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„Licorice Pizza“-Regisseur Anderson: „Ich mag einfache Witze, für die man sich am nächsten Tag nicht schämt“

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Von: Daniel Kothenschulte

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Blick auf eine befreite Jugendkultur: Alana Haim und Cooper Hoffman in „Licorice Pizza“.
Blick auf eine befreite Jugendkultur: Alana Haim und Cooper Hoffman in „Licorice Pizza“. © dpa

Der Filmemacher Paul Thomas Anderson über seine Vorbilder Max Ophüls und Billy Wilder – und die Frage, warum „Licorice Pizza“ gerade unter Pandemiebedingungen gelingen konnte.

Paul Thomas Anderson, ich habe lange keinen so guten Film gesehen wie „Licorice Pizza“. Wie erreicht man so eine Qualität mitten in der Pandemie?

Es war schon unheimlich, es gab ja zuerst noch gar keinen Impfstoff. Wir fühlten uns, als planten wir zusammen einen Bankraub, etwas, das furchtbar riskant ist, aber doch die Sache wert. So lange hatte jeder für sich hin gearbeitet ohne eine Perspektive, etwas, auf das man hinarbeiten könnte. Jetzt mussten wir zusammenhalten und ganz effizient sein und sehr sorgfältig. Und deshalb glaube ich kaum, dass aus demselben Drehbuch unter normalen Umständen ein ebenso guter Film geworden wäre. Aber ich kann Ihnen sagen, es ist wirklich aufregend, gerade jetzt einen Film herauszubringen, der sich so anfühlt. Ich habe ja weiß Gott schon schwierigere und anstrengendere Filme gemacht, aber so einen würde ich jetzt nicht so gerne zeigen. Ich würde jetzt nicht gerne „The Master“ herausbringen.

Den würde ich mir zu jeder Zeit gerne ansehen.

Recht so, ist ja auch ein toller Film.

Ihr neuer Film spielt in den frühen Siebzigern, einer Epoche, die unserer Generation aus klassischen Filmen sehr vertraut ist; viele davon zitieren Sie direkt. Wie reagiert denn ein junges Publikum darauf, das diese Filme nicht kennt?

Ich versuche mich an meine eigene Jugend zu erinnern. Ich sah damals sehr gerne Filme, die in den Fünfzigerjahren spielten. Ich mochte die Mode, die Autos und die Freiheit, die jeder vor sich her trug, etwa James Dean in „Denn sie wissen nicht, was sie tun“. Und ich mochte die Filme aus den Siebzigern, die in den Fünfzigern spielten wie „American Graffiti“. Meine Kinder sind ein schlechtes Beispiel, denn ich verordne ihnen eine religiöse Diät aus alten Filmen oder Historienfilmen. Mein Haus ist so eine Art Zwangs-Filmliebhaber-Haus. Da muss man sich allerhand ansehen. Aber ich sag Ihnen was: Meine Kinder und ihre Freunde waren Statisten in vielen Szenen meines Films. Und sie liebten die Klamotten und die Musik. Und dann diese eine Kulisse mit den vielen Flipper-Automaten. Da fühlten sie sich regelrecht betrogen, dass es das in ihrer Zeit nicht mehr gibt. Sie sagten: Das ist so unfair! Ihr hattet so was? Ist das echt? Ich sagte: Klar, so was hatten wir. Waren die sauer! Und weil sie ihre Handys nicht dabeihaben durften, hatten sie eine wunderbare Zeit!

Sind Ihre eigenen Erinnerungen eingeflossen? Sie waren damals ja noch ein kleines Kind. Oder sind es eher Filmerinnerungen?

Das ist halbe-halbe. Alle Details der Geschichte stammen von meinem Freund Gary Goetzman, der 18 Jahre älter ist als ich und ein Kinderdarsteller war. Wir sind in derselben Gegend von Los Angeles aufgewachsen. Meine Eltern waren im Showgeschäft, und obwohl ich selbst noch sehr klein war, habe ich sehr viel mitbekommen. Nichts an seinen Geschichten kam mir rätselhaft vor, alles konnte ich sofort verstehen und sehr klar vor mir sehen. Auch wenn es nicht meine eigene Geschichte ist, sind es doch meine Gefühle. Die Beziehungsgeschichte habe ich zwar erfunden, aber sie erinnert mich an einige Beziehungen, die ich als Teenager mit älteren Mädchen hatte. Und ich hatte eine ältere Schwester, das hat auch eine Menge damit zu tun. Denn die hatte natürlich Freunde, und mit denen will man ja dann unbedingt zusammen sein – die waren schön und cool und hatten Autos. Und wollten natürlich nichts mit einem zu tun haben, denn man war ja klein und nervig. All diese Dinge kommen aus persönlichen Erfahrungen, fiktionalisiert, wenn man so will.

