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Objekt der Begierde: Der Goldene Löwe, hier in den Händen von Regisseur Kim Ki-duk für "Pieta", 2012.

Filmfestspiele Venedig

Liebling, ich habe Matt Damon geschrumpft

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Ein Jahr vor seinem 75. Geburtstag präsentiert sich das älteste Filmfestival der Welt zumindest nach den Kriterien des Roten Teppichs bestens aufgestellt. Doch wo bleibt die Innovation, das aufregend Neue?

Wie machen sie das nur am Lido? Nur halb so viele Filme wie auf der Berlinale, eine bescheidene Festivalmeile von ein paar hundert Metern, kein Gedränge um die Tickets – und doch oder gerade deshalb: Ein viel versprechender Wettbewerb, eine prominente, in diesem Jahr von Annette Benning geleitete Jury – und Hollywoodstars beinahe zum Anfassen, selbst in Zeiten der Hochsicherheit.

Heute beginnt in Venedig das Filmfestival und lockt mit Stars, die fast schon alte Bekannte sind. George Clooney zum Beispiel, der nach mehreren Festivalteilnahmen im Jahr 2014 auch noch zum Heiraten nach Venedig zurückkam, gehört schon zu den „üblichen Verdächtigen“. Jetzt ist mit seiner neuen Regiearbeit zurück: „Suburbicon“ verspricht eine Übung im Terrain der Coen-Brüder: Eine schwarze Komödie über die Bigotterie einer Vorstadtgemeinde in den USA der Fünfziger Jahre. Matt Damon, Juliane Moore und Oscar Isaac spielen die Hauptrollen und verdingen sich als „Teppichware“, wie man im kleinen Kreis der Festivalmacher schon mal die Glamour-Gäste nennt. Und geht es in dieser Prominenz-Währung noch hochkarätiger als mit Robert Redford und Jane Fonda? Viereinhalb Jahrzehnte nach „Der elektrische Reiter“ sind sie in einem neuen Film zu sehen – und holen sich nebenbei noch Ehrenleoparden ab für ihr Lebenswerk.

Ob das Verdienst dieser Reunion nun dem indischen Regisseur Ritseh Batra („The Lunchbox“) zuzurechnen ist oder dem finanzkräftigen Internetkanal Netflix wird man wohl nie erfahren. Dafür aber wie zuletzt schon in Cannes Debatten über das mögliche Ende des Kinos führen: Sollten Filme, die für das Bezahlfernsehen gedreht werden, überhaupt auf einem Festival laufen, um sich so die Aura von „großem Kino“ zu entleihen?

Das älteste Filmfestival der Welt

In jedem Fall scheint „Unsere Seelen bei Nacht“, obwohl außer Konkurrenz gezeigt, anspruchsvoll genug, um nicht als bloßer „Star-Bringer“ abgetan zu werden – noch so ein Wort aus der Festivalsprache. Die Verfilmung des letzten Romans des spät berufenen US-Schriftstellers Kent Haruf erzählt von einer Witwe, die den Witwer nebenan überraschend einlädt, mit ihr zu schlafen. Allerdings in denkbar unschuldiger Absicht: Mit einem Menschen nebenan, so ist sie überzeugt, schläft es sich besser – insbesondere wenn man sich vorher noch ein paar Geschichten erzählt, von denen wir hoffen, dass es auf der Leinwand nicht nur Gute-Nacht-Geschichten sind. Was hat sich der 81-jährige Redford noch vor vier Jahren agil gezeigt im Überlebensdrama „All is Lost“? Und nun spielt er eine Rolle (oder zumindest eine Rahmenhandlung) bequem im Liegen.

Ein Jahr vor seinem 75. Geburtstag präsentiert sich das älteste Filmfestival der Welt zumindest nach den Kriterien des Roten Teppichs bestens aufgestellt. Insbesondere bei den Eröffnungsfilmen hat Venedig traditionell mehr Glück als die Berlinale. Dafür gibt es einen einfachen Grund: Seit die Oscar-Verleihung vorverlegt wurde, sind Berlinale-Ehren für den Abstimmungsprozess in Los Angeles bedeutungslos geworden. Viel besser ist da der Termin Anfang September: Im Herbst buhlen potentielle Oscarkandidaten um die Aufmerksamkeit der Filmakademie, was sich bei „La La Land“, dem letztjährigen Eröffnungsfilm, am Ende bestens auszahlte.

