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Bunte Wände, erlesene Designermöbel: Antonio Banderas in Pedro Almodóvars tatsächlicher Wohnung.

„Leid und Herrlichkeit“

Altern ist nichts für Feiglinge: Pedro Almodóvars „Leid und Herrlichkeit“ im Kino

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Pedro Almodóvar findet in „Leid und Herrlichkeit“  in tragikomischer Selbstbetrachtung zur Meisterschaft zurück.

Alfred Hitchcock sagte einmal, in seinem Inneren stecke ein Mann, der aussehe wie Cary Grant, einer seiner Lieblingsschauspieler. Leider habe es ihn selbst wohl in den falschen Körper verschlagen. Ob Pedro Almodóvar, dem großen spanischen Autorenfilmer, bei der Besetzung seines fiktionalisierten Selbstporträts etwas ähnliches durch den Kopf ging? In „Leid und Herrlichkeit“ lässt er sein Alter Ego vom elf Jahre jüngeren und noch immer sehr attraktiven Antonio Banderas spielen. Das heißt nicht, dass es sein Film nicht doch an Bitterkeit mit Hitchcocks Aussage aufnehmen könnte.

Wenn man dieser Einladung ins Innerste einer fortgeschrittenen Midlife-Crisis etwas nicht vorwerfen kann, dann ist es Eitelkeit. Eine andere Hollywoodlegende, Bette Davis, hat die gültige Aussage dazu getroffen, als sie ihr vielzitiertes Bonmot formulierte: „Altwerden ist nichts für Feiglinge.“ Und ist nicht jeder Almodóvar-Film, auch die traurigsten, immer etwas schöner anzusehen als es die Umstände der Handlung vielleicht nahelegen?

Das gilt besonders für die Ausstattung des zentralen Spielortes, der Wohnung des Regisseurs. Schmerzen und eine tiefe Depression hindern ihn daran, seinen Beruf auszuüben, über den er seine ganze Existenz definiert. Seine alltägliche Umgebung aber scheint alles daran zu setzen, ihn aufzuheitern: Bunte Wände, erlesene Designermöbel, Klassiker aus den letzten Jahrzehnten. Es ist Almodóvars tatsächliche Wohnung.

Antonio Banderas spielt Almodóvar als alternden Regiestar

Wenn die Postmoderne etwas Gutes hinterlassen hat, dann ist es das verspielte spanische Design, und Almodóvar war mit seinen Filmen der 80er Jahre ihr bester Advokat. Zwei seiner früheren Werke über Regisseure, „Das Gesetz der Begierde“ und „La mala educación – Schlechte Erziehung“, fügen sich nun zur Trilogie, ganz unbeabsichtigt, wie Almodóvar zur Premiere in Cannes erklärte. Im ersten der beiden spielte bereits Banderas die Hauptrolle. Wenn er diesmal unverkennbar in die Schuhe seines Mentors geschlüpft ist, ist das wörtlich zu verstehen: Sie stammen, wie der Großteil der Garderobe, wirklich aus Almodóvars Kleiderschrank.

In der ersten von mehreren elegant miteinander verbundenen Episoden, die Jahrzehnte überbrücken, bereitet sich Filmemacher Salvador Mallo (alle Buchstaben von Almodóvar stecken in diesem Namen) eher lustlos auf eine Ehrung vor. Die Cinemathek in Madrid hat eines seiner Werke restauriert, nun hat man ihn zur Wiederaufführung eingeladen.

Schon das poppige Plakat zu diesem erfundenen Klassiker namens „Sabor“ („Geschmack“) ist eine herrliche Selbstparodie. Doch als er auf die Idee kommt, dazu den damaligen Hauptdarsteller (Asier Etxeandia) aufzuspüren, entspinnt sich eine andere Geschichte: Damals hatte Mallo sich mit ihm wegen dessen Drogenkonsum überworfen, nun interessiert er sich plötzlich selbst für Heroin. Ob ihm das weiße Pulver seine Kreativität zurückbringt und die Schmerzen lindert? Und auch der gefallene Star hat von der Begegnung etwas zu gewinnen – Mallo schreibt ihm, anonym, einen bewegenden Theatertext über seine Drogenexperimente.

