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Für den Film "Auge in Auge" werden in einem Kino Szenen aus derdeutschen Filmgeschichte ausgewählt.

Hundert Jahre deutsches Kino

Ein liebevoller Blick zurück

Die Dokumentation "Auge in Auge" ist eine Liebeserklärung an den deutschen Film - an seine großen Momente, unvergessliche Bilder und vor allem die deutschen Klassiker.

Frankfurt/Main (ap) - Manchmal ist es gut, sich mit einem Blick in die Vergangenheit der Gegenwart zu vergewissern, um für die Zukunft Kraft zu schöpfen. Der Filmkritiker und Autor Michael Althen und der Filmhistoriker Hans Helmut Prinzler haben diesen Blick zurück in besonders unterhaltsamer, aber auch lehrreicher Weise getan mit ihrer Dokumentation "Auge in Auge - Eine deutsche Filmgeschichte", die ab dem 3. Juli in den Kinos zu sehen ist. Es ist eine Liebeserklärung an den oft verdammten, doch wieder zu Kräften gekommenen deutschen Film.

Was kennzeichnet diesen deutschen Film, was unterscheidet ihn von Produktionen aus Hollywood, Frankreich oder anderen Nationen? Gibt so etwas wie einen ganz speziellen deutschen "Blick"? Diesen Fragen sind der 46-jährige Münchner Althen und der 70-jährige Prinzler nachgegangen. Und sie haben für die Beantwortung etliche der bedeutendsten gegenwärtigen Filmschaffenden Deutschlands gewinnen können: Den Kameramann Michael Ballhaus, den Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase, beides hochgeachtete Senioren der Branche, die Regisseurinnen Caroline Link und Doris Dörrie sowie deren männliche Kollegen Andreas Dresen, Dominik Graf, Christian Petzold, Tom Tykwer, Wim Wenders und auch den Schauspieler und Autor Hanns Zischler.

Althen und Prinzler wollte nicht "die", sondern "eine" Geschichte des einheimischen Films dem Betrachter näher bringen. Ihr Ziel haben sie genau bestimmt: "'Auge in Auge' spürt den großen Momenten des deutschen Kinos nach, lässt unvergessliche Bilder Revue passieren und macht Lust auf die Wiederbegegnung mit Klassikern." In 106 äußerst kurzweiligen, oft emotional sehr berührenden Minuten ist es ihnen überzeugend gelungen, dieses Ziel zu erreichen: Die Zuschauer werden mit großer, oft neuer und manchmal auch überhaupt erst erweckter Lust auf den deutschen Film und seine nun hundertjährige Geschichte das Kino verlassen.

Das speziell Deutsche im deutschen Film

Es war eine gute Idee, jeden der oben aufgezählten Filmschaffenden einen Streifen vorstellen zu lassen, der besonderen Eindruck oder Einfluss hinterlassen hat. Tom Tykwer zum Beispiel entschied sich für den Urklassiker aller Grusel- und Vampirfilme, nämlich Friedrich Wilhelm Murnaus "Nosferatu" aus dem Jahr 1921. Wolfgang Kohlhaase ist noch immer fasziniert von der Personenbeobachtung des späten Stummfilms "Menschen am Sonntag" von 1929. Und Michael Ballhaus zeigt mit Rainer Werner Fassbinders "Die Ehe der Maria Braun", wie er als Kameramann des früh verstorbenen Kinogenies damals gearbeitet hat. Keine Periode der deutschen Filmgeschichte wird vergessen, also auch nicht die Produktion in der NS-Zeit und in der DDR.

Echte Perlen der Dokumentation sind mit großer Kenntnis der Archive herausgefundene und brillant montierte Bilderkapitel, in denen jeweils geblickt, geküsst, geschrieen, geraucht und telefoniert wird. Das ist zugleich die Wiederbegegnung mit vergessenen und noch mehr unvergessenen Schauspielergesichtern, die Generationen von Deutschen in unzähligen Leinwandstunden in ihren Bann gezogen haben. Wir zwiespältig das Verhältnis einiger aktueller deutscher Filmemacher zur eigenen Tradition ist, verdeutlichen Äußerungen wie die von Petzold: "Es muss im deutschen Film immer eine Schwere, eine Tiefe geben, eine mythisch durchtränkte Erde." Wim Wenders bekennt, genau das habe ihn viele Jahre nach Amerika flüchten lassen: "Das war das Deutsche, was ich nicht wollte." Auch Michael Althen ist eher mit Hollywood und französischen Filmen aufgewachsen und zum Cineast geworden.

Nun weiß er: "Wenn man dann irgendwann doch dem deutschen Kino begegnet, fühlt man sich dort plötzlich auf eine andere Weise erkannt. Natürlich können wir die Western oder die Nouvelle Vague lieben, aber berührende deutsche Filme werden uns immer auf eine ganz andere Weise verwandt und nah sein." Warum das so ist, zeigt Althen und Prinzlers faszinierende, bewegende Dokumentation "Auge in Auge".

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