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Radek (Hans-Werner Meyer, M.) und Mina (Jasmin Tabatabai, r.) werden Zeugen, als Ingrid (Julia Hartmann, l.) einen Anruf von Constanze bekommt, die offensichtlich in Schwierigkeiten steckt.

„Letzte Spur Berlin: Sommersonnenwende“, ZDF

Menschenjagd am Rande Berlins

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Sehenswert: Mit einer abendfüllenden Episode geht die Erfolgsserie „Letzte Spur Berlin“ in die achte Staffel.

Der Spruch ist nicht schlecht: „Du siehst ja aus wie deine eigene Leberwurst“, attestiert Auslieferungsfahrer Frank Wagner (Eugen Knecht) spöttisch seinem Auftraggeber, dem Wildmetzger Ronny Oppen (Tobias Schenke). Der reagiert gereizt. Wagner ist zu spät zur Arbeit erschienen. Den Rüffel des Chefs lässt er kalt lächelnd an sich abperlen. Die beiden Männer waren einmal Freunde. Jetzt steht mehr zwischen ihnen als Wagners laxe Arbeitshaltung.

Oppens Kunden bleiben an diesem Tag ohne Ware. Jedenfalls die meisten. Der Lieferwagen wird verlassen am Rande eines Kiefernwäldchens gefunden. Frank Wagner ist spurlos verschwunden. Ein Fall für die Vermisstenstelle des Berliner Landeskriminalamtes. Oliver Radek (Hans-Werner Meyer), Mina Amiri (Jasmin Tabatabai) und Lucy Elbe (Josephin Busch) rücken aus in den ländlichen Vorort Falckendorf, machen sich mit den regionalen Gegebenheiten vertraut, erkunden das soziale Geflecht der kleinen Gemeinde, die den Aufschwung-Ost bislang nur vom Hörensagen kennt. Ein ideales Terrain für jene, die im tiefbraun kontaminierten Trüben fischen, die enttäuschten Menschen zweifelhafte Lösungen anbieten und sie um sich scharen, indem sie den Hass gegen andere schüren.

Die Slawen waren’s

Eines ihrer Lockmittel: Die Besinnung auf angebliche Traditionen, auf krudes Germanentum und nordische Kulte. So wird in Falckendorf seit einigen Jahren wieder die Sonnenwende gefeiert, angelehnt an altgermanische Bräuche. So erklärt es Dorfbewohnerin Magda Wagner (Nina Franoszek) in aggressivem Verteidigungstonfall. „Slawen“, korrigiert Radek höflich. In der Region lebten keine heidnischen Germanen, sondern Slawen, bis sie von christlichen Rittern kolonialisiert wurden. Die verzweifelte Identitätssuche in der Frühgeschichte basiert auf bewusst gestreuten Lügen.

Mit ihrem Drehbuch bewegen sich Christian Schiller und Marianne Wendt, die Headwriter der Serie, ganz auf der Höhe der Zeit. Die mit Rückblenden durchsetzte, atmosphärisch dicht inszenierte Krimihandlung ist durchdacht und wartet mit zahlreichen Wendungen auf, ohne dass mit abenteuerlichen Volten und Zufällen operiert werden muss. Auffällig dabei, dass die polizeiliche Praxis vergleichsweise realitätsnah beschrieben wird. Wenn beispielsweise eine der Ermittlerinnen eine Befragung vornimmt, dann hat sie zur Absicherung einen uniformierten Kollegen dabei.

