schlicht und ergreifend zu heiß war und die Anlagen nicht gekühlt werden konnten, eine Folge des Klimawandels. Vor allem aber kritisierte Latif das Argument der oft gepriesenen Flexibilität bei der Stromerzeugung: „Das zeigt doch nur, dass wir uns von gar nichts verabschieden wollen!“ Und das ist am Ende der entscheidende Punkt der kapitalistischen Systeme: Weniger verbrauchen, gesamtgesellschaftlich zu sparen, ist keine Option. (Michael Meyns)

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