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Lindholm-Tatort „Die Rache an der Welt“ im Ersten: Europäische Taten

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Von: Judith von Sternburg

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Vor 20 Jahren startete Maria Furtwängler als Tatort-Ermittlerin Lindholm in der ARD. Zum runden Datum gibt es eine ehrgeizige, aber etwas dröge geratene Folge.

Göttingen – Gemeinsam werden wir älter, Kommissarin Lindholm ermittelt davon aber weitgehend ungerührt seit 20 Jahren im Tatortin der ARD, und der Zeitraum wird erst greifbar, wenn man sich klar macht, dass im selben Frühjahr 2002 am Bodensee Klara Blum die Ermittlungen aufnahm und in Frankfurt Sänger und Dellwo starteten. In Münster liefen gerade die Vorbereitungen für ein Herrendoppel, und das interessierte Publikum stellte sich auf Ulrich Noethen als Rechtsmediziner an der Seite von Axel Prahl (als Leo Lenz) ein.

Ja, jetzt klingt das doch alles schon sehr viel länger her. Damals ging es übrigens um die 500. Folge, 52 Jahre nach dem ersten Tatort von 1970, „Die Rache an der Welt“ ist jetzt die Nummer 1212. Die Schlagzahl hat sich also deutlich erhöht, die einen nehmen sich am Sonntagabend schon lange erst ab 22 Uhr etwas vor (zum Beispiel den ZDF-Krimi), die anderen jammern über einen Qualitätsverfall wegen Masse. Schwer zu beurteilen oder doch nicht so schwer zu beurteilen, wenn man gelegentlich ein paar alte Folgen anschaut, die nicht zu Klassikern geworden sind.

Tatort „Die Rache an der Welt“ in der ARD: Kryptischer Titel, ehrgeiziges Thema

„Die Rache an der Welt“ trägt einen etwas kryptischen Titel, einen ehrgeizigen auch, und das Thema ist ebenfalls ehrgeizig, die Durchführung aber verhalten. Das passt einerseits dazu, dass etliche an sich ganz aufgeklärte Figuren sich bei ihren Vorurteilen getroffen fühlen müssen, andererseits ist es etwas dröge.

Ziemlich hoher Spielstand, Charlotte Lindholm hat dafür aber keinen Sinn. Christine Schroeder/NDR
Ziemlich hoher Spielstand, Charlotte Lindholm hat dafür aber keinen Sinn. © NDR/Christine Schroeder

Die Ermittlungen zum Mord an einer jungen Frau in Göttingen – lose angelehnt an den Fall in Freiburg 2017 – führt zu Flüchtlingen, denen die Studentin zum Teil Deutschunterricht gegeben hat. Jetzt befinden sich viele von ihnen nicht fern des Tatorts bei einem Weltrekordversuch im Dauerfußball. 356 zu 291, 619 zu 608, 735 zu 744, hier geht es zur Sache, und obwohl gegen Ende immerhin einmal zu sehen ist, wie sich die Spieler mit letzter Kraft über den Rasen schleppen, hätte schon alleine daraus mit mehr Liebe zum Detail (eine Liebe, die die Tote offensichtlich hatte) auch mehr werden können. Für Daniel Nocke (Buch) und Stefan Krohmer (Regie) ist das Fußballspiel aber wohl vor allem eine kleine Verkomplizierung der Tätersuche. Eigentlich sind aus Weltrekordbedingungsgründen fast alle, die in Frage kommen, auf dem Gelände.

RolleSchauspieler:in
Charlotte LindholmMaria Furtwängler
Anais SchmitzFlorence Kasumba
JelenaMala Emde
HenrySascha Alexander Gersak
ElmoLeonard Carow
Munir KerdagliEidin Jalali
Frau KaulMichaela Hanser
Herr KaulJogi Kaiser
JulianMirco Kreibich
Nick SchmitzDaniel Donskoy
LiebigLuc Feit
CiaballaJonas Minthe

Die Vorurteile laufen in mehreren Richtungen: Zunächst einmal hat ein Zeuge einen Mann gesehen, den er unbedingt für einen Ausländer hält, „Sie wissen schon, dunkle Ausstrahlung, stechender Blick“, und es sei „ja auch keine europäische Tat“. Und während Lindholm und Schmitz, Maria Furtwängler und Florence Kasumba, nur innerlich mit den Augen rollen – man bekommt angesichts ihrer Gelassenheit eine plastische Vorstellung davon, was sich die Polizei den lieben langen Tag so anhören muss –, mag vor allem Lindholm diese Möglichkeit gleichwohl nicht ausschließen.

Tatort „Die Rache an der Welt“ in der ARD: Ärger bleibt nicht aus

Natürlich nicht, weil sie eine Vergewaltigung und einen Mord nicht als sogar äußerst europäische Tat erkennt, sondern weil die Studentin eben tatsächlich viele Geflüchtete kannte. Die Ermittlerin bestellt also in Amsterdam eine Herkunftanalyse der Täter-DNA, in Deutschland ist das nicht erlaubt, der Ärger bleibt nicht aus, aber auch nicht ein ganz schlauer Dreh für die Kriminalhandlung. Ihr Chef ist empört, der das Augenmerk auf einen Sexualstraftäter richten will, der ebenfalls in Göttingen unterwegs ist und den das Publikum bereits kennengelernt hat. Muss es ein Flüchtling gewesen sein? Darf es kein Flüchtling gewesen sein?

Es ist klug, wie die Rassismusdiskussion an Schmitz weitgehend vorbeigeht. Sie ist cool und vermutlich die letzte Person, die an dieser Stelle etwas überraschen könnte. Stattdessen erlebt man vor allem sich herauswindende Männer in unterschiedlichen Lebenssituationen.

Die intensivsten filmischen Momente bieten Anfang und Ende, das ist auch nicht die Regel. (Judith von Sternburg)

Der Wien-Tatort „Das Tor zur Hölle“ am vergangenen Sonntag (2. Oktober) in der ARD wäre gern eine Wien-Horror-Show gewesen, das hat jedoch nicht wirklich geklappt.

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