Nun richtet Regisseur Alexander Payne die erste Gala aus mit seiner surrealen Komödie „Downsizing“: Matt Damon und Kirsten Wiig spielen ein Mittelschichtspaar, das sich auf ein mutiges Experiment einlässt: Norwegische Wissenschaftler haben ein Verfahren zur Menschen-Verkleinerung entwickelt. In Hollywood kennt man diese Formel allerdings seit langem: Nach Science-Fiction-Klassikern wie „Dr. Zyklop“, „Die unglaubliche Geschichte des Mr. C“ oder „Liebling ich habe die Kinder geschrumpft“ sind diesmal wohl lediglich die hehren Absichten etwas Neues: In einer überbevölkerten und verschmutzten Welt wäre Kleinheit zumindest Ressourcen-schonend. Christoph Waltz komplettiert das prominente Ensemble.

Hollywoods am besten bezahlter weiblicher Star, Jennifer Lawrence, spielt an der Seite von Michelle Pfeiffer in Darren Aronofskys mit Spannung erwartetem Horrorfilm „Mother“; ein Genre, das wiederum Guillermo Del Toro in „The Shape of Water“ von seiner romantischeren Seite ausloten will. Der reizvolle Schauplatz, an dem Diesseitiges und Jenseitiges verschmelzen, ist für Hauptdarstellerin Sally Hopkins ein geheimes Regierungslabor im Kalten Kriegsjahr 1962. Damit ist das auch für Venedig immense Staraufgebot noch nicht ausgeschöpft: Amanda Seyfried und Ethan Hawke spielen für den zuletzt glücklosen Altmeister Paul Schrader („First Reformed“), Altstars Helen Mirren und Donald Sutherland kommen mit „The Leisure Seeker“ nach Venedig.

Ai Weiwei erstmals vertreten

Nicht nur im Spielfilm, auch in der bildenden Kunst um Dokumentarfilm gibt es Stars für den Roten Teppich. Die iranisch-amerikanische Filmkünstlerin Shirin Neshat gehört dazu, die sich in ihrem zweiten Langfilm „Looking for Oum Kulthum“ auf die Spuren der gleichnamigen, 1975 verstorbenen ägyptischen Sängerin macht, die in der arabischen Welt ähnlich verehrt wird wie im Westen Maria Callas oder die Beatles.

Der chinesische Konzeptkünstler und politische Aktivist Ai Weiwei ist erstmals in einem Filmfestival-Wettbewerb vertreten. Sein als deutsche Produktion firmierender Dokumentarfilm „Human Flow“ über die gegenwärtigen Migrations- und Fluchtbewegungen wurde in 23 Ländern gedreht. „In dieser Zeit der Unsicherheit“, sagt der Künstler, „brauchen wir mehr Toleranz, Mitgefühl und Vertrauen ineinander, schließlich sind wir eins. Sonst wird die Menschheit eine noch größere Krise erleben.“

Wie Ai Weiweis Film über diese fraglos konsensfähige, aber doch recht allgemein gehaltene Formulierung hinausgeht, ob er dabei in politische Debatten einsteigt oder sogar eine künstlerische Sprache findet, bleibt abzuwarten. Deutsche Regisseure sind im Wettbewerb nicht vertreten, lediglich in die Nebenreihe Orrizonti wurde Rick Ostermann eingeladen. Bereits 2013 hatte er sein Debüt „Wolfskinder“ in Venedig zeigen können, nun hält ihm das Festival auch bei seinem Zweitling die Treue. Schon im Titel gibt sich „Krieg“ streitbar, geht es doch um den Gefallenen eines Auslandseinsatzes der Bundeswehr. Barbara Auer und Ulrich Matthes spielen die trauernden Eltern. Eines haben alle Spielfilme gemeinsam, die wir hier auflisten: Sie bedienen mehr oder weniger traditionelle Genres.

Was wiederum bei aller Vorfreude die Frage aufwirft, wo die Innovation bleibt, das aufregend Neue. Stars sind vielleicht schwer zu bekommen, aber sie sind gleichwohl ein kalkulierbarer Aufmerksamkeitsgarant. Doch am Ende steht und fällt ein Festival mit dem Unkalkulierbaren – der Kunst. Wie es darum bestellt sein wird, weiß man spätestens am 9. September – dann endet die 74. Filmbiennale mit der Preisverleihung.

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