Kommentar zu Cannes

Liebe bis in den Tod

Michael Haneke gewinnt mit „Amour“ zu Recht die Goldene Palme des 65. Filmfestivals von Cannes. Andere Entscheidungen der Jury sind nur schwer nachvollziehbar.

Von Anke Westphal

Es war die beste aller möglichen Entscheidungen: Für sein Kammerspiel „Amour (Liebe)“ wurde Michael Haneke am Sonntagabend mit der Goldenen Palme des 65. Filmfestivals von Cannes geehrt. Die Geschichte um ein altes Ehepaar, das auch nach dem zweiten Schlaganfall der Frau das gemeinsame Leben in der eigenen Wohung gegen die Umwelt zu bewahren sucht, überzeugte nicht allein durch die ebenso klare wie sensible Kompostion als ästhetischer Ausdruck einer Haltung. Hier stellten sich in ihren Rollen auch zwei hervorragende Darsteller furchtlos der eigenen Gebrechlichkeit.

"Amour" - ein zärtlicher Film über ausgehendes Leben

Emmanuelle Riva als Greisin, die zum Pflegefall wird, und Jean-Louis Trintignant als sie versorgender Ehemann hätten gern auch die Darstellerpreise erhalten können – das wäre zwar gegen das Reglement von Cannes, aber nur recht gewesen.

Die Jury unter Vorsitz des italienischen Regisseurs Nanni Moretti entschied anders. Immerhin hat sie den schönsten, berührendsten und dazu relevantesten Film dieses Wettbewerbs auch unter lärmenderer Konkurrenz erkannt. Unter den großen Regisseuren unserer Zeit genießt Haneke den Ruf eines unbestechlichen Analytikers; „Amour“ ist ein für seine Verhältnisse zärtlicher Film über ausgehendes Leben und die Verteidigung der Würde dabei. Es ist dies die zweite Goldene Palme für den österreichischen Regisseur, der die renommierteste Ehrung der Filmwelt bereits vor drei Jahren erhielt für „Das weiße Band“.

Neben den Schauspielern Ewan McGregor, Emmanuelle Devos, Hiam Abbass und Diane Kruger entschieden unter Leitung von Moretti auch die Regisseure Andrea Arnold, Raoul Peck und Alexander Payne sowie der Modedesigner Jean-Paul Gaultier über die Vergabe der Wettbewerbspreise. Von der Ehrung für Hanekes Film einmal abgesehen, war es ein Gala-Abend der langweiligen bis fragwürdigen Entscheidungen. So wurden als Beste Darstellerin nicht verdientermaßen Marion Cotillard („Rust & Bone“) oder Margarethe Tiesel („Paradies: Liebe“) gewürdigt – nein, paritätisch geehrt wurden vielmehr Cosmina Stratan und Cristina Flutur aus dem Exorzismus-Drama „Beyond the Hills“ von Cristian Mungiu. Mungiu ist das Vorzeigekind der rumänischen Nouvelle Vague, 2007 erhielt er für „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“ die Palme d’Or in Cannes. „Beyond the Hills“ wurde nun zudem für das Beste Drehbuch ausgezeichnet. Das war zu viel der Ehre für einen Film, der sich eher verliebt in sein christlich-orthodoxes Setting denn inspiriert zeigte.

Dass Mads Mikkelsen am Sonntag als Bester Schauspieler triumphierte, lag mehr als nahe. In „Jagten (The Hunt)“ von Thomas Vinterberg hat der dänische Star als ein Erzieher, der zu Unrecht des Kindesmissbrauchs bezichtigt wird, reichlich Gelegenheit, ein ganze Gefühlsspektrum aus Ungläubigkeit, Wut und Verzweiflung vorzuführen – als Opfer einer aufgeklärten Gesellschaft, die bereits auf die schiere Möglichkeit eines Verbrechens vernichtend reagiert.

Die Fehlentscheidung

Verblüffenderweise ging die zweithöchste Ehrung des Festivals, der Große Preis der Jury, an Matteo Garrones enttäuschende neue Regiearbeit „Reality“ (Italien). Ja, in diesem Fall muss man sogar von einer Fehlentscheidung sprechen und annehmen, dass sich der Jury-Präsident von nationalen Erwägungen leiten ließ. Garrone wurde vor ein paar Jahren mit dem tollen, unheroischen Mafia-Film „Gomorrha“ berühmt. In seinem neuen Film lässt er einen nicht mehr ganz jungen Fischhändler ganz simpel daran zerbrechen, dass der nicht für die Show „Big Brother“ gecastet wird. Vor zwanzig Jahren, zu den Anfängen des Privatfernsehens, wäre das vielleicht eine große Sache gewesen.

Dass die Jury letztlich kein Risiko einging, demonstriert etwa auch ihr Preis für die Whiskey-und-Sozial-Komödie „The Angel’s Share“ des Briten Ken Loach. Schwer akzeptieren lässt sich indes, dass mit „Holy Motors“ von Leos Carax der gewagteste Film völlig ignoriert wurde.
Im Wettbewerb der 65. Festspiele von Cannes konkurrierten insgesamt 22 Filme. Dass sie alle von Männern stammten, sorgte im Vorfeld und zu Beginn des Festivals für Proteste, auch gegen das dem Vernehmen nach rein männlich besetzte Auswahlkomitee. Dessen genaue Zusammensetzung ist, anders als bei diversen anderen A-Filmfestivals, nicht bekannt. So kann man es also auch verstehen, das Konzept der „exception culturelle“, auf das Frankreich so stolz ist: Kultur mag keine Ware sein, ist aber auch keine demokratische Angelegenheit.

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