Das passt zu dem Gefühl, das mir Ihr Film vermittelt, diese bestimmte Unschuld: wie ein Kind voller Neugier auf das Leben der etwas Älteren blickt.

Ich erinnere mich, wie ich diese Szene gedreht habe, in der sich Gary und Alana heftig streiten, ohne dass jemand irgendetwas falsch gemacht hat. Mir hat das beim Zusehen so gut gefallen, weil sie wie ein altes Ehepaar wirken. Ihre Beziehung hat ihren Höhepunkt überwunden, und Alana fängt einen Streit an, um gar nichts, nur weil sie aus der Beziehung rauswill. So was macht man erst als Erwachsener. Ich dachte: Das ist ja interessant, dieser Mikrokosmos erwachsener Beziehungen, wo es nur um irgendwelche lächerlichen Einzelheiten geht und man darüber streitet, wer cooler ist. Aber es ist so menschlich.

Nun sprachen wir über die autobiografischen Referenzen. Die zweite Ebene scheinen mir alte Filme zu sein. Sean Penn spielt einen Hollywoodstar namens Jack Holden, der Alana auf ein Date einlädt. Ist das nicht eigentlich William Holden in seiner Rolle in Clint Eastwoods frühem Film „Breezy“ („Begegnung am Vormittag“) als Freund einer viel jüngeren Hippie-Frau?

„Breezy“ ist interessant. Dieser Gary Goetzman, der die Hauptfigur inspirierte, war tatsächlich mit der Schauspielerin Kay Lenz zusammen. Sie trennten sich, und dann bekam sie die Hauptrolle in „Breezy“. Daher die Verbindung: Ich kannte den Film vorher nicht, aber dann fiel mir dieses Szenario ein: Sie ist natürlich nicht wirklich privat mit Holden ausgegangen. Aber ich mochte William Holden immer gerne, er gehört der Generation meines Vaters an. Sehen Sie: Es beginnt mit einer wahren Geschichte. Aus der können wiederum alle möglichen komödiantischen Dinge entstehen. Und der Rest ist dann einfach herausgepurzelt. Ganze Dialogsätze aus „Breezy“ habe ich unverändert in die Castingszene meines Films übernommen. Wir nennen den Film darin „Rainbow“.

Zum traumhaften Eindruck fast all ihrer Filme tragen choreographierte Kamerafahrten bei. Ich glaube, Sie sind ein großer Fan des deutsch-französischen Regisseurs Max Ophüls, der dieses Stilmittel zur Meisterschaft brachte.

Ich glaube, Fan ist ein zu leichtes Wort. Ich würde sagen: Ich verehre ihn. Was ist der Unterschied zwischen Gott und Max Ophüls? Scherzfrage! Max Ophüls ist Gott. Wann immer man die Kamera bewegt, versucht man es so gut zu machen wie Ophüls. Und noch immer ist er der ungeschlagene Champion. Und wer versucht es nicht alles. Aber nach siebzig Jahren ist er immer noch Weltmeister.

Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel, aber ich musste auch an eine bestimmte Sorte nicht ganz so angesehener Filme denken, die Hollywoods Altmeister in den späten Sechzigern drehten: Otto Premingers, „Skidoo“, Vincente Minnellis „Die alles begehren“ („The Sandpipers“) ...

Zur Person

Paul Thomas Anderson, 1970 in Studio City, Kalifornien, geboren, ist als Filmregisseur, Drehbuchautor und Produzent tätig. Bereits acht Mal war er für einen Oscar nominiert.

