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Unter Männern: Meryl Streep als Kay Graham, die eher unfreiwillig zur Chefin der "Washington Post" wird.

Neu im Kino: "Die Verlegerin"

Leidenschaft fürs freie Wort

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Steven Spielbergs leidenschaftlicher Film "Die Verlegerin" erzählt die Geschichte einer Emanzipation und ist eine liebevolle Hommage an den Zeitungsjournalismus.

Im Juni 1971 gab es noch kein Internet, kein Facebook und viel weniger Fernsehkanäle als heute, selbst in den USA. Kurzum: Was den Zeitungen heute das Leben schwer macht, hatte das Licht der Medienwelt noch lange nicht erblickt. Wenn Steven Spielberg im Jahr 2018 einen Film ins Kino bringt, der anhand einer Geschichte aus den frühen 70ern der freien Presse geradezu huldigt, dann hat das dennoch sehr wohl einen aktuellen, einen brisanten Bezug. Damals wie heute war ein amerikanischer Präsident an der Macht, der guten Journalismus fürchtete und verabscheute. Hätte es bereits Twitter gegeben, Nixon hätte wie heute Trump ein ums andere Mal das Wort „Lüge“ gezwitschert.

Im Original heißt „Die Verlegerin“ weitaus lakonischer „The Post“, womit das Traditionsblatt „Washington Post“ gemeint ist, an deren Spitze seit 1963 Katharine Graham stand. Diese Aufgabe übernahm die Tochter aus gutem Hause eher unfreiwillig – Philip L. Graham, den bisherigen Verleger und „Kays“ Ehemann, hatten seine manisch-depressiven Störungen in den Suizid getrieben. Nun sah sich seine Frau Männerrunden gegenüber, die nur zu gut wussten, wie erfolgreicher Journalismus auszusehen hatte, am besten, ohne allzu viel Geld zu kosten. Der deutsche Titel ihrer Autobiografie, für die sie 1998 den Pulitzer-Preis gewann, steht indes programmatisch für jenen Augenblick, in dem sich Kay Graham gegen ihre Berater durchsetzte: „Wir drucken!“

Gedruckt wurden 1971 die sogenannten Pentagon-Papers, ein von Verteidigungsminister Robert McNamara höchstselbst verantwortetes und über mehrere Präsidentschaften geheim gehaltenes Dossier über den Irrsinn des Vietnamkriegs.

McNamara, der in seiner frühen Amtszeit ein überzeugter Befürworter des Vietnameinsatzes war und kühl auf den Erfolg eines Abnutzungskrieges gegen den Vietcong setzte, hatte sich vom Saulus zum Paulus gewandelt. Sein Bericht ist ein einziger Offenbarungseid der amerikanischen Außenpolitik, und indem Spielberg nun die Veröffentlichungsgeschichte dieser Dokumente nachstellt, fügt er „The Post“ ein in eine Reihe weiterer Filme mit journalistischen Heldengeschichten: Aus jüngerer Zeit „Spotlight“ und „Good Night, and Good Luck“; vor allem aber Alan J. Pakulas „Die Unbestechlichen“ über den Watergate-Skandal, auf den Spielberg zum Finale direkt hinweist. Der Konflikt zwischen Presse und Politik ist so alt wie die vierte Gewalt selbst.

Dass dieser allgemeine Konflikt, in dem es um Meinungsfreiheit, Kontrolle und demokratische Werte geht, nicht abstrakt bleibt, verdankt „The Post“ einem zwar naheliegenden, aber dennoch überzeugenden dramaturgischem Kniff: Spielberg erdet seinen Stoff in der Emanzipationsgeschichte Kay Grahams. Sie wird von Meryl Streep verkörpert, die der Verlegerin zunächst alle Insignien der überforderten Seiteneinsteigerin verleiht: Graham spricht leise, und was sie sagt, plappert sie ihren Einflüsterern nach. Zudem plagen sie gehörige Skrupel, weil sie als Spross der Finanzdynastie von Eugene Meyer – der die „Washington Post“ 1933 erworben hatte – beste Kontakte bis in die höchsten Kreise der Politik pflegt. Vor allem Robert McNamara selbst zählt zu ihrem engen Freundeskreis, so dass sie sich bald vor Loyalitätskonflikten sieht. Was Kay Graham als Verlegerin tut oder lässt, findet nicht im luftleeren Raum statt: Das Bild, das Spielberg zeichnet, wird durch solche Beobachtungen im politischen und gesellschaftlichen Raum nur umso dichter und genauer.

Die Leidenschaft fürs freie und manchmal unbequeme Wort überlässt der Film zumindest zu Beginn noch einer ganz anderen Figur, nämlich Grahams langjährigem Chefredakteur Ben Bradley, den Tom Hanks spielt – „icons playing icons“, so formulierte es jüngst die „Washington Post“ in ihrer Berichterstattung über den Film selbst. Mit Hanks, der gern die Hemdsärmel hochkrempelt und die Füße auf anderer Leute Schreibtisch ablegt, ist „The Post“ zwar bei seinen weniger subtilen Seiten angekommen, doch macht ihn das nicht weniger kraftvoll.

Großraumbüros, in denen die Luft unablässig brennt, und markige Typen wie Bradley – so arbeitet sich „The Post“ nach Spielberg-Manier zuverlässig an Komplexitätsreduktion durch großzügigen Gebrauch von Klischees ab. Andererseits: Spielberg schmückt die Genreszenen vom altmodischen Zeitungsjournalismus mit solcher Begeisterung, fast könnte man sogar sagen Liebe aus, dass „The Post“ in diesem Enthusiasmus mitreißt. Hier klappern die Schreibmaschinen konzertant, die Botenjungen geraten nicht allein durch den Laufschritt, sondern auch durch die Bedeutung ihrer Mission außer Atem, und wenn die Druckmaschinen anlaufen, kann einem ganz warm ums Herz werden.

So steht auch dies im Dienst einer zweifachen Befreiung, von der hier erzählt wird: Kay Graham wächst über ihre Ängste hinaus, indem sie die Veröffentlichung der McNamara-Erkenntnisse gegen alles Kopfschütteln anordnet. Und die „Post“ selbst befreit sich aus dem Schatten der bis dahin übermächtigen „New York Times“ und erstarkt für den nächsten Skandal, eben die Watergate-Affäre, die Nixon dann aus dem Amt fegt.

Es ist ein erhebendes und ehrlich wirkendes Pathos, das der Film verströmt, weil er fest daran glaubt, dass die Wahrheit ans Licht muss. Eine solche Botschaft in diesen Zeiten zu vernehmen, da so viel von Fake News und Lügenpresse die Rede ist, tut einfach gut.

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