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Albrecht Schuch als Thomas Brasch und Jella Haase als Katarina in dem Film „Lieber Thomas“.
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Albrecht Schuch als Thomas Brasch und Jella Haase als Katarina in dem Film „Lieber Thomas“.

„Lieber Thomas“

„Lieber Thomas“ im Kino: Neben der Zeit

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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„Lieber Thomas“, Andreas Kleinerts Filmbiographie über den Dichter und Filmemacher Thomas Brasch, füllt eine Lücke in der deutschen Filmgeschichte.

Als in vielen Ländern Osteuropas das moderne Kino explosionsartig erblühte, in den Jahren vor dem Prager Frühling, blieb es in der DDR äußerlich still. Kaum jemand im Westen konnte ahnen, dass dort Meisterwerke entstanden wie 1966 „Jahrgang 45“ von Jürgen Böttcher oder „Spur der Steine“ von Frank Beyer. Versteckt in den Giftschränken der Defa, erlebten sie erst nach der Wende gefeierte Premieren.

Ein Loch in der Filmgeschichte aber lässt sich nicht mehr stopfen. Welche Wirkung hätten diese „Tresorfilme“ haben können, wenn sie zu ihrer Zeit jemand gesehen hätte? Welchen „Jungen (ost-)deutschen Film“ hätten sie inspirieren können?

Wer in der DDR zur 68er-Generation zählt, verbindet Kinoerinnerungen stattdessen mit dem brav-bunten Musicalzauber von „Heißer Sommer“. Angela Merkels erklärter Lieblingsfilm ist „Die Legende von Paul und Paula“, der romantische Kultfilm von 1973, vertont von den staatstragenden Puhdys. Wer in der DDR aufwuchs, musste sich mit dem bisschen Jugendkultur zufriedengeben, das die Parteikader gerade noch erlaubten.

Andreas Kleinerts Film „Lieber Thomas“ sieht aus wie ein Stück DDR-Nouvelle-Vague, die es niemals gab. Ein junger Mann schreibt Gedichte auf einen nackten Frauenkörper, ausgebreitet über die ganze schwarz-weiße Leinwandbreite von Cinemascope. Oder besser: „Totalvision“, wie die Defa ihren Nachbau des amerikanischen Filmformats nannte. Solch ein Film über einen jungen Dichter wäre ein Klassiker geworden mit ikonischen Liebesszenen und pointierten Momenten kleiner Rebellion: Thomas Brasch, gespielt von Albrecht Schuch, brettert mit dem Fahrrad über das Ostberliner Pflaster, auf dem Lenker seine Freundin Katarina, verkörpert von Jella Haase. Barockmusik, wie sie auch Truffaut gewählt hätte, gibt der Szene ihren Swing.

In einer anderen Szene sieht man ihn mit einer anderen Freundin, der Kommilitonin Sylvia (Emma Bading), an der Filmhochschule einen Weihnachtsbaum schmücken – mit einem Spruchband: „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden.“ Ein Schelm, der im Wort Rosa Luxemburgs eine Provokation vermuten würde.

Wenngleich es diesen unechten Defa-Film nie gab, ist doch der Dichter darin unvergessen. Auch seine Verse haben manchmal einen Hang zu starken Parolen, die sich hinter denen Luxemburgs nicht zu verstecken brauchen. Immer wieder sind sie in diesem Biopic zu hören und zu lesen. Eines seiner bekanntesten Gedichte, „Was ich habe, will ich nicht verlieren“ aus dem Zyklus „Der Papiertiger“, zieht sich in Zwischentiteln durch den Film: „Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber / wo ich bin, will ich nicht bleiben, aber / die ich liebe, will ich nicht verlassen, aber / die ich kenne, will ich nicht mehr sehen aber / wo ich lebe, da will ich nicht sterben, aber / wo ich sterbe, da will ich nicht hin: / Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.“

Kein Wunder, dass die Parteioffiziellen, darunter der eigene Vater, der Kulturfunktionär Horst Brasch, sich vor diesem Autor fürchten mussten, der seinen Individualismus so eingängig zu formulieren wusste. Im selben Jahr 1966, als der filmische Aufbruch begraben wurde, verstarb auch sein Vietnamprogramm „Seht auf dieses Land“ ungesehen an der Berliner Volksbühne.

1968 wird Brasch wegen Verteilens von Flugblättern gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in die Tschechoslowakei zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. 77 Tage sitzt er ab, bevor er zur Umerziehung in eine Transformatorenfabrik geschickt wird. Es ist ein Hin und Her: Mal darf er arbeiten, dann wird eine Theaterproduktion wie „Lovely Rita“ mit Katharina Thalbach (im Film ohne „h“ geschrieben) vor der Premiere abgesetzt. Immerhin erscheint 1975 ein Gedichtband offiziell.

Es ist der Klang der Peitsche, die sich mit dem Zuckerbrot abwechselt, der Kleinerts Film den Rhythmus gibt. Der Stil ist fragmentarisch und dennoch homogen im verhalten-respektvollen Ton der Darstellerführung und kurzen, wirkungsstarken Agitprop-Momenten. Der in Ostberlin gebürtige Filmemacher weiß, wovon er erzählt: Zwischen 1984 und 1989 studierte er selbst in Babelsberg. Die immense Laufzeit von 156 Minuten wirkt noch zu kurz: Gern hätte man mehr über Braschs eigenes Filmwerk erfahren, das erst ab 1980 in Westdeutschland entstand. 1976 hatte er einen Ausreiseantrag gestellt und war mit Freundin Katharina und Tochter Anna nach Westberlin gezogen.

So ist der verhinderte Künstler fast präsenter als der später erfolgsverwöhnte. Er hatte als einer von wenigen Deutschen zwei Filme im Wettbewerb von Cannes, „Engel aus Eisen“ und „Der Passagier – Welcome to Germany“. Nur am Rande streift der Film diese Erfolge in einer sehr schönen Miniatur – und wieder wirkt Brasch wie der Zaungast eines verhinderten Lebens. Während seiner Premiere trifft er im Foyer auf seinen Vater, der für das Kulturministerium der DDR das Festival besucht. „Neben der Zeit“ heißt ein früherer Film von Andreas Kleinert, und dahin scheint es auch diesen Künstler bei aller Aktualität seines Wirkens zugleich verschlagen zu haben.

Lieber Thomas. D 2021. Regie: Andreas Kleinert. 156 Min.

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