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Ines Høysæter Asserson in „Harajuku“ (Norwegen 2018). Der Titel ist der Name eines Tokioter Szenestadtteils.

Filmfestival

Lucas-Festival in Frankfurt: Stark werden und erwachsen

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Das Lucas-Festival packt Filmfans mit einer exzellenten Auswahl fürs junge Publikum, stellt die spannenden Fragen, schafft Gemeinschaft und gibt Antworten.

Das Wichtigste am Anfang, um nur keine Zeit zu verlieren: Am heutigen Mittwoch, 11.30 Uhr, läuft noch einmal „Harajuku“ im Frankfurter Metropolis-Kino. Wer über 15 ist und zufällig Zeit hat, könnte nach dem Frühstück dort etwas Intensives erleben, wie es Film nicht alle Tage zu bieten hat.

Es ist wieder Lucas, das älteste deutsche Filmfestival für Kinder und Jugendliche, die 42. Ausgabe schon, bis zum Wochenende noch. Kann vorkommen, dass man da amüsiert, gerührt, verblüfft, den Tränen nahe im Kinosessel liegt, auch als Ex-Jugendlicher der dritten oder vierten Generation. Es ist sogar ziemlich wahrscheinlich, dass so was passiert. Aber „Harajuku“ hat noch einmal eine andere Dimension.

Regisseur Eirik Svensson, 35, sein Papa Sozialarbeiter, erlebte die Mädchen am Hauptbahnhof von Oslo über Jahre. „Sie saßen auf dem Boden, als wäre es ihr Wohnzimmer“, sagt er im Gespräch mit dem Filmpublikum. „Sie sahen aus wie Figuren aus einem japanischen Animationsfilm.“ Und wenn sie auch blaue Haare hatten, grüne, gelbe, gar keine Haare: Es schien, als würden die Menschen sie nicht sehen, die täglich an ihnen vorbeieilten. „Ich wollte sie sichtbar machen.“

In „Harajuku“ muss eines der Mädchen den Verlust der Mutter – ja, was? Überleben trifft es wohl am besten. Die blauhaarige Vilde (Ines Høysæter Asserson) wird aus ihrer coolen Aufmüpfigkeit gerissen, plötzlich ist alles in ihrem Leben Verlorenheit, Schuld und Flucht. Wie die junge norwegische Schauspielerin das zeigt, aus 400 Bewerberinnen gecastet: Das nimmt einen mit wie lange nichts mehr auf einer Leinwand.

Der Lucas-Reigen hat in diesem Jahr viele Premieren, einen Schwerpunkt auf Arbeiten aus Brasilien und mehrere Anliegen: „Unsere Filme lassen Vertrautes in anderem Licht erscheinen“, sagt Festivalleiterin Julia Fleißig, „sie wollen das Feuer für Filmkunst abseits des Mainstreams entfachen.“ Von 1600 eingereichten Produktionen schafften es 63 Filme aus 33 Ländern ins Programm, 40 in die Wettbewerbe.

Nicht immer sind die Kinos voll in diesem Jahr, da mag der Klimastreik am Freitag beispielsweise eine Rolle gespielt haben, stets aber ist es mäuschenstill, wenn das Licht ausgeht, die Spannung riesig. Der Wettbewerbsbeitrag in der Altersgruppe 8+, „Mein Opa vom Mars“, eine Koproduktion aus sechs Ländern, in Kroatien gedreht, kommt mit einer unfassbaren Geschichte. Es ist kein Traum, was Una erlebt: Ihr Opa, der eben noch eine geniale Maschine gebaut hat, die aus Pupsen Energie gewinnt (oder sagt man: aus Püpsen?) – er wird tatsächlich von Marsmenschen entführt, die auf der Erde landen.

Es folgt viel Fremdes und Beängstigendes, es ist ein Film übers Starkwerden und über Freundschaft und auch hier: über Verlust. Aber das ist ja das Besondere am Lucas-Festival: Kein Film lässt die jungen Zuschauer allein, es wird gemeinsam geschaut und anschließend drüber gesprochen und nach dem Guten gesucht. Im „Opa vom Mars“ sind am Ende schon Lichtpunkte enthalten: Wir müssen alle Amigos sein und die Menschlichkeit zurück auf die Erde bringen – dann klappt’s auch mit dem Erwachsenwerden.

Was hinzukommt: Das junge Publikum erlebt tolle Vorbilder. Die Hauptdarstellerin Lana Hranjec, die mit elf die Una spielte, sieht jetzt mit dreizehn viel erwachsener aus, typisches Lucas-Phänomen, und sie spricht als Stargast super englisch. Die Schüler umschwirren sie mit Fragen, hat’s Spaß gemacht, den Film zu drehen? Gibt es die Pupsmaschine in echt („leider nicht“), wie weint man auf Kommando? „Man muss die Augen ganz lang auflassen“, sagt Lana, „30 Sekunden, dann zwinkern.“ Schon sieht man überall kleine Mädchen mit dramatisch aufgerissenen Augen, und man wünscht ihnen so sehr, dass sie immer nur Filmtränen vergießen müssen.

Die Szene trifft sich beim Lucas, macht Workshops, erklärt Filmtricks, knüpft weltumspannende Netzwerke. Das Herzstück aber bleibt die Leinwand. Am Dienstagmorgen sprudelt eine Horde kleinster Zuschauer in den Kinosaal des Filmmuseums. Das Kurzfilmprogramm 1 wird gegeben, los geht’s mit „Maradonas Beine“: Junge Palästinenser jagen während der Fußball-WM 1990 nach dem letzten fehlenden Sticker fürs Sammelalbum – den Beinen von Diego Maradona. „Arabisch!“, flüstert es beim Vorspann durchs ganze Kino. Als das Licht angeht, wollen die meisten Kinder sagen, dass sie die Originalsprache verstanden haben.

Identitätsfindung auch in „Boje“, dem deutschen Kurzfilmbeitrag, der wundervolle Fragen stellt: Woher weiß ich, dass ich gerade nicht träume? Wer entscheidet, was schön ist? Wie erkenne ich, dass ich jemanden liebe? Die Regisseure Andreas Cordes und Robert Köhler haben im Film eine noch schönere Antwort. Nur am Dienstag nicht auf die Frage des Publikums: „Warum gibt’s kein Popcorn?“

In „Harajuku“ wird zwischendurch ein Junge in ein Bahnhofsschließfach gesperrt. Zwei kleine Mädchen und ihr Vater im Publikum sind irritiert. Eirik Svensson berichtet, seine Nachbarin habe mal eine Ziege für einige Minuten im Schließfach untergebracht, um die Hände frei zu haben, das habe ihn auf die Idee gebracht. Er ist unprätentiös und eben darin so besonders, genau wie sein Film.

Lucas:Preisverleihung am Donnerstag. Die Siegerfilme laufen erneut am Wochenende. www.lucas-filmfestival.de.

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