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Artur Brauner, 1918 in Lódz geboren, ist am Sonntag im Alter von hundert Jahren gestorben.

Nachruf

Der letzte Tycoon

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Zum Tod des Filmproduzenten Artur Brauner.

Im vergangenen August erlebte der Berliner Zoo-Palast, dieses wohl prunkvollste Denkmal des westdeutschen Nachkriegskinos, noch einmal eine Gala wie in alten Zeiten. Auf der gewaltigen Plakatfläche, die einst Romy Schneider oder Pierre Brice geziert hatten, prangte nun das lächelnde Konterfei ihres ehemaligen Produzenten. Dazu, wie der Titel eines Films den man zu gern gesehen hätte: „100 Jahre Artur Brauner“.

Es stand ihm gut, das rauschende Fest, das ihm seine Familie ausgerichtet hatte. So wie der Glamour den Gründer der CCC-Film stets vorzüglich kleidete. Selbst als es mit dem Glanz des deutschen Films langsam zu Ende ging, schienen ihn die wenigen Sonnenstrahlen überall zu finden.

Rund 300 Filme produzierte Artur Brauner, doch auch wenn es nur einer gewesen wäre, hätte er ihm einen Platz in der Filmgeschichte eingetragen. Dieser eine Film heißt „Morituri“ und ist neben dem ebenfalls 1948 erschienenen, in jiddischer Sprache gedrehten Drama „Lang ist der Weg“ der erste deutsche Spielfilm über den Holocaust. Heute ein Klassiker, stieß er in der unmittelbaren Nachkriegszeit in Deutschland auf vehemente, ja gewalttätige Ablehnung. Die Geschichte des Ausbruchs einer Gruppe von KZ-Insassen, ihre Flucht durch polnische Wälder – der ursprüngliche Titel war „Die Todgeweihten“ – war autobiographisch inspiriert. Anders als 49 seiner Verwandten konnte der verfolgte polnische Jude Artur Brauner vor den Nazis fliehen. Mit seinen Eltern und vier Geschwistern gelang ihm die Flucht in die Sowjetunion.

Zehn Jahre später erinnerte sich der Filmpublizist Curt Riess in seinem populären Band „Das gab’s nur einmal“: „In manchen Kinos wird der Film schon nach der ersten Vorstellung abgesetzt weil die betreffenden Theater renoviert werden müssen. Das empörte Publikum hat nämlich die Sitze zusammengeschlagen. Und Arthur Brauner verliert an diesem Film die letzte Mark, die er noch besitzt. Trotzdem bereut er keinen Augenblick, ihn gedreht zu haben, wird es auch später nie bereuen.“ Das tat er auch später nicht; für seine Autobiographie, eine mitreißende Erfolgsgeschichte und humorvolle Anekdotensammlung, machte er sich sogar den Titel von Riess’ Buch zu eigen: „Mich gibt’s nur einmal“.

In seinen späten Jahren produzierte Brauner noch eine Reihe weiterer bedeutender Filme über die NS-Zeit, viele davon waren überaus erfolgreich: Michael Verhoevens „Die weiße Rose“ und Agnieszka Hollands „Hitlerjunge Salomon“ wurden zur Klassikern in der Geschichtsvermittlung gerade weil sie auch ein junges Publikum mitzureißen wussten.

Es gehört zu den besonderen Qualitäten Brauners, dass ihn ein Rückschlag wie „Morituri“ nicht entmutigte. Oft wird verkürzend behauptet, er habe danach lange nur noch Unterhaltungsfilme gedreht. Dabei muss man sich nur den fast vergessenen Folgefilm ansehen, Alfred Brauns „Mädchen hinter Gittern“ (1949), um dies zu entkräften: Es ist ein Sozialdrama im Stil der frühen Tonfilme der Weimarer Republik, für die Zeit gewagt in seinem Eintreten gegen restriktive Sexualmoral und Frauenfeindlichkeit. 1958 widmet sich Brauner mit „Mädchen in Uniform“ noch einmal einem ähnlichen Stoff. Diesmal nimmt er sich mit Leontine Sagans Klassiker direkt einen Film aus der Glanzzeit des deutschen Films zur Vorlage; Géza von Radvanyi inszeniert das Remake mit einer strahlenden Romy Schneider. Es ist eine ihrer ersten anspruchsvollen Rollen und einer der bemerkenswertesten bundesdeutschen Filme der Fünfziger Jahre.

Brauners Überzeugung, mit den ästhetischen Standards des Unterhaltungsfilms ein großes Publikum für ernste Themen zu gewinnen, stieß im restaurativen Klima der Nachkriegszeit an enge Grenzen. 1955 verfilmte er mit „Der 20. Juli“ die Umstände des gescheiterten Attentats auf Hitler als großes Historiendrama. Zugleich gab Brauner dem Re-Emigranten Robert Siodmak die Gelegenheit, Gerhard Hauptmanns Drama „Die Ratten“ mit expressionistischen Stilelementen zu inszenieren.

Was Brauners CCC in den Fünfzigerjahren produzierte, erreichte die Massen und prägte den Geschmack einer Epoche. Mit Sonja Ziemann baute er einen der beliebtesten Filmstars auf. Viele seiner damals von der Kritik verschmähten Produktionen verdienen heute eine Wiederentdeckung und Neubewertung: Kurt Hoffmanns unbeschwerte Komödie „Der Raub der Sabinerinnen“ mit Gustav Knuth und Paul Hörbiger zum Beispiel.

Von Artur Brauner Abschied zu nehmen heißt auch, endgültig den Vorhang zu schließen hinter einer Filmindustrie, die bereits nach dem Einbruch des Fernsehens Anfang der 60er Jahre nicht mehr dieselbe war. Wer sein Herz am Publikum hat, wie es Artur Brauner von sich sagen konnte, kann sich dafür wenig kaufen. In einer Subventionskultur spielt unternehmerisches Denken, wie es Brauner meisterhaft beherrschte, kaum noch eine Rolle.

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