1. Startseite
  2. Kultur
  3. TV & Kino

Liebeskomödie „AEIOU“ mit Sophie Rois neu im Kino: Wo das „A“ im Körper wohnt

Erstellt:

Von: Daniel Kothenschulte

Kommentare

„AEIOU“ im Kino: Buchstaben im Körper finden, mit Zeitungsmasken durch die Stadt laufen: Was tut man nicht alles, wenn man verliebt ist? Foto: Reinhold Vorschneider
„AEIOU“ im Kino: Buchstaben im Körper finden, mit Zeitungsmasken durch die Stadt laufen: Was tut man nicht alles, wenn man verliebt ist? Foto: Reinhold Vorschneider © Reinhold Vorschneider

In ihrer Komödie „AEIOU – Das Alphabet der Liebe“ wirbelt Nicolette Krebitz die Rollenkonventionen klassischer Liebeskomödien subtil durcheinander.

Vielleicht ist die Kunst des Drehbuchschreibens nur ein Kartenspielertrick: Man kann sich mit verbundenen Augen aus einem riesigen Fundus aus Charakteren und Situationen bedienen, den die Kulturgeschichte bereithält. Oder zu einem geringeren Teil auch das eigene Leben. Nun kommt es darauf an, alles in eine Reihenfolge zu bringen, die dem Zufall noch genug Respekt erweist. Vielleicht lässt man die Hauptfigur noch ihre Geschichte aus dem Off erzählen, und gern wird ein Publikum dem Ganzen folgen.

Wie viele Filmgeschichten kamen etwa schon dadurch in Gang, dass eine Handtasche in fremde Hände geriet? Isabelle Huppert verlor die ihre absichtsvoll im Thriller „Greta“. Und in „Haute Couture“ – gerade erst im Kino – unterrichtet Nathalie Baye eine Taschendiebin großzügig im Modezeichnen. In Nicolette Krebitz’ Komödie „AEIOU – Das schnelle Alphabet der Liebe“ spielt Sophie Rois die 60-jährige Schauspielerin Anna, die als Sprachcoach einem Schüler das Nuscheln austreiben soll. Aufgefallen ist er ihr indes bereits zuvor – als Dieb ihrer Handtasche. Was folgt, ist eine in ihrer Richtung vorhersehbare, in der Ausführung aber doch immer wieder überraschende Romanze.

Die Filmgeschichte ist voller Männerfantasien, dagegen setzt Krebitz das Konzept einer Frauenfantasie – schwelgerisch und dennoch immer wieder gebrochen, wenn Sehnsüchte und Rollenbilder direkt zum Thema werden. Immer wieder nennt ihre weibliche Pygmalion-Geschichte die Klischees förmlich beim Namen – und verleiht ihnen in der Entzauberung wiederum einen eigenen Zauber.

So lernen wir Anna zum Beispiel in einer Situation kennen, die sie als übergriffig deutet – Krebitz inszeniert sie denkbar ambivalent. In einem Hörspielstudio agiert die Schauspielerin in einer Liebesszene. Als die Regisseurin die steif klingenden Sprecher auffordert, sich dazu zu bewegen, empfindet das ihr Spielpartner als Aufforderung, Anna zu betatschen. Nachdem sie wütend den Auftrag zurückgegeben und das Studio verlassen hat, stellt sich die Regisseurin auf die Seite des Mannes.

In ihrer ersten Unterrichtsstunde mit ihrem neuen Schüler Adrian (Milan Herms) wird Anna nun selbst körperlich. Auf der Suche nach dem Ursprung der Vokale in seinem Körper berührt sie den attraktiven jungen Mann. Lustvoll? Liebevoll? Oder nur aufmerksam? Der entscheidende Unterschied der beiden Szenen erhebt ihre Funktion freilich über die Sphäre legalistischer Correctness-Debatten: Erlaubt ist Annas Verhalten natürlich durch den stillen Zuspruch des anderen. Die Romantiker der Kulturgeschichte haben dafür selten nachträglich um Erlaubnis gebeten.

Doch noch bevor wir uns darüber allzu viele Gedanken machen können, übernimmt Anna selbst die Deutungshoheit – ihrer in der dritten Person gehaltenen Erzählstimme gibt der Film breiten Raum: „Die Unterrichtsstunde verlief besser als gedacht … Als wäre er einfach ein Mann, der eine Frau trifft, die mit ihm über Buchstaben sprach und dabei ihre Hände auf seine Schultern legte, was ihm gefiel.“

Oft streiten Filmfans über die Notwendigkeit solcher Off-Erzählungen. Der Regisseur François Truffaut, auch so ein Taschenspieler, verteidigte dieses Stilmittel einmal am Beispiel in einem Fernsehinterview. Zu Beginn illustriere er akkurat, wovon der Sprecher erzähle, was ihm das Vertrauen des Publikums einbringe. Dann aber weiche er davon ab, und das Publikum glaube ihm noch immer.

Krebitz ironisiert diese Konvention, indem sie Sophie Rois über Anna sprechen lässt, als sei sie jemand anders – vielleicht Annas literarische Erfindung. So mutet sie uns zwar einerseits eine ungewöhnliche Dichte an Information zu – andererseits aber auch eine ironische Distanz.

Ebenso muss man den Detailüberschuss ihrer manchmal anheimelnden Interieurs und der Inszenierung nicht nur putzig finden. Auch die Wohlgefühle, die da heraufbeschworen werden, verdienen wie die Geschlechterrollen einen zweiten Blick. Udo Kier zum Beispiel, der warmherzigste aller Dracula-Darsteller, spielt einen freundlichen Nachbarn. Es ist eine Filmfigur von fast märchenhafter Unschuld, die uns zugleich an weniger untadelige Nachbarn der Filmgeschichte erinnert. Vielleicht an den lüsternen Hausgenossen Marilyn Monroes in „Das verflixte siebente Jahr“. Oder an Mickey Rooney, den rassistisch überzeichneten „Chinesen“ in „Frühstück bei Tiffany“. Beides sind liebgewonnene Klassiker, die man in der Gegenwart mit anderen Augen sieht.

„AEIOU“ ist so leicht, wie der Titel verspricht. Aber es ist eine doppelbödige Leichtigkeit. Die Karten, die diese Komödie aufmischt, rückt sie gegen den Strich. Und so wird plötzlich eine Anleitung daraus, auch klassische Romanzen mit anderen Augen zu sehen.

AEIOU. D 2022. Regie: Nicolette Krebitz. 105 Minuten.

Auch interessant

Kommentare