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Im selben Schlauchboot: Ira und Lenz.

„Liebesfilm“

Nicht jammern, Schätzchen

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Robert Bohrer und Emma Rosa Simon versuchen sich an einem experimentellen „Liebesfilm“ um werdende Eltern.

Es war ein Liebesfilm, „Zur Sache, Schätzchen“, der vor gut fünfzig Jahren die deutsche Filmkomödie mit der Avantgarde versöhnte. Heute gibt es wohl keine Filmschule im Land, die das Werk von May Spils und Werner Enke nicht zur gefälligen Nachahmung in der Videothek stehen hätte.

Was man dazu braucht, passt auf einen verknüllten Zettel, der in eine Schuhsohle geht: Wenig Geld, aber einen coolen Typen mit guten Sprüchen. Dazu ein etwas bodenständigeres, aber ebenso liebenswertes weibliches Gegenüber; jede Menge lustig-skurriler Geschichten, bei denen es völlig reicht, wenn man sie nur erzählt. Vor allem aber: Viel Improvisation und hinter der Kamera jemanden, der sich mit Bildern auskennt.

Ab und zu versuchen immer wieder ein paar Film-Studierende etwas Ähnliches. Beweisen können wir es natürlich nicht, aber es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn nicht auch dieses Debüt nach eben jenem Rezept gefummelt wäre; wie man hört, sogar von einem Jungfilmer-Pärchen. Einen gravierenden Unterschied aber gibt es: May Spils und Werner Enke haben nicht mehr studiert, und diese Freiheit sah man ihrem Film natürlich an. Und der Titel „Liebesfilm“ klänge in ihren Ohren wohl eher wie Konzeptkunst.

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Der wortgewandte Müßiggänger heißt hier Lenz, Eric Klotzsch spielt ihn mit der auch abends zu tragenden Belmondo-Sonnenbrille. Dass sie am Lagerfeuer zu schmelzen beginnt, bremst seinen Anlaber-Fluss nicht ernstlich, und Ira (Lana Cooper) weiß es ihm zu danken. Nach einer vermutlich durchquatschten Liebesnacht (denn sichtbare Erotik steht nicht so weit oben auf der „Zur Sache, Schätzen“-Rezeptur) verabschiedet sich Ira in einen abenteuerlichen Broterwerb. Es ist irgendwas, das angeblich in Afghanistan stattfindet und zu dem man eine kugelsichere Weste braucht.

Wirklich genießen kann der junge Abhänger den Lenz, nach dem man ihn benannt hat, indes nicht. Katastrophen aus der Zeitung beschäftigen ihn in seiner Vorstellung und in seinen Geschichten; der Unglückskapitän der Costa Concordia taucht sogar in seiner Küche auf. Als Freundin Ira plötzlich schwanger ist, fühlt er sich geradezu hintergangen.

Die anekdotischen Episoden, die sich anfangs so angenehm unbeschwert aneinandergereiht haben, geben nun ihr übergeordnetes Thema zu erkennen: Lenz gleicht sein Leben mit konkurrierenden Männlichkeitskonzepten ab, bei einer Party wird sogar Herbert Grönemeyers „Männer“-Song vorgetragen. Es ist schon merkwürdig, dass in einem Film, dessen zentrales Handlungselement eine Schwangerschaft ist, die männliche Perspektive die entscheidende Rolle spielt. Wäre es nicht interessant, von der Frauenfigur etwas anderes als Selbstgewissheit zu erfahren? Stattdessen spiegelt sich diese auch noch in der Mutter des Protagonisten: Auch die hat, wie sie stolz bekennt, ihr Kind gegen den Wunsch des Vaters in die Welt gesetzt.

Wie reizvoll wäre es eigentlich, im Stil von „Zur Sache, Schätzchen“ eine collagehafte Filmkomödie über die Verwirrtheiten werdender Eltern zu drehen. Hier werden leider alle Beteiligten schrecklich erwachsen, bevor noch das Abenteuer überhaupt losgeht.

Der Film

Liebesfilm. D 2018.
Regie: Robert Bohrer und Emma Rosa Simon. 88 Min.

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