Szenen aus „Letzte Spur Berlin: Sommersonnenwende“

Micha (Sascha Göpel, l.) versucht, vor Radek (Hans-Werner Meyer, M.) und Mina (Jasmin Tabatabai, r.) zu flüchten, die ihn dabei erwischt haben, als er sich in Wehrmachtsuniform mit NS-Symbolen fotografierte.
Micha (Sascha Göpel, l.) versucht, vor Radek (Hans-Werner Meyer, M.) und Mina (Jasmin Tabatabai, r.) zu flüchten, die ihn dabei erwischt haben, als er sich in Wehrmachtsuniform mit NS-Symbolen fotografierte.  © ZDF/Delia Woehlert
Ianis (Jon Kiriac, 2.v.r.) erzählt Lucy (Josephin Busch, l.) und Alexander (Aleksandar Radenkovic, 2.v.l.), dass ihn Constanze zu einer Aussage gegen Grimm überreden wollte. (Frau Albu: Daria Monciu, r.)
Ianis (Jon Kiriac, 2.v.r.) erzählt Lucy (Josephin Busch, l.) und Alexander (Aleksandar Radenkovic, 2.v.l.), dass ihn Constanze zu einer Aussage gegen Grimm überreden wollte. (Frau Albu: Daria Monciu, r.)  © ZDF/Oliver Feist
Radek (Hans-Werner Meyer, r.) versucht Charlotte Zöllner (Isabel Schosnik, 2.v.r.) davon zu überzeugen, von der Verhaftung von Ingrid Seiler (Julia Hartmann, 2.v.l.) abzusehen. Sie ist eine wichtige Zeugin und kann seines Erachtens von dem Mord nichts gewusst haben. (Lucy Elbe: Josephin Busch, l.)
Radek (Hans-Werner Meyer, r.) versucht Charlotte Zöllner (Isabel Schosnik, 2.v.r.) davon zu überzeugen, von der Verhaftung von Ingrid Seiler (Julia Hartmann, 2.v.l.) abzusehen. Sie ist eine wichtige Zeugin und kann seines Erachtens von dem Mord nichts gewusst haben. (Lucy Elbe: Josephin Busch, l.)  © ZDF/Delia Woehlert
Ronny (Tobias Schenke, r.) ist sauer auf Frank (Eugen Knecht, l.), der seiner Meinung nach seinen Job als Auslieferer nicht ernst nimmt.
Ronny (Tobias Schenke, r.) ist sauer auf Frank (Eugen Knecht, l.), der seiner Meinung nach seinen Job als Auslieferer nicht ernst nimmt.  © ZDF/Delia Woehlert
Ingrid (Julia Hartmann, l.) und Constanze (Valerie Koch, r.) kämpfen weiter gegen die Anfeindungen ihrer Nachbarn.
Ingrid (Julia Hartmann, l.) und Constanze (Valerie Koch, r.) kämpfen weiter gegen die Anfeindungen ihrer Nachbarn.  © ZDF/Delia Woehlert
Mina (Jasmin Tabatabai, l.) und Lucy (Josephin Buch, r.) sorgen dafür, dass Magda Wagner (Nina Franoszek, M.) nicht hinter die Tatortabsperrung gelangt.
Mina (Jasmin Tabatabai, l.) und Lucy (Josephin Buch, r.) sorgen dafür, dass Magda Wagner (Nina Franoszek, M.) nicht hinter die Tatortabsperrung gelangt.  © ZDF/Delia Woehlert
In Ronnys Metzgerei bekommen Radek (Hans-Werner Meyer, l.), Lucy (Josephin Busch, M.) und Mina (Jasmin Tabatabai, r.) zu ihrem Mittagessen auch noch eine Kostprobe des hier herrschenden Landlebens.
In Ronnys Metzgerei bekommen Radek (Hans-Werner Meyer, l.), Lucy (Josephin Busch, M.) und Mina (Jasmin Tabatabai, r.) zu ihrem Mittagessen auch noch eine Kostprobe des hier herrschenden Landlebens.  © ZDF/Delia Woehlert

Patent fühlen sich die Autoren in die Bedingungen und Befindlichkeiten ein, die rechten Populisten als Nährboden dient. Die führen das Wohl der Gemeinschaft im Munde, betreiben ideologische Spiegelfechterei und haben doch nur die eigenen wirtschaftlichen Interessen im Sinn. Eine moderne und fatale Form der Bauernfängerei, die in diesem Film in eine regelrechte Menschenjagd mündet.

Näher am Publikum

Mit der neunzigminütigen Startepisode „Sommersonnenwende“ geht die Serie „Letzte Spur Berlin“ in ihre achte Staffel. Erkennbar nach dem Vorbild der US-Serie „Without a Trace – Spurlos verschwunden“ modelliert, ankert die Serie doch tief in deutschen Verhältnissen. Die Kriminalfälle werden in der Regel episodisch erzählt, parallel gibt es übergreifende Handlungsbögen, so aktuell den Versuch der Hauptkommissarin Mina Amiri, ihre im Nachklang einer Affäre gefährdete Ehe zu retten.

Krimiserien dieser Art, im ZDF meist am Freitagabend zu finden, werden in Zusammenhang mit allgemeineren Darstellungen rund um das Thema Fernsehserie bisweilen abwertend oder gar mit Häme beschrieben. Es sind aber gerade intervenierende, parabelhafte Erzählungen wie die aktuelle Folge „Sommersonnenwende“, die von der Avantgarde des internationalen Serienschaffens nicht zu erwarten sind. Man kann sich trefflich unterhalten, wenn sich jugendliche Hexen auf Identitätssuche begeben, Kinder in Paralleldimensionen verschwinden oder Roboter ein Bewusstsein entwickeln. Für die gewerblichen Anbieter haben solche Fantasiegebilde den Vorteil, dass sie nicht aktualitätsgebunden sind und langfristig vermarktet werden können.

Mit dem gesellschaftlichen Alltag in Deutschland aber hat all das nichts zu tun und bleibt deshalb vielen fremd. Offenbar schätzt es das Publikum, wenn fiktionale Produktionen Wiedererkennungswerte aufweisen. Die siebte Staffel von „Letzte Spur Berlin“ wurde im Schnitt von knapp fünf Millionen Zuschauern gesehen – ein beachtlicher Wert.

„Letzte Spur Berlin: Sommersonnenwende“, Freitag, 1.3., 21:15 Uhr, ZDF, ZDF-Mediathek

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