Mit „Licorice Pizza“ widmet er nun seiner Kindheit in den Siebzigern ein leichthändiges Meisterwerk. Cooper Hoffman, der Sohn von Andersons verstorbenem Stamm-Darsteller Philip Seymour Hoffman, spielt die Hauptrolle eines Kinderstars in Hollywood. Als Teenager sieht er seinen Stern bereits sinken und entwickelt immer neue Geschäftsideen – sei es als Verkäufer von Wasserbetten oder Betreiber einer Halle randvoll mit Flipperautomaten. Der Nährboden seiner Kreativität ist das Werben um seine große Liebe, eine zehn Jahre ältere Fotoassistentin. „Licorice Pizza“ blickt mit der Unschuld des Kindes auf die Jugendkultur der Hippie-Zeit, verwoben mit hinreißend ausgewählten Songs, orchestriert in einem traumhaften Stil kunstvoller Kamerafahrten. Ähnlich Tarantinos „Once Upon a Time in Hollywood“ ist es eine Parallelerzählung zur Filmgeschichte und zugleich eine Liebeserklärung. Nur viel zärtlicher. Bessere Filme sind derzeit schwerlich zu finden.

In den deutschen Kinos läuft „Licorice Pizza“ am heutigen Donnerstag an.

Oh mein Gott ( lacht ), ich hoffe, Sie wollen mich nicht beleidigen! Es gibt diese Subkategorie alternder Hollywoodregisseure, die noch mal etwas Jugendliches machen wollten. Howard Hawks drehte dieses bizarre Ding, ich komme nicht auf den Titel ...

„Rote Linie 7000“ ...

Oh mein Gott! Nein! Das ist so schlimm ... Wo sind wir jetzt gelandet? Sagen Sie mir, dass das nicht wahr ist ...

Ich wollte Sie jetzt wirklich nicht beleidigen und Ihren Film damit vergleichen, ganz im Gegenteil.

(Lacht ) Wäre aber schon sehr lustig gewesen.

Wissen Sie, was der schlimmste dieser Sorte von Filmen alternder Regisseure über die Hippiezeit ist? Michael Powells „Age of Consent“ („Das Mädchen vom Korallenriff“). So einen Film machen Sie bitte nie!

Oh, oh, das ist so schlimm. Es ist wie die alten Männer, die nicht aufhören können, ihre Haare zu färben und dabei am Ende noch älter aussehen, als sie eigentlich sind, mit ihren pechschwarzen Haaren.

Noch einmal, ich finde ja bloß, dass sich etwas von diesen uncoolen alternden Männern in Ihren Figuren widerspiegelt, zum Beispiel in Sean Penns Figur. Dieser Wunsch, bei dieser neuen Jugendkultur mitzumischen. Das gilt eben auch schon für Clint Eastwood, als er „Breezy“ drehte.

Ganz genau. Es gibt Fotos von ihm aus dieser Zeit, wo er Mokassins trägt, aber er war einfach zu alt für die Hippiekultur. William Holden zum Beispiel war so erkennbar ein Mann einer anderen Zeit, er war immer glattrasiert und lehnte mehrere Filme ab, nur weil sie Nacktszenen enthielten. Das einzige Zugeständnis, das diese Männer äußerlich an den neuen Stil machten, war, sich längere Koteletten wachsen zu lassen.

Susan Sontag sprach von „Amerikanischem Surrealismus“ für die Sicht moderner Fotografen oder Fotografinnen wie Diane Arbus auf das Absonderliche im Normalen. Ich finde, Ihre Filme besitzen eine andere Art von Alltagssurrealismus: Aber es ist ein freundlicher, ohne die fiese Ironie.

Das hört sich gut an. Ich mag alles ohne Ironie. Ironie kann eine tolle Sache sein, wenn sie echt ist und nicht bösartig. Ich mag lieber lustige Dinge. Ich mag die billigen Witze. Aber es muss die richtige Art von einfachem Humor sein, die, für die man sich nicht am nächsten Tag schämt. Ich mag nichts Schnippisches. Und „clever“ gefällt mir auch nicht. Meine Lieblingsfilme, die mir dauerhaft gefallen, sind gerade heraus, komisch und übertreiben es nicht. Und durch ihre Einfachheit erreichen sie etwas ganz Besonderes. Ich denke da vor allem an Billy Wilder. Seine Filme gelten als Komödien, aber sie sind so viel mehr und so leichthändig aufgebaut.

Sein Vorbild war Lubitsch, nehmen wir nur „Ninotschka“.

Der war neulich wieder im Fernsehen, und ich dachte, das ist einfach unglaublich.

Vielen Dank für dieses Gespräch!

Ich bedanke mich bei Ihnen, und ich verspreche Ihnen, nie einen Film zu machen wie „Das Mädchen vom Korallenriff.“

Interview: Daniel Kothenschulte

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