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Filmproduzent Muhammad Zaidy aus Indonesien mit dem Goldenen Leoparden für „Vengeance is Mine – All Others Pay Cash“ von Regisseur Edwin.
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Filmproduzent Muhammad Zaidy aus Indonesien mit dem Goldenen Leoparden für „Vengeance is Mine – All Others Pay Cash“ von Regisseur Edwin.

Filmfestival Locarno

Locarno Filmfestival: Die Schönheit ist kein Tabu

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Unter neuer Leitung versöhnt das Festival von Locarno die Filmkunst mit dem Genrekino.

Mit dem Kino war auch das Filmfestival von Locarno für ein Jahr von der Landkarte verschwunden. Nun meldete es sich mit der 74. Ausgabe eindrucksvoll zurück, und die Erwartungen waren hoch: Schon in Cannes hatten viele Besucher vergeblich auf einen Berg gehorteter Filmschätze gehofft, die nur auf das Ende der Lockdowns gewartet hätten. Doch wo sollten all die guten Filme plötzlich herkommen, wenn doch auch schon vor der Pandemie das Kino in einer Krise steckte?

Auch Locarno konnte nicht plötzlich aus dem Vollen schöpfen, aber es nutzte den Neustart zu einer Neuorientierung – immerhin hatte man seinen früheren Programmchef Carlo Chatrian an die Berlinale verloren. Der neue künstlerische Leiter Giona A. Nazzaro kratzt am über die Jahre etablierten Dogma einer strengen Trennung zwischen radikaler Filmkunst in den Wettbewerben und populäreren Formaten auf der Piazza. Das kann natürlich nur gelingen, wenn sich an diesen Grenzen auch künstlerisch etwas tut. Und tatsächlich: Einen Gewinnerfilm wie das Genre-Pastiche „Vengeance Is Mine, All Others Pay Cash“ des Indonesiers Edwin hat es in vielen Jahren nicht gegeben.

Der sympathische Kleingangster im Mittelpunkt leidet an einer Erektionsstörung, die nicht dadurch besser wird, dass jeder in seinem Umfeld davon weiß. So bekommt sein übertriebenes Machogehabe einen Hauch von Tragik, was wiederum den weiblichen Bodyguard eines verfeindeten Gangsters neugierig macht. In einer hinreißend chaotischen Karate-Einlage arbeiten sie sich aneinander ab, und dies ist nur die erste Kostprobe von Edwins erfrischendem Spiel mit Geschlechterrollen und Genrekonventionen. Es geht so leichthändig zu wie im Hongkong-Kino der 90er Jahre.

Die Darstellerin Ladya Cheryl, die schon zum dritten Mal in einem von Edwins Filmen spielt, adaptiert nicht einfach männliche Rollenmuster für eine Actionheldin. Sie gibt dem Film eine ganz eigene Färbung, und die Liebesgeschichte, die sich zwischen den Figuren augenblicklich entspinnt, beseelt diesen ansonsten rasant-anarchischen Actionfilm. Nicht nur Tarantino wäre begeistert. Bezwingend ist auch der Sinn für Einfachheit So spielt der Film in den 80ern, doch alles, was Edwin für das Flair des Jahrzehnts braucht, ist eine kleine Szene wie jene, in der die Protagonistin beiläufig eine verhedderte Audiokassette repariert.

Koproduziert von Fatih Akin, steht dieser ebenso überraschende wie verdiente „Goldene Leopard“ auch für die Internationalität eines Teils der deutschen Filmwirtschaft. Der in Köln ansässige Weltvertrieb Match Factory, der hier im Vorspann steht, beliefert inzwischen fast alle großen Wettbewerbe.

In Minimalismus schwelgen

Deutsche Filmemacherinnen und Filmemacher waren dagegen beim wichtigsten Schweizer Festival kaum präsent. Umso eindrucksvoller der Beitrag des Hamburger Filmkünstlers Nicolaas Schmidt. „First Time [The Time for All but Sunset – Violet]“ ist mit 50 Minuten sein bislang längstes Werk. Eingestimmt durch das nostalgische „found footage“ eines Coca-Cola-Werbespots aus den 80er Jahren, erlebt man die berückende Paradoxie eines schwelgerischen Minimalismus.

Das äußere Ereignis ist eine Hamburg-Bahnfahrt stadteinwärts mit der U3, doch wie in den Anfangstagen des Kinos geht es um den ästhetischen Überschuss abseits einer „Einfahrt eines Zuges“: Sonnenstrahlen verleiten zu einer abstrakten Sequenz wie Lichtschein auf geschlossenen Augen. Während die namenlosen jugendlichen Protagonisten in ihrem Abteil ab und zu einen Schluck Cola trinken, füttert uns der Filmemacher mit köstlich-rosafarbenen Abendhimmeln. Es ist auch ein Exkurs über das Tabu eines überbordenden Ästhetizismus, den die Kunst gern unter Kitschverdacht stellt. Und doch fühlt man sich an eine Zeit erinnert, als man noch von Experimentalfilm sprach, aber damit Abenteuerlust verband und Reisen ins Unbekannte.

Die rumänische Regisseurin Adina Pintilie verglich Schmidts Film, dem sie als Jurorin eine lobende Erwähnung verlieh, mit Werken von Chantal Akerman und Straub-Huillet, ebenso ließe sich an Lutz Mommartz denken, der vor fünf Jahrzehnten einen Blick aus dem Zugfenster ins Endlose dehnte. Solch mittellange Filme fallen bei Festivals gern zwischen die Stühle, im Land der Uhrmacher weiß man Filmzeit freilich noch zu schätzen.

Plötzlich Theater

Das gilt auch für den chinesischen Dreistundenfilm, der den Spezialpreis der Jury gewann. Auch bekannt als Maler eines delikaten phantastischen Realismus, gelang Qiu Jiongjiong mit „A New Old Play“ ein überwältigendes Epos: Diese Geschichte des chinesischen Theaters im 20. Jahrhundert nimmt ihr Thema zum Anlass steter Erneuerung. Dabei ist es gerade das Theatrale, das hier die Filmsprache erneuert – etwa wenn sich die Figuren plötzlich in ein lebendiges Schattentheater verwandeln.

Es war nicht alles Gold, was glänzte – Abel Ferrara, der gleichwohl den Regiepreis erhielt, enttäuschte mit seiner nur skizzenhaft realisierten pandemischen Dystopie „Zero and Ones“ – aber doch vieles. Treu blieb sich das Festival auch mit der anspruchsvollen Wahl des Protagonisten seiner Retrospektive. Sie galt Alberto Lattuada, einem der Väter des Neorealismus. Lattuadas eigentliches Thema aber war der Ästhetizismus, insbesondere in seiner Feier jugendlich-weiblicher Schönheit. Mit „Bleib wie du bist“ trug er wesentlich zum Starruhm von Nastassja Kinski bei. Nur noch wenige seiner Filme sind außerhalb von Archiven zu sehen, umso wichtiger ist es, gerade jetzt diesen Regisseur wieder zu diskutieren – im Kontext eines neuen Bewusstseins für den oft problematischen Umgang des populären Kinos mit Geschlechterrollen.

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