+
Der Ort der Arbeit ist integriert in den Ort des Lebens, das er mit anderen teilt: Peter Handke in seinem Haus.

„Bin im Wald“

Leben mit Poesie

  • schließen

Das großartige dokumentarische Peter-Handke-Porträt „Bin im Wald – Kann sein, dass ich mich verspäte“ von Corinna Belz macht Sprache sichtbar.

Es gibt ein schönes Wort für die unliebsame Anwesenheit von Handwerkern im Haus, der Schweizer Schriftsteller Hermann Burger hat damit bekannt gemacht: Sie sind „auf der Stör“, das Stören ist gewissermaßen ihre eigentliche Beschäftigung, jedenfalls für den, der ihre Anwesenheit im Namen eines höheren Zweckes erträgt. Auch Dokumentarfilmer sind häufig „auf der Stör“. Dann fallen sie ein in Privathäuser und nehmen auf, was ihnen für ihre Werkschöpfung wertvoll erscheint.

Regisseurin Corinna Belz hat sich mit ihrem meisterhaften Porträtfilm „Gerhard Richter: Painting“ als Künstlerin im Dokumentarischen ausgewiesen. Wer diese auf der Basis akribischer Vorbereitung arbeitende Regisseurin kennenlernt, mag sich an eine Eigenschaft vieler großer Fotografen erinnert fühlen: Man spürt da dasselbe produktive Paradoxon – eine Art insistierender Zurückhaltung, mit der auch ein Henri Cartier-Bresson an seine Beute aus der Wirklichkeit gekommen ist.

Wer es wie Peter Handke 29 Drehtage in einem Zeitraum von vier Jahren mit Corinna Belz aushält, kann sie kaum als Störenfried empfinden. Die Spuren, die von ihren Fragen in den fertigen Film geraten sind, erinnern manchmal an Alexander Kluges kundige Kindlichkeit. Wer sich so für die Arbeit ihrer Künstlerkollegen – so darf man das inzwischen nennen – interessiert, verdient auch eine Antwort.

Der Richter-Film führte den ganzen Fokus bereits im Titel: Es ging nicht nur um einen Maler, es ging um Malerei an sich. Das gilt auch für Belz’ Film über den Sprachkünstler Peter Handke und sein Medium, auch wenn es nicht so deutlich darauf steht. Vielleicht hätte „Peter Handke: Schreiben“ banal geklungen, aber der Formulierungsprozess sowie das Wiederlesen eigener Texte sind das Rückgrat des Films. Entgegen einer verbreiteten Konvention für Autorenporträts scheut sich Belz nicht vor dem Eigenwert der Sprache auf der Leinwand und erliegt nicht der Versuchung bloßer Illustration. Doch der Raum, in dem Literatur entsteht, ist nun einmal größer als ein Schreibtisch. Anders als im vorangegangenen Film erfährt die künstlerische Welterfahrung größeres Gewicht, was schon mit dem wichtigsten Spielort beginnt: Die Werkstatt des Schriftstellers ist kein klinischer Atelierraum mit weißen Wänden, sondern das Haus in Chaville bei Paris, das schon Handkes Film „Die Abwesenheit“ als Drehort diente. Der Ort der Arbeit ist integriert in den Ort des Lebens, das er mit anderen teilt. Selbst wenn man also gar keine „Home Story“ sehen möchte, sondern lieber einen Werkstattbesuch, gibt es hier das eine nicht ohne das andere. Subtil macht sich Belz das Familiäre zu Diensten für ein multiperspektivisches Porträt eines künstlerischen Lebens, wie man es vermutlich so noch nie über einen Schriftsteller gesehen hat.

Bald werden die „Nebenfiguren“ zu entscheidenden Protagonisten, und es imponiert, wie es Belz gelungen ist, neben dem Vertrauen ihrer Hauptfigur auch das seiner Ehefrau Sophie Semin und Tochter Leocadie zu finden. Den Hauptstrang der Erzählung aber verliert sie dabei nicht aus den Augen – jenen Prozess, bei dem etwas Gelebtes, Gesehenes oder Empfundenes den Weg in Sprache findet.

Es gibt wohl nur wenige Schriftsteller, deren Stilistik man in ihrer Alltagssprache wiedererkennt. Doch wo trennen sich Beschreibung und Erfindung, erst auf dem Papier oder bereits in einem Dialog über die sichtbare Welt? Wo beginnt die Freiheit des Künstlers in der Benennung des Tatsächlichen? Wo die Inszenierung der eigenen Lebensbilder? In seiner „Kindergeschichte“ beschreibt Handke eine Ohrfeige, die er seiner Tochter gab, die er als „ganz schlimm“ in Erinnerung behielt. Als diese im Gespräch einwirft, anderes sei schlimmer gewesen, etwa als die Mutter weggegangen sei, übernimmt er die Deutungshoheit: „Das glaube ich kein Wort.“ Und wirft den für die literarische Arbeit beziehungsreichen Satz nach: „Nun wollen wir mal keine Fiktion draus machen, aber so war’s.“

In unveröffentlichten Polaroids aus seinem Vorlass, den Handke in den letzten Jahren an öffentliche Sammlungen in Wien und Marburg verkaufte, sucht der Zuschauer nach Vor-Bildern für das Geschriebene. Die weiche Natur der Sofortbild-Ästhetik verwandelt das Momenthafte ja schon ein gutes Stück ins Malerische. Selbst wenn ein Schriftsteller sie sich zum Vorbild nähme – für die Schärfe der Beschreibung müsste er schon selber sorgen.

Man kann bedauern, dass das bekannteste Beispiel für Handkes Abkehr von einer objektivierbaren Geschichtsschreibung nicht im Film vorkommt. 2006 bestritt er in einem Interview der kroatischen Wochenzeitung „Globus“ sogar Slobodan Milosevic’ Kenntnis vom Massaker in Srebenica. Auch die Altstadt von Dubrovnik sei nicht von Serben angegriffen worden. Belz streift nur kurz die Reaktion auf Handkes Text zum Thema, „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“ von 1996, kommentiert von Handkes Ehefrau. Dabei wäre dieser Konflikt einem Film, der in weiten Teilen vom Verhältnis zwischen Sprache und Realität erzählt, doch ein wichtiges Thema. Oder hätte ein Wort wie Massenmörder die feierliche Landhausruhe gestört?

Ganz bei sich ist Corinna Belz’ Film, wenn er ins Territorium der bildenden Kunst vorstößt: Wenn Handke in seine Notizen Schraffuren zeichnet, die den Wind darstellen. Oder er das Pilzeschneiden sinnlich zelebriert wie Joseph Beuys einst in einem Filmdokument das Kartoffelschälen. Das Einfädeln eines Fadens, eine der schönsten Szenen, wird zu einem spannenden Experimentalfilm in der Tradition des Kaliforniers Robert Nelson, der ein Meisterwerk über das Entheddern einer Schnur geschaffen hat. Es gibt eine Menge zu bewundern an diesem Film, dem man gerne länger zusehen würde als 89 Minuten.

Peter Handke. Bin im Wald – Kann sein, dass ich mich verspäte. D 2016. Regie: Corinna Belz. 89 Min.

Der Trailer auf YouTube

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion