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Wim Wenders und seine Frau auf dem roten Teppich in Cannes.

The Salt of the Earth

Von Leiden und Schönheit

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Cannes bejubelt Wim Wenders.

Wim Wenders begegnete den Schwarzweiß-Bildern Sebastião Salgados dort, wo man soziale Fotografen sonst eher selten findet – in der Kunstgalerie, versehen mit inzwischen stolzen Preisschildern. Was er damals kaufte, ziert noch heute sein Büro. Aber es verbinden ja auch nicht viele Fotografen Aufklärung und Ästhetisierung so kunstvoll wie der Brasilianer. Im glasklaren Breitbild des digitalen HD-Formats füllen seine inzwischen ikonischen Panoramen brasilianischer Goldsucher, brennender Ölfelder und inzwischen auch antarktischer Pinguine nun die Kinoleinwand – und erscheinen dabei fast noch überwältigender als im Orginal. In Cannes wurde am Montag die Weltpremiere seines mit Fotografensohn Juliano Ribeiro Salgado gedrehten Porträtfilms vom Publikum gefeiert – was den einstigen Palmen-Gewinner (für „Paris Texas“) vielleicht ein wenig damit versöhnt, dass es sein eigener neuer Spielfilm nicht zum Festival geschafft hat.

„The Salt of the Earth“ haben beide ihren Dokumentarfilm genannt. Der Titel weckt Assoziationen an den gleichnamigen politischen Filmklassiker von Herbert J Biberman, der 1954 von der Kommunistenhatz verfolgten Regisseuren ein Forum gab. Das „Salz der Erde“ seien die Menschen, so Salgado. Unermüdlich reiste er in seiner langen Karriere an Orte kaum vorstellbaren Leidens, fotografierte die Orte der Massaker der Hutu an den Tutsi in Ruanda, später die wechselnden Flüchtlingsströme. Irgendwann, so sagt er in imponierender Offenheit, erkrankte dann seine Seele. Heute arbeitet Salgado vorrangig als Naturfotograf und rekultivierte erfolgreich einen abgeholzten Urwald aus dem ehemaligen Familienbesitz.

Erinnerung an ignorierte Greueltaten

Bedächtig und druckreif kommentiert er seine Fotoreisen, meist aus dem Off, manchmal aber auch vor einer vom eigenen Werk sichtlich inspirierten Schwarzweißkamera. Doch so verdienstvoll es ist, an all die von der Weltöffentlichkeit ignorierten oder vergessenen Greueltaten zu erinnern, den seinen Bildern immanenten, künstlerisch-ethischen Konflikt streift Wenders nicht: Warum erreicht menschliches Leid das Auge eher, wenn die Abzüge mit ihren überhöhten Weißwerten an Goya-Radierungen erinnern? Kann man menschliches Leid nur im Gewand der Schönheit ertragen? Das wäre ein ebenso interessantes Thema gewesen, zumal darin auch das Dilemma des politischen Spielfilms verborgen liegt.

Wer den französischen Filmemacher Michel Hazanavicius erst durch seinen Oscar-Erfolg „The Artist“ kennenlernte, staunte nicht schlecht, ihm im Wettbewerb nun mit einem realistischen Drama über den Tschetschenienkrieg wieder zu begegnen. Dabei widmete er sich etwa 2004 als Drehbuchautor des Dokumentarfilms „Tuez-les tous!“ ebenfalls dem Völkermord in Ruanda. „The Search“ ist der erste große westliche Spielfilm über den zweiten Tschetschenienkrieg, der 1999 begann – und gerade heute blickt man mit Scham zurück auf die Zeit, als die Weltgemeinschaft Boris Jelzin und seinen Ministerpräsidenten Putin gewähren ließ.

Ein unangenehmer Schatten

Eindeutiger kann man Russland dafür nicht anklagen, als es Hazanavicius schon in der Anfangsszene tut, als ein Kind aus dem Fenster zusehen muss, wie seine Eltern von russischen Soldaten sadistisch hingerichtet werden, johlend über die anstehende Vergewaltigung der Schwester. Frei nach dem Vorbild des gleichnamigen Fred-Zinnemann-Films von 1948 (deutsch: „Die Gezeichneten“) mit Montgomery Clift als Retter eines Flüchtlingsjungen, erzählt der Filmemacher von der Flucht des traumatisierten Jungen, der in die Obhut einer UN-Angestellten kommt, gespielt von Bérénice Bejo. Dass ihre Figur dabei nicht einprägsamer wird als Annette Benings ruppige Rotkreuzfrau mit dem Herz auf dem rechten Fleck, beschädigt den Film.

Ein unangenehmer Schatten von „The Artist“ liegt zudem auf dem konfektionierten Happy-End; und auch der berechtigte Hinweis auf anhaltendes Morden rettet das Drama nicht aus seiner Anbiederung an Eventmovie-Konventionen. Das Buhkonzert nach der Pressevorführung dürfte nicht politisch motiviert gewesen sein.

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