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Vorne: Benedict Cumberbatch, links: Keira Knightley.

„The Imitation Game“

Ich löse gern Probleme

Regisseur Morten Tyldum hat das Leben des homosexuellen britischen Mathematikers Alan Turing verfilmt. „The Imitation Game“ mit Benedict Cumberbatch ist das vielschichtige Porträt eines Genies.

Von Anke Westphal

Alan Turing hat keinen Sinn für Witze. Er versteht sie einfach nicht – ebenso wenig wie die Menschen, die Witze machen. In der Welt der Zahlen fühlt sich das Mathematikgenie sehr viel wohler als in der Gesellschaft seiner Zeitgenossen. Turing gilt als unzugänglich und versnobt, doch seine große Stunde schlägt, als Hitlers Armee zur Bedrohung wird für Großbritannien. Das Verteidigungsministerium stellt ein Team aus Kryptologen, Mathematikern, Geheimdienstlern, Schachmeistern und Statistikern zusammen, das den Enigma-Code knacken soll, mit dem die Nazis ihre militärischen Operationen verschlüsseln.

Turing ist Teil der streng geheimen Mission, die irgendwo nahe London angesiedelt wird. Für die Dechiffrierung wird eine kostspielige, neuartige Rechenmaschine angeschafft. „Ich löse gern Probleme“, bekennt der Held von „The Imitation Game“ zu Beginn dieses Spionage-Thrillers, doch ein Problem wird er nicht lösen können.

Wie Morten Tyldum erst nach und nach mit diesem herausrückt, erweist sich als geschickter Erzählkniff. Der norwegische Filmemacher („Headhunters“) gibt mit „The Imitation Game“ sein internationales Debüt; seit Monaten wird dieser gediegen inszenierte Film hoch gehandelt für die Oscars. Das verdankt sich zum großen Teil dem britischen Schauspieler Benedict Cumberbatch, der hier als quasi autistischer Wissenschaftler zur Hochform aufläuft. Schon die seltsame Schönheit von Cumberbatch manifestiert die Sonderstellung seiner Filmfigur in einem Ensemble, das auch nicht gerade blass wirkt. Keira Knightley etwa verkörpert eine mathematisch hochbegabte, junge Frau, die in einer Zeit zu Turings Team stößt, da sich Frauen intellektuell keinesfalls hervorzutun hatten. Nachdem der von Churchill beförderte Alan Turing viele der vom Ministerium angeheuerten Spezialkräfte wegen Unfähigkeit gefeuert hatte – womit er sich mächtige Feinde macht –, hatte er neue Mitarbeiter durch ein Inserat in der „Times“ angelockt, mit welchem Leser angesprochen wurden, die in kürzester Zeit ein äußerst kompliziertes Kreuzworträtsel lösen konnten. Joan Clarke (Knightley) war die einzige Frau unter den Bewerbern; der unkonventionelle Turing förderte sie.

Überhaupt skizziert dieser Film die Ächtung überholter Konventionen und den Kampf gegen Autoritäten, den Umgang mit Geheimnissen, die zu entschlüsseln sind, und die Doppelspiele dabei auf verschiedenen Ebenen. Das tut er, ohne Genre-übliche Spannungsmomente zu vernachlässigen. Natürlich gibt es irgendwo einen Verräter, selbstredend gerät Turing in Verdacht.

Der maschinelle Krieg

Zudem wird der Enigma-Code von den Nazis alle 24 Stunden geändert, was bedeutet, dass Turings Team mit dem Rechner nicht allein gegen die Oberen, sondern auch gegen die Uhr arbeiten muss. Das Klackern unzähliger Zahnräder assoziiert Schüsse wie einschlagende Granaten und Bomben; es ist Metapher eines maschinellen Kriegs, in dem der Einzelne nichts gilt. Menschen sterben, während sich der sozial unbegabte Turing mit Mitarbeitern und Vorgesetzten herumschlagen muss. Und letztere lassen ihn den Hass der Macht auf den Geist spüren.

„The Imitation Game“ ist nicht der erste Film über Enigma; der britische Regisseur Michael Apted hat sich bereits vor 13 Jahren in „Enigma – Das Geheimnis“ mit dem Thema befasst, Kate Winslet spielte damals eine tragende Rolle. Morten Tyldum offenbart in seiner Regiearbeit indes nach und nach eine zweite Geschichte, die das Individuum wieder ins Recht setzt gegenüber der Gesellschaft und den historischen Ereignissen. Alan Turing war nämlich schwul, was erst allmählich klar wird in der engen Beziehung zu Joan Clarke. Beide sind Geistesverwandte, und Clarke bietet Turing zum Schein eine sogenannte „Lavendel“-Ehe an, die beiden gleichermaßen Schutz bieten würde: Turing wäre halbwegs sicher vor einem Gesetz, das Homosexualität unter Strafe stellt, und Clarke könnte einen ihren Fähigkeiten entsprechenden Beruf ausüben, ohne dass ein konservativer Ehemann sie daran hindern würde.

Alan Turing kann sich nicht zu einer solchen Ehe durchringen, was die Tragik seines Lebens besiegelt. Nicht nur Enigma ist hier ein Code, auch die sexuelle Identität. Aus der Perspektive der fünfziger Jahre und aus der Sicht der Nachgeboren lässt uns dieser Film auf ein Leben schauen, das früh von Gewalterfahrung geprägt wurde und letztlich an staatlicher Gewalt scheitern musste.

Nach Jahren staatlich angeordneter Hormon-Therapie beging Alan Mathison Turing 1954 im Alter von 42 Jahren Suizid. Tyldums Film setzt ihm ein Denkmal, schlägt aus dem seltsamen Wesen dieses genialen Wissenschaftlers aber auch viel humoristisches Kapital. Und wenn der Enigma-Break am Ende rechtschaffen verklärt wird, verweist „The Imitation Game“ wohl nicht zufällig auf die allmächtigen Algorithmen unserer Gegenwart.

The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben. USA/ GB 2014. Regie: Morten Tyldum. 113 Min.

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