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Die Logik des Traums

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Von: Daniel Kothenschulte

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Michael Haneke präsentierte sein neunen Film "Das weiße Band" bei den Filmfestspielen in Cannes.
Michael Haneke präsentierte sein neunen Film "Das weiße Band" bei den Filmfestspielen in Cannes. © dpa

Die Stunde der Autorenfilmer beim Festival in Cannes: Michael Haneke mit seinem Film "Das weiße Band" und Alain Resnais mit "Les Herbes Folles". Von Daniel Kothenschulte

Haben Sie meinen Film schon gesehen?" Die auf Filmfestivals häufig geäußerte Frage ließ sich früher höflich verneinen, die Gefragten mussten höchstens damit rechnen, dass ihnen der Filmemacher eine DVD in die Hand drücken würde. Spätere Nachfragen ausgeschlossen. Diese Zeiten sind vorbei. Am frühen Freitagmorgen dämmerte mir das neue Zeitalter.

Ohne eine Sekunde zu zögern, griff ein junger Filmemacher in seine Jacketttasche, zückte sein iPhone, drückte auf Play und reichte mir das Taschenkino in die Hand. Weglaufen zwecklos. Ich weiß nicht, worüber ich mehr staunte: Die Wunder der Technik oder einen tatsächlich vorzüglichen Kurzfilm. Aber wie zieht man sich künftig aus der Affäre? "Pardon, jetzt habe ich doch wirklich Ihre Datei gelöscht?"

"Das weiße Band" im Titel von Michael Hanekes Gesellschaftsdrama ist nicht "Bennys Video". Ein Dorfpastor bindet das titelgebende Stück Stoff seinen misshandelten Kindern als Mahnung der Tugend ins Haar. Wie so oft in seinen früheren Filmen verhandelt der Österreicher das Thema gesellschaftlicher Fehlentwicklungen am Ansteckungsfaktor von Gewalt.

In einem deutschen Bauerndorf am Vorabend des Ersten Weltkriegs ist schon die Sprache gründlich vergiftet. Eine Serie von Gewalttaten, denen auch zwei kleine Kinder zum Opfer fallen, untergräbt den scheinbaren Frieden. Bald jedoch drängt sich der Verdacht auf, dass es die Kinder sind, die das Erlittene und Erlernte an die Schwächsten weitergeben.

Fotografiert in klinischem Schwarzweiß, gibt sich Hanekes neues Lehrstück in seiner Lesart früh zu erkennen: Zwei Jahrzehnte später wären diese bösen Kinder erwachsene Nazis. Doch die Reduzierung der Figuren auf wenige, exemplarische Eigenschaften führt zu einer unglücklichen Holzschnitthaftigkeit.

Der Dialog orientiert sich zwar äußerlich an Vorlagen von Horváth oder Wedekind, ist jedoch nicht frei von moderner Terminologie - etwa wenn von einem behinderten Kind die Rede ist. So haftet dem aufwändigen Ensemblestück, mit Ulrich Tukur, Josef Bierbichler und einem hervorragenden Burghart Klausner prominent besetzt, ein Eindruck des Gesetzten an, der jede Empathie verhindert.

Vor allem aber lassen die gleichwohl faszinierenden zweieinhalb Stunden den Zuschauer diesmal ohne Geheimnis zurück. Ein Eindruck, den das überscharfe technisierte Schwarzweiß - zumindest in der digitalen Projektion beim Festival - noch schmerzlich verstärkt.

Wie leicht und elegant beherrscht dagegen der große Alain Resnais noch immer das filmische Erzählen. Mit "Les Herbes Folles" ("Wildes Gras") kehrt der Regisseur, demnächst 87, zurück in die Welt der surrealen Komödie, wie er sie mustergültig 1967 mit "Je t'aime, je t'aime" definierte.

Die Geschichte beginnt mit einer Banalität, wie man sie einem guten Geschichtenerzähler als Ansporn zuwerfen könnte, damit er sie in kunstvoller Verve ausschmücke: Ein Mann mittleren Alters findet auf der Straße eine Brieftasche. Die Ausweise darin verraten ihre Besitzerin als Pilotin und wecken im Finder, einem Flugzeugfan, eine unstillbare Lust, diese Abenteurerin kennen zu lernen.

Doch Projektion und Wirklichkeit sind nicht das Gleiche. Es beginnt eine vertrackte Kette von Situationen, die in einer zärtlichen Surrealität verschmelzen; Wunschträume folgen auf Albträume - getragen von den unkontrollierbaren Sehnsüchten, die uns in Träumen manchmal aus der Kindheit grüßen, gehemmt von lähmenden Peinlichkeiten, wie sie ebenfalls erst in der Traumlogik einen Sinn ergeben.

Resnais hat einen Roman verfilmt, "L'Incident" von Christian Gailly, und sich dabei gänzlich zu eigen gemacht. Die schönste Szene spielt in einem in zauberhaftem Kulissenbau errichteten Kino, wo sich der ältere Herr - wie das in Paris ja durchaus möglich ist - einen Fliegerfilm aus seiner Kindheit ansehen möchte. Natürlich halten "Die Brücken von Tokyo-Ri" mit William Holden und Grace Kelly der Erinnerung nicht stand - es ist eher ein Dutzendfilm als ein Klassiker des alten Hollywood.

Aber genau darin versteht Alain Resnais das Geheimnis des Kinos so viel besser als alle Nostalgiker: Man kann es nicht vermitteln, wenn man nur von seinen Klassikern, dem Kanon des Bekannten, spricht. Vielleicht ist es Resnais' letzter Film, doch welch ein Abschied wäre ihm damit gelungen.

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