Szenenfoto aus dem argentinischen Film "In ihren Augen".
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Szenenfoto aus dem argentinischen Film "In ihren Augen".

Oscar-Gewinner "In ihren Augen"

Liebe in lieblosen Zeiten

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Juan José Campanellas „In ihren Augen“ ist klug erzählt, das Geheimnis liegt im Ausgesparten. Es ist ein gefühlvoller, warmherziger Film, der uns auch intellektuell fasziniert. Kein Wunder, dass es Michael Hanekes "Das weiße Band" bei den Oscars überrundete.

Nicht überall, wo Kunst draufsteht, ist bekanntlich welche drin. Zum Trost taucht sie dafür hin und wieder an Orten auf, wo man es nicht erwartet. Als dieser argentinische Film bei den Oscars den Vorzug bekam gegenüber Michael Hanekes „Das weiße Band“, war die Überraschung groß.

Sieht man nun das Werk des Autors und Regisseurs Juan José Campanella, kann man die Akademiemitglieder verstehen. „In deinen Augen“ ist klug erzählt, der Zuschauer wird über Umwege ans Ziel geführt, das Geheimnis liegt im Ausgesparten. Es ist ein gefühlvoller, warmherziger Film, der dennoch nicht aufhört, uns intellektuell zu faszinieren.

Er beginnt mit dem, was man für ein glückliches Ende halten möchte. Es ist ein Wiedersehen nach langer Zeit zwischen einer Staatsanwältin und einem nun pensionierten Kriminalbeamten. Was können diese beiden Menschen miteinander teilen, das sie so glücklich aussehen lässt? Kaum den Mord, dessen Aufklärung den Kriminologen über Jahre beschäftigt hat. Nun möchte er einen Roman darüber schreiben. Immer wieder springt der Film hin und her zwischen den Zeitebenen der Auflösungsphase der argentinischen Demokratie im Jahre 1974 und dem Jahr 2000. Wie ein Schleier verdeckt die Zeit der Diktatur auch die Chancen der Gerechtigkeit. Zwar ist es dem Ermittler Benjamín Esposito gelungen, den Schuldigen festzunehmen, doch als Kollaborateur mit der Justiz kommt dieser bald wieder frei.

Was Benjamin nicht zur Ruhe kommen ließ, war die Liebe des Witwers der jungen Toten. Es dauert etwa 40 Minuten, bis der Film sich zu seinem ungewöhnlichen Thema bekennt: Der Bewunderung eines Mannes für die Liebesfähigkeit eines anderen. Hätte Esposito Augen im Kopf, er hätte auch die Liebe beim Schopf ergreifen können. Wir Zuschauer sind da um einiges schlauer, denn die Signale der Staatsanwältin „in ihren Augen“ sind kaum zu verkennen. Warum greift er nicht zu?

Die Frage ist komplex, und um sie zu beantworten, stürzt uns dieser bei aller Melancholie amüsante Film in die Situation des Protagonisten: Er lenkt uns ab. Denn tatsächlich ist diese übergroße Liebe alles andere als ein Vorbild. Sie hat das Maß verloren und morbide Züge angenommen. Was also ist eine lebensfähige Dosis? Die meisten Liebesfilme erzählen von einer glücklichen Gelegenheit, die man einfängt wie einen Fisch. Hier ist die Gegenposition. Ein Film über die Zeit, die es brauchen kann, sich über seine Gefühle im Klaren zu werden.

In ihren Augen, Regie: Juan José Campanellas, Argentinien 2009, 129 Min.

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