Bei allen autobiographischen Bezügen war es Almodóvar in Cannes verständlicherweise ein Anliegen, klarzustellen, dass die Drogenepisode eine Erfindung ist. Als solche aber bringt sie viel vom subversiven, tragikomischen Charakter seiner klassischen Filme zurück.

Leid und Herrlichkeit. Spanien 2019. Regie: Pedro Almodóvar. 114 Min.

Wenn sich ein Mann um die sechzig erstmals in die Drogenszene stürzt, ist das erst einmal ein Ausgangspunkt für eine schwarze Komödie (es gab schon immer gewisse Berührungspunkte zwischen dem Humor des Spaniers und dem von Woody Allen). Dabei erweist sich die Vorstellung, ausgerechnet mit einer verbotenen Substanz, die einmal den zweifelhaften Ruhm der Künstlerdroge genoss, zurück in die Arbeitsfähigkeit zu finden, selbstredend als trügerisch. Doch anstatt tragisch in die Sucht zu führen, hat sie eine indirekte, psychologische Heilkraft: Indem Mallo mit dem Drogenexperiment sein Lebenskonzept grundsätzlich in Frage stellt, verliert er auch die einseitige Fixierung auf die Arbeit. Stattdessen beginnt er die abgerissenen Handlungsstränge seines Lebensfilms aufzuarbeiten. Und bekommt schließlich sogar wieder ein Thema für die Arbeit.

Kindheitserinnerungen führen zurück zum Ursprung der kreativen Berufung. Penelope Cruz spielt in schwelgerischen Rückblenden die idealisierte Mutterrolle – auch wenn man der Nostalgie nicht immer folgen mag, etwa wenn sie mit anderen Müttern singend im Fluss die Wäsche säubert. Willkommen in Francos Spanien. Erst der Kontrast zur bitteren Selbstbetrachtung in anderen Episoden gibt dieser romantischen Stilisierung ihren Platz.

Pedro Almodóvar ist seit vielen Jahren kein vergleichbarer Film mehr gelungen

Die schönste dieser Episoden führt wieder in die Gegenwart – zu einem Wiedersehen mit der großen, verlorenen Liebe namens Federico (Leonardo Sbaraglia). Selten ist eine erotische Initiationsgeschichte in einer so feinen Beiläufigkeit erzählt worden.

Es dauert ein wenig, bis man in dieser Komposition aus Gegensätzlichem die ganze Harmonie der Kräfte ausgemacht hat. Doch dann beginnt dieser episodische Film umso tiefer zu klingen.

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Selbst ein eingeschobener Animationsfilm über die vielen Gebrechen des Regisseurs von unerträglichen Rückenschmerzen über Migräne bis zum Tinnitus (hier spricht Almodóvar unverkennbar von sich selbst) besitzt genug Selbstironie und einen Überschuss an visueller Schönheit – also alles, was den Regisseur von „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ einst berühmt machte.

Zu diesem Überschuss an Schönheit gehört natürlich auch das Wiedersehen mit Penelope Cruz in der Mutterrolle. Doch der eigentliche Rhythmus des Films liegt nicht in der vollendeten Montage der Elemente oder der grandiosen Filmmusik seines Hauskomponisten Alberto Iglesias. Es ist Antonio Banderas’ Sensibilität im Spiel, seine Einfühlsamkeit in menschliche Schwächen und seine Würdigung aller Wunder der Kreativität, die er in Jahrzehnten der Zusammenarbeit mit Almodóvar beobachtet haben muss. Tatsächlich ist diesem seit vielen Jahren kein vergleichbarer Film mehr gelungen. Und dass dieses Kunststück aus einer Lebenskrise entstand, gibt ihm seine eigentliche autobiographische Wahrheit.

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