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Sie lassen es gemächlich angehen: Judi Dench und Ali Fazal.

"Victoria und Abdul"

Liebe zu einem muslimischen Inder

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Stephen Frears hat der Freundschaft der britischen Monarchin mit ihrem indischen Privatlehrer ein schwelgerisches Denkmal gesetzt: "Victoria und Abdul".

Fast 64 Jahre saß Königin Victoria auf ihrem Thron, warum sollte eine Schauspielerin wie Judi Dench sie da nicht gleich zweimal im Abstand von zwanzig Jahren spielen? Überraschend ist eher, dass es sogar dieselbe Facette ihrer Persönlichkeit ist, die sie abermals verkörpert. „Ihre Majestät: Mrs. Brown“ hieß damals John Maddens dezent-romantische Geschichte von der Queen und ihrem Stallburschen. 

Nun also „Victoria und Abdul“ – die Beinahe-Liebesgeschichte mit einem muslimischen Inder, der ihr 1887 ein symbolisches Geschenk aus der Kolonie nach England brachte. Der indische Filmstar Ali Fazal verkörpert ihn als gewitzten Glücksritter, als frechen, aber auch glaubhaft treuen Vertrauten Ihrer Majestät.

Die Liebe der Königin zum entlegenen Teil ihres Empires, den sie nie betreten durfte, ist lange bekannt, und von ihrer Wertschätzung zu Abdul künden mehrere Porträts in ihrem Auftrag. „Der Munchi“ heißt eines, das der Maler Laurits Tuxen noch im Jahr seiner Ankunft fertigte – ein typisches Beispiel für den schwärmerischen Orientalismus jener Zeit mit einem attraktiven Turbanträger in impressionistischem Licht. 

Zum „Munchi“, zum Privatlehrer, hatte die Königin den früheren Gerichtsschreiber gemacht und damit die Eifersucht des Hofstaates provoziert. Auch das war stets bekannt, doch erst das gleichnamige Buch der indischen Journalistin Shabani Basu (deutsch im Goldmann-Verlag) lüftete sein Geheimnis. Von früheren Biografen als Schwindler aus kleinen Verhältnissen abgetan, unterrichte er die Königin dreizehn Jahre lang offenbar sehr erfolgreich in seiner Muttersprache Urdu. Ebenso viele handschriftliche Kladden Victorias fand die Journalistin ungeöffnet vor, und später entdeckte sie sogar die Tagebücher Abduls im Besitz von Nachfahren in Karachi. Auch wenn sich aus all dem keine „gefährlichen Liebschaften“ herauslesen lassen, findet Stephen Frears doch genug Stoff für einen altmodischen Kostümfilm von gemächlich perlendem Charme.

Leicht könnte die Problematik des Kolonialismus in den hübschen Dekors verloren gehen, doch auch die politischen Begleitumstände bindet Frears geschickt ein: Ein zweiter Inder, der Abdul tatsächlich begleitete, jedoch in England starb, bringt die Themen immer wieder auf und fühlt dem Günstling damit auf den Zahn. Dagegen stehen die unschuldigen Gefühle, die Victoria für Abdul entwickelt, für den naiven Exotismus ihrer Zeit, der die wirtschaftliche und kulturelle Ausbeutung zum Liebesdienst verklärte. 

Als absolut ehrenwert muss man dagegen das Interesse der Königin am Islam betrachten, das offenbar aus ihren Handschriften belegbar ist. Und dies allein verschafft diesem sympathischen, aber auch obskuren Film eine besondere Aktualität: 52 Prozent der Briten halten nach einer Studie aus dem vergangenen August den Islam für eine Bedrohung. In Deutschland glaubten das im Jahre 2015 sogar 57 Prozent, 78 Prozent fürchteten einen angeblichen Einfluss der Religion auf unsere Gesellschaft. Vor dem Hintergrund solch irrationaler Ängste, die an den Antisemitismus der 30er Jahre erinnern, muss einem ein harmloser Mainstream-Film wie „Victoria und Abdul“ schon wie ein politisches Statement erscheinen. Und durchaus als ein geschäftliches Risiko, richtet er sich doch an ein breites bürgerliches Publikum, in dem auch der islamfeindliche Populismus immer mehr Verbreitung findet.
 

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