+
Erste Verhandlungen? Auf dem Pekinger Heiratsmarkt versuchen Eltern ihre Kinder zu verkuppeln – oft ohne deren Einverständnis.

"Chinas einsame Söhne", 3sat

Von Liebe keine Rede

Mit anschaulichen Beispielen verdeutlicht die Doku die gravierenden Folgen des Frauenmangels in China.

Von Franziska Schuster

Auf den ersten Blick ist es vor allem skurril, was Katja Eichhorn, ZDF-Korrespondentin in Peking, in ihrem Dokumentarfilm über die Einsamkeit der chinesischen Männer erzählt. Zum Beispiel das: Eltern erwachsener Söhne oder Töchter treffen sich auf einem der unzähligen chinesischen Heiratsmärkte auf der Suche nach einer guten Partie für ihre Kinder. Auf den Zetteln, die an Wäscheleinen aufgereiht ihre Kandidatinnen und Kandidaten anpreisen, sind keine Fotos abgedruckt, weil es vor allem um materielle Werte geht – Alter, Schulabschluss, Einkommen, Besitz.

Was wir sehen, ist das freundliche Gesicht dessen, was 35 Jahre strikte Ein-Kind-Politik in einem Land bewirkt haben, in dem der Erhalt der männlichen Erblinie eine jahrtausendealte Tradition ist. Auf 100 neugeborene Mädchen kommen 136 Jungen, jeder vierte Chinese im heiratsfähigen Alter kann nominell nicht mit einer chinesischen Frau zusammenkommen.

Wenn Eichhorn nun für ihre Reportage verschiedene Heiratswillige auf der Suche nach dem Glück begleitet, begibt sie sich Schritt für Schritt hinab in den Abgrund einer patriarchalischen Gesellschaft, in der die Partnerwahl keinerlei romantischen Impetus hat, sondern reines Statusobjekt ist. Die Filmemacherin tut das mit einer großen kulturellen Sensibilität, ihr Tonfall liegt irgendwo zwischen wohlwollendem Interesse, subtiler Ironie und sachlicher Distanz.

Mit dieser Grundhaltung geht sie an jeden der gezeigten Einzelfälle heran und schafft es, niemanden bloßzustellen oder ein Überlegenheitsgefühl zu generieren. Das ist eine beachtliche Leistung, denn die Abgründe, in die sie uns blicken lässt, sind tief. Aus westeuropäischer Sicht ist es kaum begreifbar, wie eine Gesellschaft Frauen selbst dann noch degradieren kann, wenn sie – um im Bild zu bleiben – begehrte Mangelware sind. Je nach gesellschaftlicher Stellung variieren die Parameter, aber im Grunde gilt überall das Gleiche: Eine Frau muss man kaufen.

Auch das kann freundlich aussehen, wie bei Jiang Hongbo, der sich keine Chinesin leisten kann und deshalb auf ein Mädchen aus Laos zurückgreifen muss. Ein Blick hinter die emotionalen Kulissen ist nicht vorgesehen, nach außen sieht das Paar nach erfolgreicher Verhandlung zwischen Bräutigam und Brauteltern jedenfalls einvernehmlich zufrieden aus. Das Beispiel zeigt, wie eisern die sozialen Regeln sind, denen sich die jungen Chinesen unterwerfen. Unter dem Druck durch die eigene Familie und aus Angst vor dem Abstieg hat Jiang Hongbo sich hoch verschuldet, um heiraten zu können – von seinem eigenen Bedürfnis spricht er nur untergeordnet an letzter Stelle.

Mädchen werden an Schlepper verschachert

Die finstere Variante dieser Geschichte ist die, in der die gekaufte Frau nicht einverstanden ist. Menschenhandel nennt man das; Frauen und Mädchen verschwinden vor allem in Vietnam, oft für weniger als 45 Dollar von Bekannten oder Verwandten an Schlepper verschachert. Im Film erzählen Mädchen, die der Sklaverei – denn das ist es de facto – entkommen sind, ihre furchtbaren Geschichten.

Katja Eichhorn hat auch einen der Männer vor die Kamera geholt, der sich eine verschleppte Vietnamesin auf einer Frauenversteigerung gekauft hat. Als sie weglief, ging er zur Polizei, um Anzeige zu erstatten: "Ich wusste gar nicht, dass es illegal ist, einen Menschen zu kaufen", beteuert er mit glaubwürdiger Überraschung, während er Nudelsuppe für seine Söhne kocht.

Jeder der Protagonisten dieser Doku hat etwas Relevantes zu dem Gesellschaftsbild beizutragen, das die Filmemacherin in den 45 Filmminuten skizziert. Aus der klugen Zusammenstellung spricht die China-Kennerin, die weiß, wie sie chinesische Themen für ein deutsches Publikum aufbereiten muss. Das ist ihr so gut gelungen, das man das Gefühl hat, weit mehr über die chinesische Gesellschaft erfahren zu haben als aus so manchem längeren Beitrag.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion