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?"Sonita"? erzählt die Geschichte der jungen Afghanin Sonita Alizadeh (Mi.), die als illegale Einwanderin im Iran lebt und einen Mann heiraten soll, den sie gar nicht kennt.

"Sonita", arte

Das Lied der Freiheit

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Diese international preisgekrönte und mitreißende Doku erzählt die Geschichte einer jungen Afghanin, die sich mit Sprechgesang gegen ihre Zwangsheirat wehrt ? und ist auch bei deutlich gekürzter Laufzeit noch absolut sehenswert.

Es ist wichtig, diese Art von Geschichten zu erzählen. Geschichten wie die von Malala Yousafzai, die in Nord-Pakistan ein kluges, selbstbewusstes Blog führte, einen grausamen Taliban-Anschlag überlebte und mit nur 17 Jahren für ihren ungebrochenen Aktivismus den Friedensnobelpreis bekam. Oder Geschichten wie die von Sultana, die sich mit Hilfe von Büchern und Internetkursen mitten im afghanischen Taliban-Gebiet selbst Astrophysik und String-Theorie beibrachte und schließlich mit Hilfe von Journalisten und Wissenschaftlern einen Studienplatz in den USA erhielt.

Es ist wichtig, solche Geschichten zu erzählen, weil sie das stumpfe Bild der „fremden Horden“ zerstören, das nicht erst in den letzten Jahren von AfD-Spinnern und Brexit-Befürwortern gezeichnet wird. Man versteht, daß Migration immer noch in der Mehrheit eine Frauensache ist, und daß der Islamismus kein Mitbringsel der Flüchtlinge ist, sondern genau das, wovor sie selbst fliehen. Und man erkennt das erstaunliche Potential, das in jedem Menschen stecken kann.

Eine weitere dieser wichtigen Geschichten, und eine der unterhaltsamsten, erzählt Rokhsareh Ghaem Maghami in „Sonita“. Über drei Jahre hat die iranische Dokumentaristin das afghanische Flüchtlingsmädchen Sonita Alizadeh begleitet, das illegal in Teheran lebte, verzweifelt gegen eine arrangierte Zwangsehe kämpfte und ihren Traum als Rapperin verfolgte. 9.000 US-Dollar war sie ihrer Familie wert, bei Nichtgehorsam würde sie verstoßen werden.

Doch Sonita will Musik machen, eine Band gründen, rappen. Mit dem unzerstörbaren Willen und Selbstbewusstsein einer 18jährigen will sie sich Gehör verschaffen und zugleich eine Bahn brechen, raus aus diesem Staat, aus dieser Familie, aus diesem vorgezeichnete Schicksal, das ihr aufgezwungen wird. Vielleicht nach Amerika, auf jeden Fall in die Welt der Musik und des Protests. Sie ist eine starke junge Frau, klug und kantig – aber sie ist sich der Aussichtslosigkeit ihrer Lage auch durchaus bewusst. Im Iran ist sie nicht nur ohne Dokumente und quasi vogelfrei, hier ist auch weiblicher Sologesang streng untersagt – von Rapmusik ganz zu schweigen.

Doch sie hat weibliche Mitstreiter, die Aktivistin Farzaneh Pouri und die Filmemacherin selbst, die es ihr ermöglicht, ein rabiat ehrliches Rap-Video über ihre Situation und die bevorstehende Zwangsheirat zu drehen. Aus diesem klaren Gesetzesbruch wiederum ergeben sich ebenso viele Gefahren wie neue Möglichkeiten, bis auch hier am Ende eine glückliche Ausreise und ein Neuanfang in einer Gesellschaft steht, die ihr hoffentlich offener begegnet.

Trotz seiner eher traditionellen Handkamera- und Interview-Ästhetik ist „Sonita“ weit mehr als die übliche deutsche Doku-Koproduktion. Der Film hat international dutzende von Preisen gewonnen, darunter so illustre wie den Großen Preis der Jury in Sundance. Es ist allerdings sehr bedauerlich, dass man für die deutsche Erstausstrahlung im Fernsehen die Laufzeit von 90 auf nur knapp 50 Minuten beinahe halbiert hat und der langen und intensiven Odyssee damit viel von ihrer Größe und Tiefe nimmt. Aber auch als ein etwas schneller durchgespultes Doku-Wunder ist „Sonita“ immer noch eine unbedingte Empfehlung im deutschen Fernsehalltag.

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