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„Liberame – Nach dem Sturm“: Urlaub auf dem Massengrab

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Von: Tilmann P. Gangloff

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LIBERAME  Nach dem Sturm
Von links: Ina Weisse, Emmanuel Ajayi, Johanna Wokalek, Tariq Al-Saies, Friedrich Mücke, Mohamed Achour, Kenda Hmeidan, Natalia Belitski, Shadi Eck, Mina-Giselle Rüffer. © ZDF/Aaron Foster

Die als Familiendrama getarnte ZDF-Serie nähert sich ihrer Gretchenfrage auf reizvoll verschachtelten Wegen: Wie hält es Europa mit den Flüchtlingen?

Frankfurt – „Urlaub auf dem Massengrab“: Die Bemerkung klingt zynischer, als sie gemeint ist. Daniel wollte damit zum Ausdruck bringen, dass er einen Segeltörn im Mittelmeer, wo in den letzten zwei Jahrzehnten Tausende ertrunken sind, für ziemlich fragwürdig hält. Mitgekommen ist er trotzdem, und prompt ist die Gruppe rund um den Hamburger Werftbesitzer Jan Garbe (Friedrich Mücke) auf ein Boot mit Flüchtlingen gestoßen.

Das Ereignis liegt allerdings bereits einige Jahre zurück. Erst nach und nach gibt das Drehbuch (Astrid Ströher, Marco Wiersch) preis, was damals vorgefallen ist. Diese Geheimniskrämerei wirkt mitunter bemüht, zumal die sechsteilige ZDF-Serie „Liberame – Nach dem Sturm“ auch innerhalb der Rückblenden Zeitsprünge macht, erhöht aber tatsächlich die Spannung. Weil die Ereignisse aus unterschiedlichen Perspektiven geschildert werden, kommt es zudem immer wieder zu Ergänzungen, die der Geschichte mehrfach eine überraschende Wendung geben und gegen Ende, als die Dinge endgültig eskalieren, schockierende Wahrheiten offenbaren. Die Rahmenhandlung in der Gegenwart entwickelt sich dagegen mehr und mehr zu einem vor allem in emotionaler Hinsicht facettenreichen Drama.

„Liberame – Nach dem Sturm“: Sehr dicht erzählten Serie

Auf den ersten Blick wirken die Garbes wie eine glückliche vierköpfige Familie: Vater, Mutter, zwei Kinder. Der schöne Schein löst sich jedoch alsbald in Wohlgefallen auf: Die Werft steht vor der Pleite, Jan hat eine Affäre, und Gattin Caro (Johanna Wokalek) gesteht ihm, dass sie nach dem Segeltörn Sex mit dem anschließend in die USA geflohenen Daniel (Marc Benjamin) hatte, dem Freund von Jans Schwester Fiona (Natalia Belitski). Zu allem Überfluss droht der Segelgruppe eine Gefängnisstrafe: Die beiden Paare waren damals mit der befreundeten Anwältin Helene (Ina Weisse) auf Jans Schiff „Liberame“ unterwegs.

Eines Tages hat ein Flüchtlingsboot ihre Route gekreuzt. Weil das Schiff einen Motorschaden hatte, haben sie es ins Schlepptau genommen. In der Nacht ist ein Sturm aufgekommen; am nächsten Morgen war das Boot verschwunden. Jetzt hat einer der syrischen Überlebenden Jan zufällig wiedererkannt. Taxifahrer Ismail Sabia (Mohamed Achour) will Gerechtigkeit für den Tod seiner ertrunkenen Tochter und erstattet Anzeige; der Gruppe droht eine Anklage wegen unterlassener Hilfeleistung. Die Ermittlungen werden schließlich eingestellt, aber damit ist die Sache für Sabia, seinen Bruder Bilal (Tariq Al-Saies) und den Nigerianer Akono (Emmanuel Ajayi), der im Mittelmeer seinen Vater verloren hat, noch lange nicht erledigt.

Die Serie

„Liberame – Nach dem Sturm“: Ab 29. Juli in der ZDF-Mediathek

Konzeptionell mag der Reiz der trotz einer Dauer von 270 Minuten sehr dicht erzählten Serie (Regie: Adolfo J. Kolmerer) in der verschachtelten Struktur liegen, aber ihre spezielle Qualität resultiert aus dem Dilemma der Reisegruppe, auf das sich die Rückblenden zunehmend konzentrieren: Als klar wird, dass das mit 35 Menschen allen Alters völlig überfüllte Boot hilflos auf dem Meer treiben wird, diskutiert das Quintett, wie es sich nun verhalten soll; Jans Hilferuf per Funk bleibt unbeantwortet, weil sich die italienische Küstenwache offenbar taub stellt.

„Liberame – Nach dem Sturm“: Wie geht man mit Geflüchteten um?

Laut Seerecht ist die Segelgemeinschaft zur Hilfe verpflichtet, doch wenn sie das Boot in einen italienischen Hafen schleppt, wäre das Beihilfe zur illegalen Einwanderung. Die Flüchtlinge ihrem Schicksal zu überlassen, kommt aus Gründen der Humanität auch nicht in frage. Mütter, Kinder und Kranke an Bord holen? Dann würde der Proviant nicht für alle reichen.

Der Mikrokosmos spiegelt somit perfekt die europäische Debatte im Umgang mit Geflüchteten wider, und vermutlich würden sich viele Menschen freuen, wenn sich das „Problem“ ähnlich in Luft auflösen würde wie das verschwundene Schiff in der Serie. Aber nun, Jahre später, konfrontieren die Überlebenden den Freundeskreis mit dem Vorwurf, jemand habe das Schlepptau durchgeschnitten. Buch und Regie verzichten jedoch darauf, die Geschichte fortan als Krimi zu erzählen.

„Liberame“ (im religiösen Sinn „Erlöse mich“, so benannt nach dem Namen der Segeljacht) bleibt ein Drama, zumal sich schließlich rausstellt, dass sämtliche Beteiligten Geheimnisse hüten. Regisseur Kolmerer hat nach den Kinokomödien „Schneeflöckchen“ und „Abikalypse“ fürs ZDF zuletzt einige Folgen der ähnlich intensive Serie „Sløborn“ (2020) gedreht und zeigt nun erneut, wie vorzüglich er ein Ensemble zu führen weiß. Die Bilder haben Kinoqualität, die Meerszenen nach dem Kentern des Flüchtlingsboots sehen beklemmend echt aus. Die Serie steht ab in der ZDF-Mediathek. (Tilmann P. Gangloff)

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