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Scherzartikelverkäufer bei Roy Andersson. Labiennale.

Filmfestspiele Venedig

Auf leisen Sohlen das Leben

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Die Filmfestspiele in Venedig überraschen mit zwei Meisterwerken.

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Am Ende muss auch D’Artagnan sein Leben lassen, in Allan Dwans Stummfilmfassung vom „Mann mit der eisernen Maske“, doch Douglas Fairbanks’ Filmfigur kann auch ein tödlicher Degenstoß die Laune nicht verhageln. „Da oben warten noch größere Abenteuer“, ruft er, bereits in den Himmel aufgefahren, den übrigen drei Musketieren zu, die dort schon auf ihn warten. Und statt des obligatorischen „The End“-Titels steht da nun, in gewohnten, schwungvollen Lettern: „The Beginning“.

Einen solchen Filmschluss soll das Festival am Lido erst mal übertreffen, das den Klassiker in einer neu restaurierten Filmkopie (und nicht von digitalem Träger) aus dem Museum of Modern Art präsentierte. Doch wie es aussieht, sieht es mit den Filmanfängen und allem, was danach folgt, auch nicht rosig aus: So einen schwachen Wettbewerb hat man am Lido lange nicht gesehen. Noch immer gilt Joshua Oppenheimers neuer, aufwühlender Dokumentarfilm über die ungesühnten politischen Massenmorde Indonesiens, „The Look of Silence“, als Favorit des Wettbewerbs.

Nun hat aber schon im vergangenen Jahr ein „Non-Fiction-Film“ gewonnen, Gianfranco Rosis nie nach Deutschland exportierter Rom-Film „Sacro Gra“. Wenn man der Welt des Spielfilms abermals eine Absage erteilte, würde das die Festivalwelt in ihren Grundfesten erschüttern. Ist der Zustand des internationalen Spielfilms wirklich derart katastrophal, dass es Innovation nur noch jenseits der klassischen Filmkunst gibt? Oder ist die Serie von Belanglosigkeiten, die der 64-jährige Filmkritiker Alberto Barbera, der seit 2012 das Festival leitet, hier ausschüttet, einfach nicht repräsentativ?

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Ein Quäntchen Wahrheit findet sich in beiden Thesen. Der amerikanische Independentfilm hat sicher Besseres zu bieten als das eindimensionale Sozialdrama „99 Homes“ über ein Opfer der Immobilienkrise, das zum Spekulanten wird. Oder „Manglehorn“, David Gordon Greens heiter-besinnliche Charakterstudie eines schrulligen Schlossers auf Freiersfüßen, die alles auf einen ungebremst agierenden Al Pacino setzt – und verliert: Wessen Herz sich nicht automatisch beim Anblick von Straßen-Pantomimen und den gefürchteten Clown-Auftritten bei amerikanischen Kindergeburtstagen öffnet, der wird hier nicht sehr glücklich.

Soviel ungelenkes Sentiment, von dem auch Mario Martones italienisches Biopic „Il Giovane Favoloso“ über den Dichter und Philologen Giacomo Leopardi nicht ganz freizusprechen war, verlangt nach einem Gegengift. Es kam dann schließlich, und sogar in doppelter Dosis.

Außerhalb des Wettbewerbs präsentierte die Schauspielerin Frances McDormand die für den Kabelsender HBO produzierte Miniserie „Olive Kitteridge“. Seitdem Edgar Reitz hier seine „Heimat“-Filme zeigte, hat sich das Festival immer wieder auch dem Fernsehen geöffnet, vorausgesetzt, Kinoschaffende standen hinter der Kamera. In diesem Fall ist es Regisseurin Lisa Cholodenko („High Art“), die mit ihrem Vierteiler nach der Romanvorlage von Elizabeth Strout in jene luftigen Höhen vorstieß, die dem amerikanischen Kabelfernsehen den Ruf eintrugen, längst das bessere Hollywood zu sein.

Darüber lässt sich zwar streiten, aber wenn es um psychologisch fundierte Charakterstudien geht, wird man schwerlich etwas Besseres finden als ein Familiendrama wie „Olive Kitteridge“. In der Küstenstadt Crosby in Maine hat sich McDormands Titelfigur dem rauen Klima angepasst. Als ehemalige Schullehrerin ist sie es gewohnt, Fehler beim Namen zu nennen – und macht davon reichlich Gebrauch. Selbst bei ihrem beinahe unfehlbaren Ehemann, einem überaus warmherzigen Apotheker, den man sofort für den Preis des besten Nachbarn vorschlagen würde.

Olive aber hält ihre latente Depression für einen Intelligenzbeweis und seine Fröhlichkeit im Gegenzug für Dummheit. Deutlich orientiert am Filmstil von McDormands Ehemann Joel Coen, der die Premiere sichtlich genoss, ist Cholodenko weit mehr gelungen als die Kultserie von morgen: Bitter, aber auf eine anrührende Weise. Man muss lange suchen, um etwas Vergleichbares zu finden. Und McDormand ist ohnehin in ihrer Rolle höchstens mit Bette Davis zu vergleichen.

Kann man der menschlichen Befindlichkeit noch deutlicher auf den Zahn fühlen? Und ob: Der Schwede Roy Andersson hat ihr eine Trilogie gewidmet, die nun zum Abschluss kommt. Seine kunstvolle Farce „A Pigeon Sat on a Branch Reflecting on Existence“ ist wie gewohnt in einzelnen, für sich stehenden Tableaus erzählt. Auf leisen Sohlen kommt dabei nicht nur der Tod, der sein erstes Opfer zu Beginn beim Öffnen einer Weinflasche findet. Auch den Lebendigen ist nicht gerade zu Freudenschreien zumute.

In einem Göteborg, in dem die Zeit in einem unbemerkten Augenblick irgendwann in den siebziger Jahren stehen blieb, verkaufen zwei Männer Scherzartikel: Um Freude unter den Menschen zu verbreiten, wie sie mit Grabesmiene verkünden. Dafür besteht natürlich keinerlei Bedarf, nicht für den „Klassiker“, den Lachsack, und auch nicht für die Draculazähne zum halben Preis. Niemand, außer vielleicht Aki Kaurismäki, besitzt Roy Anderssons Understatement. Er ist der bildenden Kunst näher als dem Erzählkino, doch auch im Kunstbetrieb würde er als Humorist wohl zwischen alle Stühle fallen. Seine visuelle Begabung ist dem großen Karikaturisten Saul Steinberg ebenbürtig, sein Hang zum Anachronismus dem tschechischen Animationsfilmer Jan ?vankmajer. Wer nach einem großen Außenseiter sucht, der einen Goldenen Löwen verdient, ist bei Roy Andersson goldrichtig.

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