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„Lost in Fuseta – Ein Krimi aus Portugal“: Verbrecherjagd unter der Sonne der Algarve

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Von: Harald Keller

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„Lost in Fuseta - Ein Krimi aus Portugal“ im Ersten.
„Lost in Fuseta - Ein Krimi aus Portugal“ im Ersten. © ARD Degeto/Mariella Koch

Das Erste zeigt einen zweiteiligen Portugalkrimi nach einem Roman von Gil Ribeiro alias Holger Karsten Schmidt.

Frankfurt – Die für solche Aufgaben zuständige ARD-Firma Degeto hat den Roman „Lost in Fuseta“ des Autors Gil Ribeiro verfilmen lassen. Hinter dem Pseudonym verbirgt sich Holger Karsten Schmidt, der dem Ersten ansonsten Reihen wie „Nord bei Nordwest“, „Harter Brocken“, „Der Metzger“ zuliefert. „Lost in Fuseta“ wurde um einiges aufwändiger als Zweiteiler an Originalschauplätzen an der Algarve gedreht (Produktion: ffpnewmedia). In Unkenntnis des Romans, der schon im ersten Satz einen Grammatikfehler enthält, allein gemessen am filmischen Ergebnis, wird nicht auf Anhieb ersichtlich, warum es zu dieser Entscheidung kam.

Graciana Rosado (Eva Meckbach) rast dermaßen wild durch die portugiesische Küstenlandschaft, dass üppige Staubwolken die Sonne verdunkeln. Keine Verfolgungsjagd, sie und Carlos Esteves (Daniel Christensen) bringen nur den Kollegen Rui zum Flughafen, der ein Jahr lang in Hamburg tätig werden soll. Im Austausch nehmen sie den Deutschen Leander Lost (Jan Krauter) – ein sehr verzichtbarer Namenswitz – in Empfang.

TV-Kritik: „Lost in Fuseta“ im Ersten

Lost ist förmlich und somit unpassend gekleidet, von kindlichem Aussehen, etwas steif, unterkühlt und offenbar ziemlich humorlos. Außerdem äußerst penibel. Beispielsweise vermag er auf Anhieb die Zahl der Hamburger Regentage – sie lautet 129,4 – und die daraus erwachsende Niederschlagsmenge – 772,7 Millimeter – zu nennen. Da ist er allerdings nicht auf dem neuesten Stand, es handelt sich um Durchschnittswerte aus dem letzten Jahrtausend. Eine Petitesse, würde nicht der Figur des Leander Lost von Autor Holger Karsten Schmidt eben das Beharren auf Genauigkeit als signifikantes Wesensmerkmal zugeschrieben.

Auf der Rückfahrt frotzeln die beiden Portugiesen über den Gast und bekommen rote Wangen, als der zu erkennen gibt, dass er ihre Sprache versteht. Fortan unterhält man sich in einem absurden Kauderwelsch aus Deutsch, Englisch, Portugiesisch. Nach dem Muster: „Wir bringen Sie to your new home. Ein Haus nahe Fuseta.“ Die deutsche Sprache ersetzt hier eigentlich das Portugiesische, so wie es bei Hollywood-Filmen das Amerikanische ersetzt. Aber irgendwie soll doch Lokalkolorit anklingen. Darum grüßt man sich undeutsch mit „Olá“, dankt mit „Obrigada“, und der Tote wird bei seinem Spitznamen „O Olho“, das Auge, genannt. Brabbelon statt Babylon.

Trotz ständigen Sonnenscheins sind Rosada und Esteves offenbar nicht die Hellsten. Sie bedürfen erst der Nachhilfe durch Gracianas kluge Schwester Soraia Rosado (Filipa Areosa), um zu erkennen, dass der „Alemão“ mit dem Asberger-Syndrom geboren wurde. Es fehlt ihm somit an sozialer Kompetenz. Er kann Gesten und Mienen nicht deuten, kann nicht lügen, nicht gegen Dienstvorschriften verstoßen, versteht keine Ironie, begegnet Mehrdeutigkeiten mit Unverständnis. Daraus schlägt Schmidt häufig humoristisches Kapital. Esteves fragt: „Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?“ Lost erwidert völlig ernsthaft: „Nein, ich könnte Sie niemals tragen.“ Zugleich weist Lost außerordentliche Begabungen auf. Ein fotografisches Gedächtnis, schnelle Auffassungsgabe, logisches Denkvermögen. Auch als Schütze macht er eine gute Figur.

„Lost in Fuseta“ im Ersten: Schmerzende Spötteleien

Diese Eigenschaften machen Lost allerdings zum Außenseiter. Entsprechend haben die portugiesischen Ermittler einige Schwierigkeiten mit ihm, möchten gar die Zusammenarbeit beenden und ihn nach Hause schicken. Kurz klingt die Tragik an, mit denen Menschen wie Lost im Alltag zu kämpfen haben. Über seine Hamburger Kollegen sagt er: „Sie lachen gern“, und man kann sich denken, wie das gemeint ist, begreift es spätestens, wenn ihm die Tränen kommen, als ihm die Heimreise befohlen wird.

„Lost in Fuseta – Ein Krimi aus Portugal“

Samstag, den 10. September, 20.15 Uhr, Das Erste

Damit lässt es Schmidt aber auch bewenden, verwendet mehr Zeit auf Losts Schrullen und die Reaktionen seiner Umwelt, legt auch das Fundament für eine Liebesgeschichte zwischen Lost, der Grübchen mag, und Soraia Rosado, die über Grübchen verfügt. Dieses Moment wirkt aufgesetzt, hätte auf jeden Fall mehr Entwicklungszeit benötigt, um plausibel zu erscheinen. Denn erst einmal beantwortet Lost das Angebot der nach medial geprägten Maßstäben bildhübschen und aufmerksamen Rosada, ihn gelegentlich zu besuchen, mit der Frage: „Warum?“

„Lost in Fuseta“ im Ersten: Die Angst in surrealen Bildern

Serienfans wissen um die Vorgänger dieses Charakters, erkennen vielleicht auch Übereinstimmungen. Wie Sheldon Cooper in „The Big Bang Theory“ bemüht sich Lost, Ironie zu verstehen. Zur Schule der scharfsinnigen Sonderlinge zählen ferner der belgische Professor T., Doctor House, Shaun Murphy aus „The Good Doctor“, um nur einige zu nennen.

Der Kriminalfall entwickelt sich eher zäh und endet nicht gerade glaubwürdig. Ein ums andere Mal greift der Routinier Schmidt in den Baukasten mit den Standardsituationen. Die gefährdete Zeugin – ein von Schmidt häufig verwendetes Motiv –, die undichte Stelle im Apparat. Polizeieinsätze erfolgen hier strikt nach Lehrbuch – und zwar den Absätzen folgend, die besagen, wie man es nicht machen soll.

Regisseur Florian Baxmeyer dürfte erkannt haben, dass die Geschichte mehr Tiefe und innere Spannung vertragen hätte. Ersatzweise jagt er die Kamera im Düsentempo und in wilden Flugbahnen durch die Lüfte, auch wenn nur eine völlig unspektakuläre Motorradfahrt bebildert werden muss. Originell hingegen, wie er Losts Ängste visualisiert, mit wirkungsvollen Ausflügen ins Surreale. Und natürlich zehren er und Kameramann Michael Grabowski enorm von der besonnten mediterranen Küstenlandschaft. (Harald Keller)

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