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Liebesdienst eines Fans

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Von: Daniel Kothenschulte

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Nicht Wotan, sondern Zauberer Gandalf, aber in ähnlich ernster Mission.
Nicht Wotan, sondern Zauberer Gandalf, aber in ähnlich ernster Mission. © Warner Bros/dpa

Peter Jackson hebt seinen zweiten „Hobbit“ auf wagnerianische Proportionen und hat auch im Detail viel zu bieten. Die etwas muffige Lagerfeuerromantik aus dem ersten Teil ist verschwunden. "Smaugs Einöde" bietet den wohl spektakulärsten Drachenkampf seit Fritz Langs "Siegfried".

Man kann Peter Jackson niemals böse sein, denn was immer er anfängt, er tut es als Fan. Seine ersten Splatter-Filme „Bad Taste“ und „Braindead“ umarmten das Ekel-Genre derart liebevoll, dass es selbst hartgesottenen Zensoren förmlich die Scheren in den Händen schmelzen ließ. Ebenso ließ sein „Herr der Ringe“ die Gralshüter vermeintlich „unverfilmbarer“ Literatur verstummen. Die Konfrontation der geballten internationalen Tolkien-Gemeinde mit dem Regisseur musste schon deshalb ausbleiben, weil sie keinen größeren Fan der Romantrilogie in den „Ring“ hätte schicken können, als es Jackson selber ist.

Mit seinem „King Kong“ verhielt es sich nicht anders. Als der Neuseeländer den Lieblingsfilm seiner Kindheit neu verfilmte, stellte er kein gewöhnliches Remake her – eher ein „filmisches Filmmuseum“: Prunkvoll wie ein Tempel mit klassizistischem Säulenentrée, endlosen Fluren, marmornen Wänden und geöffneten Portalen, die alle nur in Richtung seines einzigen Schatzes wiesen – der Filmsensation des Jahres 1933. Doch wo war das Exponat? Man musste es einfach durch eine Replik in doppelter Größe ersetzen. Unter keinen Umständen wäre es dem zu seiner Würdigung aufgebotenen Aufwand noch gerecht geworden.

Durch dieses Vergrößerungsglas sieht auch der (kleine) „Hobbit“ riesig aus. Der bis zu seinem imposanten Finale eher beschauliche erste Teil war offensichtlich nur das Vorspiel. Wagnerianische Dimensionen beansprucht nun „Smaugs Einöde“, der zweite Teil – komplett mit dem wohl spektakulärsten Drachenkampf der Filmgeschichte seit Fritz Langs „Siegfried“.

Dem Autor hätte es womöglich gefallen – mit „Die Legende von Sigurd und Gudrún“ ist inzwischen ja auch Tolkiens eigene Version des Nibelungenlieds erschienen. „Tolkien überwagnert Wagner“, schrieb dazu ein englischer Kritiker, was wohl nicht ganz stimmt – wollte der hauptberufliche Philologe doch wohl eher Wagners mythologischen Quellenschatz erschließen. Peter Jackson hingegen „übertolkient“ Tolkien hemmungslos – mit der alles verzeihlichen Leidenschaft des Überfans. Und das bedeutet hier: Er unterfüttert den Plot des Kinderbuchs mit aller Düsternis und Schwere des „Herrn der Ringe“.

Es ist ein kolossales Schlachtengemälde, das seinen ersten visuellen Höhepunkt findet, wenn Hobbit-Meisterdieb Bilbo Beutlin (Martin Freeman) gemeinsam mit Zwergenführer Thorin Eichenschild (Richard Armitage) und Zauberer Gandalf (Ian McKellen) samt Zwergentruppe den Düsterwald durchqueren. Jackson hält sich dabei nicht nur an Tolkien, den Autor, sondern orientiert sich auch am Werk des Aquarellisten. Als Illustrator in eigener Sache liebte es der Schriftsteller, seine Figuren winzig klein in weite Landschaften zu platzieren. Jackson erreicht einen ähnlichen Effekt, indem er mit der virtuellen Kamera seiner digitalen Szenerien rückwärts zoomt – und dabei die Möglichkeiten der 3D-Projektion in schwindelerregende Tiefen treibt.

Selbst wenn dieses Stilmittel fraglos auch zum Selbstzweck wird, zeigen die Szenerien ein besonderes Stilempfinden, das im Fantasy-Kino selten geworden ist: Bis zu den verschnörkelten Baumwurzeln folgt Peter Jackson Tolkiens Vorlieben für das Ornamentale und schwelgt im Erbe viktorianischer Sagen- und Märchenmalerei.

Auch die grandiose Szene eines Kampfs mit Riesenspinnen ist ein ästhetisches Ereignis. Jackson scheint hier einen Klassiker des britischen Abenteuerkinos zu zitieren – und natürlich zu übertrumpfen – „Der Dieb von Bagdad“. Walt Disney schließlich stand Pate bei einer Hommage an „Schneewittchen“, wenn Jackson seine Zwerge aus gleicher Perspektive eine Schlucht überqueren lässt – das einzige was fehlt, ist ihr Lied „High Ho – wir sind vergnügt und froh“.

Aber mit derart sonnigen Gemütern hat man es bei Tolkiens Zwergen natürlich nicht zu tun. An die weitgehende Abwesenheit von Humor muss man sich in diesen dunklen zweieinhalb Stunden erst einmal gewöhnen. Verschwunden ist auch die vielleicht etwas muffige Lagerfeuerromantik aus dem ersten Teil der „Hobbit“-Trilogie. Dafür gibt es – nicht weniger rustikal – eine rasante Wildwasserfahrt in Eichenfässern, die in 3D eine fast physisch spürbare Präsenz entfaltet.

Vermischung von Gegenwart und Vergangenheit des Kinos

Es ist wie so oft im besseren Teil des Blockbuster-Kinos: Der technische Fortschritt (wieder kam die problematische 48-Frame-Technologie zum Einsatz mit ihrer gläsernen Videoästhetik) paart sich mit einem liebenswerten Rückgriff auf die elementaren Schauwerte der Stummfilmzeit.

Im Auftritt des Drachen mischen sich vollends Gegenwart und Vergangenheit des Kinos: Wie ein Puppenspieler verleiht der Schauspieler Benedict Cumberbatch dem digitalen Drachen Smaug sehr persönliche Züge – und wirkt dabei ähnlich süffisant wie Hollywoodstar George Sanders, als er für Disneys Zeichner im „Dschungelbuch“ als Shir Khan, der Tiger, posierte. So ist dieser „Hobbit“ weit mehr als eine etwas zu breit angelegte Literaturverfilmung – es ist ein Liebesdienst eines Kinofans. Wer wollte dagegen etwas sagen?

Der Hobbit: Smaugs Einöde. Regie: Peter Jackson. USA/Neuseeland 2013, 161 Min.

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