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Anna Maria Mühe (l.) mit Jan Josef Liefers und Cristina do Rego.

"Arthurs Gesetz", TNT

Lieber arm dran als Arm ab

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In der ziemlich makabren Serie mit Jan Josef Liefers führt der Weg des Titelhelden zum Glück nur über die Leiche seiner Frau.

Der Sender nennt die sechsteilige Serie eine „Comedy noir“. Andernorts würde man schlicht „schwarze Komödie“ sagen, aber das Etikett passt recht gut, denn „Arthurs Gesetz“ fällt aus dem üblichen Schema solcher Geschichten: weil die Ereignisse, die der unglücklichen Titelfigur widerfahren, höchst ungewöhnlich sind. Arthur Ahnepol (Jan Josef Liefers) ist der typische naive Antiheld: ein Kleinbürger, der so unscheinbar ist, dass er in der Kneipe übersehen wird.

Vermutlich sehnt er sich schon sein ganzes Leben danach, einen Zipfel vom Glück zu erhaschen. Stattdessen hat ihn das Schicksal mit einer Tyrannin gestraft. Um ihren anspruchsvollen Lebensstandard zu finanzieren, hat Gattin Martha (Martina Gedeck) ihren Arthur eines Tages zu einem unerhörten Opfer überredet: Er hat sich bei der Arbeit tatsächlich die Hand abgesägt, um anschließend eine stattliche Versicherungssumme zu kassieren.

Dummerweise ist die Aktion von einer Überwachungskamera aufgezeichnet worden, weshalb er keinen Cent bekommen hat. Nun muss er sich regelmäßig beim Jobcenter einfinden, um sich von einer arroganten Sachbearbeiterin (Nora Tschirner) demütigen zu lassen. Als er an seinem Geburtstag die Kneipe „Zum Kronleuchter“ aufsucht, dort von der reizenden Jesse (Cristina do Rego) angesprochen wird und schließlich in ihrem Bett landet, ist dies der Beginn jener Kettenreaktion, auf die der Titel anspielt: Jede Lösung erzeugt prompt ein neues Problem, diverse groteske Todesfälle inklusive. 

Kreativer Kopf hinter der Serie ist Benjamin Gutsche, dessen überschaubare Filmografie neben einigen Kurzfilmen die Drehbuchmitarbeit an der Kinderserie „Armans Geheimnis“ enthält. Natürlich ist es ungewöhnlich, dass ein Sender einem wenig erfahrenen Autor ein derartiges Projekt überlässt, aber die Maßnahme verdeutlicht auch die Risikofreude, durch die sich Pay-TV- und Streamingdienste von den etablierten Sendern unterscheiden. Quasi als Ausgleich hat TNT Comedy (der Sender zeigt die Serie an drei Abenden hintereinander in Doppelfolgen) mit Christian Zübert einen Regisseur engagiert, der einst mit der Kifferkomödie „Lammbock“ (2001) recht furios gestartet ist und seither so sehenswerte Filme wie „Dreiviertelmond“ (2011) und „Hin und weg“ (2014) gedreht hat.

„Arthurs Gesetz“ ist allerdings komplett anders, wie schon die Bilder verdeutlichen. Gerade bei den Innenaufnahmen im Haus von Arthur und Martha hat Kameramann Ngo The Chau für ein Licht gesorgt, das sich am besten mit „Gelsenkirchener Barock“ beschreiben lässt. Das Eigenheim wirkt wie eine Gruft, in der Arthur lebendig begraben ist, was ihm allerdings erst bewusst wird, als er sich in Jesse verliebt. Die junge Frau hat zwar ein großes Herz, macht’s aber trotzdem nicht umsonst. Als ihr Zuhälter das Geld mit Gewalt eintreiben will, löst Arthur das Problem auf seine Weise: Er füllt den Mann ihn mit Bauschaum ab. Liefe diese Serie bei ARD oder ZDF, würden vermutlich viele Menschen spätestens jetzt umschalten, denn Zübert zeigt, warum Handwerker von „Ausschäumen“ sprechen, wenn sie das Zeug verwenden. Um sich der Leiche zu entledigen, bittet Martha ihre Zwillingsschwester Muriel (ebenfalls Gedeck) um Hilfe, und tatsächlich hat die Polizistin eine höchst eigenwillige Idee, wie sie den Toten loswerden.

Makabre Scherze sind erfahrungsgemäß nicht jedermanns Geschmack, weshalb die einen „Arthurs Gesetz“ witzig und bizarr finden werden, die anderen dagegen bloß bemüht. Weil sich eine Mehrheit der Zuschauer auf den gemeinsamen Nenner Krimi einigen kann, während sich an Humor im Allgemeinen und schwarzen Komödien insbesondere aber die Geister scheiden, trauen sich ARD und ZDF nur selten an Stoffe jenseits der ausgetretenen Erzählwege; und wenn doch, dann sind sie meist nicht sonderlich erfolgreich. Bestes Beispiel ist „Morgen hör ich auf“ mit Bastian Pastewka (ZDF 2015).

Der Vergleich mit „Arthurs Gesetz“ hinkt zwar etwas, aber beide Serien erzählen von einem Kleinbürger, der aus seinem gewohnten Dasein ausbricht. Davon abgesehen haben sich Gutsche und Zübert ganz offensichtlich vorgenommen, über alle möglichen Stränge zu schlagen, was allerdings zur Folge hat, dass ihre Serie mitunter übers Ziel hinausschießt. Das beginnt beim verwirrenden Make-up von Nora Tschirner, die kaum zu erkennen ist, und endet bei Gedecks ähnlich dick aufgetragenem Spiel; kein Wunder, dass Liefers als unterdrückter Ehemann so überzeugend klein und hässlich wirkt. Vielleicht wollte Gedeck auf diese Weise aber nur die Unterschiede zwischen der skrupellosen Martha und der skrupulösen Muriel hervorheben. Verklärende Rückblenden offenbaren zwar, dass es auch mal bessere Zeiten zwischen dem Ehepaar gab, aber die Schwester wäre fraglos die richtigere Frau für Arthur; natürlich führt sein Weg zum Glück nur über Marthas Leiche. Nach zwei fehlgeschlagenen Mordversuchen manövriert sich die Gattin allerdings clever aus der Schusslinie, was einen fiesen Cliffhanger zur Folge hat.

Den größten Spaß machen die vielen originellen Einfälle. Dialoge wie das Wortspiel mit den Begriffen „Albaner“ und „alberner“ legen zudem die Vermutung nahe, dass bei der Ideenfindung gehörig Alkohol im Spiel gewesen sein muss. Am amüsantesten sind trotzdem die liebevoll ausgedachten Todesfälle. So lernt zum Beispiel Möchtegern-Gangster Holger (David Bredin), der zwischenzeitlich aufgrund einer der vielen absurden Kollateralschäden zum wandelnden Scheinwerfer wird, warum man bei Russisch Roulette besser keine echten Patronen verwenden sollte. Dass die Unglücksfälle regelmäßig mit großer Sauerei einhergehen, versteht sich fast von selbst; einige Dialoge sind ebenfalls ziemlich versaut.

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