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Wissenschaftlerin Alice im gefährlichen Blumen-Wunderland.

„Little Joe“

„Little Joe“ im Kino: Die Blumen des Bösen

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Jessica Hausners nachdenklicher Science-Fiction-Film „Little Joe“.

In der produktivsten Zeit des Monsterfilms, den fünfziger bis siebziger Jahren, konnte einem eigentlich alles gefährlich werden. Allein Godzilla-Vater Ishirô Honda erschuf fliegende Walrosse, intergalaktische Quallen und – im Kultklassiker „Matango“ – bewegliche Riesenpilze. Monströse Pflanzen kennt der Filmliebhaber natürlich vor allem aus der Komödie „Der kleine Horrorladen“ und mehreren Verfilmungen von Jack Finneys Roman „Die Körperfresser kommen“.

Vor allem diese Geschichte, in der in den Schoten außerirdischer Gewächse gefühllose Menschen-Duplikate heranreifen, hat Jessica Hausner inspiriert. Auch wenn ihr Science-Fiction-Film „Little Joe“ von einer irdischen Züchtung handelt, noch dazu einer attraktiven Blume in verführerischem Purpurrot, vermag diese doch fast das Gleiche: Wer sich von ihrem Duft betören lässt, ist fortan nicht mehr er selbst.

Emily Beecham spielt eine Forscherin mit dem beziehungsreichen Namen Alice. Auch die Wunderland-Besucherin machte die Bekanntschaft mit nicht unbedingt umgänglichen Blumen, aber was diese Alice da erfindet, hat ein anderes Kaliber. Angetreten mit dem Ziel, eine Blume zu züchten, die Glücksgefühle erzeugt, kreiert sie unwissentlich ein Monstrum.

Eines der ersten Exemplare vertraut die alleinerziehende Mutter ihrem Sohn an, der auch Pate bei der Namensgebung steht. Als er sich plötzlich verändert, ahnt die Wissenschaftlerin, dass etwas mit ihrer Kreatur nicht stimmt. Doch zu diesem Zeitpunkt wittert die privatwirtschaftliche Firma, die sie beschäftigt, bereits das große Geschäft mit der Glückspflanze – und wen diese Blume einmal betört hat, der bleibt ihr auch treu.

Das Tamagotchi im Blumentopf nistet sich mit seinem einnehmenden Duft tief im Gehirn der Menschen ein, die für sie unheimliche Schutzgefühle entwickeln – und darüber auch ihren engsten Verwandten die kalte Schulter zeigen. Natürlich ist dieses vieldeutige Kunstgewächs auch nicht auf dem Mist des „Körperfresser“-Autors Finney allein gewachsen. Schon Märchenerzähler von Tausendundeiner Nacht erzählten von wundertätigen Gewächsen.

Hausners bedächtiger Film, eine Art Zeitlupen-Thriller, betört nicht unbedingt durch seine vorhersehbare und kaum entwickelte Geschichte. Es ist die Künstlichkeit der Treibhausszenen mit ihrem irrealen Blumenmeer in von Licht durchfluteten Schutzräumen, die vor allem in den Bann zieht. Da dies leider kein Geruchsfilm ist, musste Hausner durch den Effekt der Farbe eine ähnliche Sinnlichkeit generieren, und das ist faszinierend genug.

Im Science-Fiction-Klassiker „Lautlos im Weltraum“ überlebten ausgewählte Pflanzenarten unter der künstlichen Sonne eines fliegenden Gewächshauses. Diese frühe ökologische Perspektive auf das Genre nimmt Hausner auf und kombiniert sie mit einem feministischen Subtext: Die alleinerziehende Mutter Alice muss ihre Zeit zwischen der Arbeit und ihrem Sohn aufteilen, worunter sie offensichtlich leidet. Ihre Pflanze produziert das oft als Mutterhormon bekannte Oxytocin, das im Geburtsprozess eine wichtige Rolle spielt. Zentrales Thema des Films ist die Simulation von Glück als begehrenswertestem Gemütszustand in der kapitalistischen Gesellschaft.

Ein kurzer Spaziergang durch die Hipster-Läden gentrifizierter Stadtviertel reicht aus, um den Wink mit dem Zaunpfahl zu verstehen: Selten wurde das billigste Konsumentenglück so teuer verkauft wie heute.

Little Joe – Glück ist ein Geschäft. A/D/GB 2019. Regie: Jessica Hausner. 106 Min.

Kino-Tipp: Sam Mendes’ Kriegsfilm „1917“ ist als schwelgerisches Schlachtengemälde gleichermaßen grandios wie befremdlich.

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