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„Love Life“, „The Eternal Daughter“ und „The Banshees of Inisherin“: Böser Teufel Einsamkeit

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Von: Daniel Kothenschulte

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Colin Farrell in „The Bansees of Inisherin“.
Colin Farrell in „The Bansees of Inisherin“. © 2022 20th Century Studios © 20th Century Studios

Drei originelle Beziehungsdramen führen den Venedig-Wettbewerb zu kleineren Formaten: „Love Life“, „The Eternal Daughter“ und „The Banshees of Inisherin“.

Wir sind Filmemacher, für uns bedeutet zu leben, dass wir arbeiten.“ Jafar Panahi, der iranische Wettbewerbsteilnehmer, hat dem Venedig-Festival einen Brief aus dem Gefängnis geschrieben. „Das Werk, das wir schaffen, entsteht nicht in ihrem Auftrag, deshalb hält uns unsere Regierung für Kriminelle … einige Filmemacher wurden mit einem Arbeitsverbot belegt, andere ins Exil getrieben oder in die Isolation. Und trotzdem ist die Hoffnung, wieder kreativ sein zu können, ein Grund, zu existieren.“

Bevor Panahis heimlich außer Landes geschaffter Film „No Bears“ am Freitag seine Weltpremiere erleben wird, informierte am Lido eine Podiumsdiskussion über die Situation iranischer Filmemacherinnen und Filmemacher. Kurz vor Panahi waren im Juli bereits seine Kollegen Mohammad Rasulof, der Berlinale-Gewinner für „There Is No Evil“, und Mostafa Al-Ahmad eingesperrt worden. Der Produzent des letzteren Films, Kaveh Farnam, machte dabei deutlich, dass Filmemachen im Iran kein Recht, sondern ein Privileg sei – „vergeben an jene, die Propaganda machen oder das Land sonst wie in einem guten Licht darstellen“. Gleichwohl werden auch die Arbeiten regierungstreuer iranischer Regisseure regelmäßig bei großen Festivals gezeigt. Umso mehr berühren die Worte Panahis, der sich ein Leben ohne Kunst nicht vorstellen kann.

Jeder, der seine Kunst wirklich ernst nimmt, kann das gut verstehen, auch in einer Demokratie, wo allein materielle Grenzen die künstlerische Freiheit beschränken. Wie unverständlich ist es da, dass die deutsche Filmförderung ihre primäre Aufgabe nicht mehr in der Förderung der Kunst, sondern obskurer Unterhaltung wie „Der junge Häuptling Winnetou“ sieht.

Wie schon in Cannes fehlt das deutsche Kino nun auch in Venedig. Und lange ist es her, dass die Filmstiftung Nordrhein-Westfalen das deutsche Kino jährlich mit prächtigen Empfängen in einem historischen Palazzo feierte. Die traurige Nachricht vom Tod ihres kulturaffinen früheren Direktors Michael Schmid-Ospach am 29. August überschattete den Festivalauftakt.

Das erste makellose Meisterwerk in Venedig kommt aus einem Filmland, das viel geringere Fördermittel zur Verfügung stellt als Deutschland, aber in allen internationalen Wettbewerben mitmischen kann – Japan. „Love Life“ von Koji Fukada beginnt wie ein federleichter Familienfilm. Ein junger Mann hat ohne die Zustimmung seiner konservativen Eltern geheiratet; die Geschiedene mit Kleinkind beleidigen sie als „Gebrauchtware“. Doch bevor der Konflikt im Zuge eines kleinen Familienfestes noch angegangen und ausgetragen werden kann, kommt es zu einem tragischen Unfall: Das Kind ertrinkt beim Spielen in der Badewanne.

Kento Nagayama und Fumino Kimura in „Love Life“.
Kento Nagayama und Fumino Kimura in „Love Life“. © Love Life Film Partners/Comme des Cinemas

Das japanische Kino hat eine besondere Tradition in der unsentimentalen Behandlung von Trauer und Tod, aber der produktive 42-Jährige geht in seinem neunten Film völlig überraschende Wege. Bei der Trauerfeier wird die bis dahin im Schock erstarrte Mutter tätlich angegriffen. Der Überfall des abtrünnigen Vaters, eines obdachlosen, gehörlosen Koreaners, lässt die Frau zunächst gänzlich zusammenbrechen. Dann aber beginnt sie mit ihm eine gemeinsame Trauerarbeit – die wiederum ihre Ehe gefährdet.

Fukadas Lieblingsregisseure sind Jasujiro Ozu und Eric Rohmer, und diese Einflüsse verschmelzen zu einer behutsamen Feinfühligkeit, leicht und dennoch von makelloser Stilsicherheit. Bereits mit Anfang 20 erfand Fukada diese einfache Geschichte, in jahrelanger Arbeit entwickelte er sie zu einem betörenden Drama über die Zerbrechlichkeit von Partnerschaften. „Wir kommen einsam ins Leben und sterben einsam“, ist Fukada überzeugt. „Auch wenn wir zwischendurch Familien haben, um sie vergessen zu lassen, Einsamkeit ist die Ader der Menschlichkeit.“

Auch die beiden anderen bemerkenswerten Wettbewerbsfilme der letzten Tage tauchen in ungewöhnliche Beziehungswelten. Tilda Swinton spielt in „The Eternal Daughter“ eine Filmemacherin und zugleich deren alternde Mutter. Joanna Hogg hat dieses autobiografische Kammerspiel in einem prächtigen nordenglischen Landhaus angesiedelt. Die Tochter hat die Mutter an den Ort ihrer Kindheit in der Kriegszeit eingeladen, der inzwischen als Hotel betrieben wird. Jeder der prächtigen Salons weckt Erinnerungen, und für die Seniorin unerwartet viele unangenehme.

Nuancen reichen der Filmemacherin aus, um in der emotionalen Reaktion der Tochter Grundlegendes über Trauma-Übertragung zu vermitteln. Während die Mutter dem Verdrängten noch immer mit Disziplin begegnen möchte, beginnt ihre Tochter schmerzlich, die Schatten über dem gemeinsamen Leben zu begreifen. Doch dies ist nicht nur ein intimer Dialogfilm. Wie in einem viktorianischen Schauerroman spielt das suggestive Haus die dritte Hauptrolle.

Die Freundschaft zweier Männer schließlich steht im Mittelpunkt eines beim Publikum gefeierten Beitrags, der auf einer irischen Insel spielt, „The Banshees of Inisherin“. Filmemacher Michael McDonagh hat für die Hauptrollen die Stars seines unvergessenen Debüts „Brügge sehen ... und sterben?“ wieder zusammengebracht, Colin Farrell und Brendan Gleeson. Als sich Gleesons schrulliger Fiedelspieler auf einmal grundlos weigert, Zeit mit seinem bis dato besten Kumpel zu verbringen, bricht für diesen eine Welt zusammen. Schlimmer noch, der Musiker will sich für jeden weiteren Versuch des anderen, ihn zu sehen, einen seiner Geigenfinger abschneiden. Eine fein geschriebene schwarze Komödie entfaltet sich – makellos und herrlich festgebissen ins Absurde.

Von einem Favoriten für Samstag ist das Festival gleichwohl noch weit entfernt – da muss erst Jafar Panahis Beitrag laufen.

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