Der schwerkranke Henrik (Klaus J. Behrendt) will mit Birthe (Ann-Kathrin Kramer) unbedingt auf einen entlegenen Gletscher steigen.
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Der schwerkranke Henrik (Klaus J. Behrendt) will mit Birthe (Ann-Kathrin Kramer) unbedingt auf einen entlegenen Gletscher steigen.

„Das Alter der Erde“, ARD

Das Leben, die Liebe und der Tod

Der Film „Das Alter der Erde“ in der ARD ist ein ausgezeichnet gespieltes anspruchsvolles Ehedrama mit Ann-Kathrin Kramer als Mittvierzigerin, die nach dem Auszug ihrer Tochter schockiert vor einem leeren Nest steht.

Von Tilmann P. Gangloff

Als der ARD-Freitagsfilm noch eine andere Ausrichtung hatte, steuerte die NDR-Tochter Studio Hamburg zweimal pro Jahr die ab 2010 produzierte Reihe „Liebe am Fjord“ bei. Anfangs waren die Geschichten aus Norwegen eine Art Antwort auf die ZDF-Marke „Inga Lindström“. Zuletzt sind sie – unter Verzicht auf den früheren Reihentitel - immer anspruchsvoller geworden. Das gilt auch für diesen Film mit dem poetischen Titel „Das Alter der Erde“, weshalb die ARD das Drama offenbar lieber nicht auf dem tendenziell wieder stärker der Unterhaltung zugeneigten Freitagstermin zeigen wollte.

Silke Zertz erzählt in ihrem Drehbuch (Idee: Martin Rauhaus) vom typischen Schicksal einer Frau, die ihr Dasein in den letzten zwanzig Jahren der Familie gewidmet hat und nun ohne Perspektive da steht, als die Tochter auszieht. Soziologen haben für das verbreitete Phänomen die treffende Bezeichnung „Empty Nest“-Syndrom gefunden: Die Mutter fühlt sich genauso leer wie ihr Nest. Streng genommen ist Hauptfigur Birthe mit Mitte vierzig fast noch zu jung für das Syndrom, weil die beginnende Menopause für den Mutter-Blues der betroffenen Frauen ebenfalls eine große Rolle spielt, aber in diesem Fall muss das so sein: Weil sie darüber nachdenkt, das Nest einfach mit einem neuen Kind zu füllen. Völlig zu Recht weist ihr Mann Nils (Felix Vörtler) darauf hin, dass sie nun zwar keine Familie mehr, aber immer noch ein Paar seien. Aus seiner Sicht ist die Familienplanung abgeschlossen; er hat keine Lust, mit 65 noch Vater eines Teenagers zu sein. Birthe jedoch hat Angst, der Rest ihres Lebens könne ein endloser Sonntagnachmittag werden.

Ann-Kathrin Kramer ist eine gute Besetzung für diese Rolle, sie verkörpert die düsteren Gedanken dieser Frau mit großer Glaubwürdigkeit. Für Felix Vörtler gilt das nicht minder. An Nils’ Liebe zu Birthe besteht kein Zweifel, aber er ist anfangs zunehmend genervt von der Hingabe, mit der seine Frau immer noch die gemeinsame Tochter (Sinje Irslinger) bemuttert, obwohl Tilde längst erwachsen ist. Also schubst er die Tochter kurzerhand aus dem Nest, und nun stürzt nicht etwa Tilde, sondern Birthe in ein bodenloses Loch. Als sie im Wartezimmer ihrer Gynäkologin zwischen lauter Schwangeren sitzt und feststellt, dass eine der Frauen sogar älter ist als sie, kommt ihr die Idee mit dem zweiten Kind.

Zertz, für ihr Drehbuch zu „Wir sind das Volk – Liebe kennt keine Grenzen“ 2009 mit dem Deutschen und dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet, erzählt die Geschichte konsequent als Drama. Von außen betrachtet passiert im Grunde nicht viel; innerlich spielt sich dafür umso mehr ab. Natürlich müsste sich die Handlung nicht unbedingt in der mittelnorwegischen Provinz Møre og Romsdal zutragen, aber die majestätischen Bergzüge sind mehr als bloß ein pittoresker Hintergrund, denn es kommt eine weitere Figur ins Spiel: Henrik Jacobsen (Klaus J. Behrendt) ist Geologe, hat nicht mehr lange zu leben und möchte ein letztes Mal jenen Gipfel erklimmen, auf dem er einst Erkenntnisse gewonnen hat, die die Basis seiner wissenschaftlichen Laufbahn bildeten. Seiner Mitwirkung verdankt der Film auch den Titel, denn als Geologe denkt Henrik in ganz anderen Dimensionen als andere Menschen.

Nils und Birthe besitzen ein Geschäft für Outdoor-Ausrüstung, Nils veranstaltet zudem Bergführungen. Als er sich den Fuß verletzt, übernimmt Birthe die Wanderung mit Henrik. In einer Gewitternacht kommen sich die beiden näher. Zur gleichen Zeit will Nils schauen, wie sich seine Tochter in ihrem neuen Job hinter einer Hotelbar macht, plaudert ein wenig mit einer attraktiven Urlauberin (Susann Uplegger) und landet in ihrem Bett. Dass es sich bei der Dame ausgerechnet um die Frau von Henrik handelt, ist für den weiteren Verlauf der Handlung nicht wichtig. Viel entscheidender ist die Tatsache, dass Birthes Begegnung mit Henrik in einer Weise Folgen hat, die aus Nils’ Perspektive das Ende der Ehe bedeuten. Umso wohltuender ist Zertz’ Verzicht auf eine Bewertung: Sie verurteilt Nils nicht für seinen Wunsch, alles beim Alten zu lassen, gibt Birthe aber auch nicht die Schuld am Zerbrechen der Ehe.

Inszeniert wurde „Das Alter der Erde“ vom Fjord-erfahrenen Jörg Grünler, der auch schon Zertz’ Norwegen-Drama „Unter dem Eis“ (2015) realisiert hat. Die Aufnahmen der imposanten Bergwelt sind gut in die Handlung integriert, die Musik ist angemessen groß. Trotzdem ist fraglich, ob der Film an einem Samstag funktioniert; eigentlich ist „Das Alter der Erde“ ein typischer Mittwochsfilm.

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