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Die Mordkommission Franken findet erste Spuren.

"Tatort", ARD

Lebende und Tote in Unordnung

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„Das Recht, sich zu sorgen“ ist der unorthodoxe zweite Franken-Tatort des Bayerischen Rundfunks. Geboten werden gleich drei Fälle.

Hinter dem etwas sperrigen Titel „Das Recht, sich zu sorgen“ – etwas sperrige Titel sollen hochleben – tut sich ein ungewöhnlicher Tatort auf. Es ist der zweite, den der BR als Franken-Tatort bekannt machen möchte, und obwohl Dagmar Manzel Berlinerin und Fabian Hinrichs Hamburger ist, könnte das wohl gelingen. Seine Eigenwilligkeit zieht „Das Recht, sich zu sorgen“ aus dem Gegenteil von Spektakel und aus einem unorthodoxen Umgang mit TV-Krimi-Regeln.

Geboten werden gleich drei Fälle, aber sie klären sich anders, als man es zunächst erwarten dürfte. Geboten werden Polizisten, denen Drehbuchautorin Beate Langmaack neben ein paar routinierten Witzchen auch zum Teil wirklich aparte Zeilen geschrieben hat (darunter den Titel). Aber so wenig drängen sich Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) und Felix Voss (Fabian Hinrichs) in den Vordergrund (eigentlich gar nicht), dass man einmal in Ruhe von selbst neugierig auf sie werden darf. Nicht dass diese Neugier in dieser Folge befriedigt würde. Gut so. 

Hauptkommissar Voss ist ja merkwürdig besonnen, rücksichtsvoll und fremd auf dieser Welt, und Hinrichs natürlich ideal dafür: Diese winzige Nuance ins Zwanghafte oder Angeschrägte, wenn er es toll findet, so eine Ganzkörperspende. Manzel ist dezent bis zum Verschwinden und kommt damit zur Geltung. Hauptkommissarin Ringelhahn nutzt die Gelegenheit, einmal im Leben ein Herz in die Hand zu nehmen und festzustellen, dass es ganz schön schwer ist. 300 Gramm, ein männliches Herz, erfährt man, Ringelhahns, sagt der Präparator, wäre leichter. Wirklich leicht sind aber nur die Herzen der Frischverliebten, Kommissarin Goldwasser, gespielt von Eli Wasserscheid, die herrlich unschicksalshaft mit einem Doktoranden bandeln und schwimmen gehen darf.

Drei Fälle: Erstens verschläft eine Gastwirtstochter und ist sauer, weil die Mutter sie nicht geweckt hat. Die Mutter ist tot. Achten Sie auf Fabian Hinrichs im reizvollen Dialog über die Schuldgefühle der Tochter. Es ist nicht schön in der Gastwirtschaft. Das wird bloß angetupft und von Regisseur Andreas Senn auch so lose und disparat (und dunkel) in Szene gesetzt, wie das Drehbuch es offenbar will. Letzte Erklärungen muss man sich ohnehin woanders im Leben suchen.

Zweitens campiert vor der Polizei eine Frau, um zu erreichen, dass nach ihrem verschwundenen Sohn gesucht wird.

Drittens ist im Anatomischen Institut ein Schädel aufgetaucht, der nicht zu den übrigen Knochen passt, was zu der bemerkenswerten, aber eben auch nicht korrekten Behauptung Anlass gibt: „Meine Skelette sind alle in Ordnung.“ Die Institutschefin – verschwenderisch schön gespielt von Sibylle Canonica, denn auch Nebenrollen werden pfleglich behandelt – bittet den Polizeichef (Stefan Merki) um unauffällige Hilfe. Der gibt eine lappenartige Pizza aus („Führungsmethodenwechsel“) und schickt seine Leute auf die Spur. 

Auf diese Weise lernen die Ermittler unter anderem ein kleines Mädchen kennen, das nach der Schule anscheinend regelmäßig genug mit Knochen puzzelt, um sich mit deren Namen trefflich auszukennen. Nachher wird man das kleine Mädchen in einer so abgrundtief traurigen Situation erleben, dass einem möglicherweise der Atem stockt. Autorin Langmaack interessiert sich für die stillen Tapferen, die versuchen, in einer schwierigen Lage das Vernünftige zu tun.

„Trauern ist besser als warten“, heißt es zum Schluss und könnte auf alle drei Fälle zutreffen. Er würde es immer vorziehen zu warten, schiebt Voss noch hinterher. Auch muss hinterhergeschoben werden, um Missverständnissen vorzubeugen, dass die rein kriminalistische Lösung kein Hammer ist. Und dass „Das Recht, sich zu sorgen“ sich ohnehin das Recht herausnimmt, manchmal auch richtig dröge zu sein. Und dass sogar das eine erfrischende Abwechslung ist.

Aber was war eigentlich am Anfang zu sehen? Flüssigkeit, etwas Felliges, ein Fuß? Unerfahrenen dämmert die Antwort erst im Rückblick.

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