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Freunde? Feinde? Mosab Hassan Yousef (l) und sein Kontaktagent Gonen Ben Yitzhak in einer Szene des Dokumentarfilms "The Green Prince".

Film "The Green Prince"

Liebe in Zeiten des Hasses

Der Dokumentarfilm „The Green Prince“ erzählt die unglaubliche Geschichte einer Freundschaft in Nahost: Ein Palästinenser spioniert für Israel.

Von Kerstin Krupp

Den grünen Prinzen nennt man ihn. Grün, weil es die Farbe des Islam ist und die der Flagge der Hamas. Prinz, weil der Vater von Mossab Hassan Jussef einer der Gründer und politischen Führer der radikal-islamistischen Palästinenserorganisation war und Mossab als Erstgeborener von neun Kindern der gottgegebene Stammhalter.

Den Namen erhielt Jussef nicht von seinem Vater, Scheich Hassan Jussef. Es ist Jussefs Deckname in den zehn Jahren, in denen der heute 36-jährige Palästinenser für den israelischen Inlandsgeheimdienst Schin Bet die inneren Zirkel der Hamas im Westjordanland ausspionierte. Mit seinen Erkenntnissen verhinderte er zahlreiche Selbstmordanschläge, heißt es. Indem er tut, was er für richtig hält, verrät er sein Volk, seine Familie, seinen Vater. „So viele Menschen verdanken ihm ihr Leben und haben nicht einmal eine Ahnung davon“, sagt sein einstiger Führungsoffizier Gonen Ben Itzhak.

Es ist eine unglaubliche Geschichte, die der preisgekrönte israelische Regisseur Nadav Schirman in seinem dritten Dokumentarfilm erzählt, mit dem er sich wieder dem Nahost-Konflikt zuwendet. Sie erzählt von Feinden, die Freunde werden. Blindes Vertrauen in einer Zeit blinden Hasses.

Er war noch keine 18

Aber von Beginn an: Mossab war noch keine 18 Jahre alt, als er von den Israelis 1996 erstmals verhaftet wurde. Er hatte sich eine Waffe besorgt, nachdem sein Vater nach 18 Monaten in israelischen Gefängnissen nach Hause kam, nur um am selben Nachmittag erneut verhaftet zu werden. „Ich hasste jeden in einer israelischen Uniform“, sagt Jussef. Im berüchtigten Untersuchungsgefängnis Moskobiyeh in West-Jerusalem, dem „Schlachthaus“, wird der junge Mann gefoltert, muss etwa tagelang an einen Stuhl gekettet ausharren.

In den Verhörpausen tritt Gonen Ben Itzhak in Jussefs Leben. Der Agent will den jungen Mann anwerben. „Ich wusste, es würde klappen“, sagt Itzhak, und den Stolz auf seinen Instinkt kann er kaum verbergen. Um den Quälereien ein Ende zu setzen, willigt Jussef ein. Zur Tarnung wird er erst einmal in das Megiddo-Gefängnis verlegt. „Dort lernte ich eine andere Hamas kennen“, erinnert er sich.

Führungskader, darunter ein Onkel von Jussef, folterten Mitgefangene, die sie für Kollaborateure hielten, schmolzen Plastik auf den Körpern oder jagten Nadeln unter Fingernägel. Hunderte starben. „Das war ein Schock“, sagt Jussef. Stimmte er anfangs zum Schein der Geheimdienstarbeit zu, tat er es nun aus Überzeugung. Als rechte Hand seines Vaters kennt er die Anschlagspläne der Hamas. Gleichzeitig versucht der Sohn den geliebten Vater zu schützen, notfalls indem er ihn ins Gefängnis stecken lässt.

Regisseur Nadav Schirman lässt die Geschichte im Wechsel von seinen zwei Protagonisten erzählen. Während Jussef dabei auf einem Stuhl in einem gefängnisähnlichen Raum sitzt, ist Itzhak in einem wohnlichen Zimmer platziert. Wenn sie reden, blicken sie dem Zuschauer stets direkt ins Gesicht. Der Geschichte ist nicht zu entrinnen. Hierfür hat Schirman eine Erfindung des US-Dokumentarfilmers Errol Morris genutzt, das Interrotron: eine Kamera, bei der mit Hilfe eines Spiegels das Gesicht des Interviewers vor die Linse projiziert wird. Der Blick des Befragten wird somit automatisch in die Kamera gelenkt. Ein beeindruckender Effekt.

Die geschickt gegeneinander geschnittenen Monologe werden visuell von simulierten Überwachungsbildern, nachgestellten Militäraktionen oder Verhören ergänzt. Originales Fernsehmaterial aus dieser Zeit zeigt den jungen Jussef, noch pausbäckig, mit Brille und einem Hauch von Bart stets an der Seite seines Vaters.

Irgendwann aber wird es ihm zu viel. Jussef bricht mit allem. Er konvertiert zum Christentum und setzt sich 2007 in die USA ab. Dort hält man Jussef für einen Terroristen. Eine Ausweisung aber bedeutet den sicheren Tod. Nur einer ist bereit, ihm zu helfen.

Dies ist ein Film, der Mut macht: ein Propagandafilm der Hoffnung. Und wie es so ist mit Propaganda, werden auch hier Wahrheiten vereinfacht, bleiben Fragen offen, Hintergründe unklar. Versäumen sollte man den Film dennoch nicht.

The Green Prince Dt./Isr./GB 2014. Drehbuch & Regie: Nadav Schirman. 95 Minuten.

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