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Stellt in einem Gedicht Fragen an die Schöpfung: Cate Blanchett in Malicks „The Voyage of Time: Life’s Journey“.

Filmfestival Venedig

Das Leben ist keine Geschichte

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Andrew Dominik legt frei, wie sehr die Trauer die Arbeit von Nick Cave beeinflusst hat. Und der Film von Terrence Malick? Der wirkt wie eine Erinnerung an die Gründerzeit von Disneyland.

Manche Kritiker, die Terrence Malicks Cannes-Gewinner „Tree of Life“ sonst mochten, hatten doch Probleme mit dem Auftritt digital animierter Saurier. Man mag den Echsen keinen Vorwurf daraus machen, aber vielen scheinen sie im seriösen Kino deplatziert. Schon Walt Disney musste sich ähnliche Kritik anhören, als er 1940 in „Fantasia“ zu Strawinsky-Klängen die Urzeit auferstehen ließ.

Terrence Malicks „The Voyage of Time: Life’s Journey“ wirkt über weite Strecken wie eine Verlängerung seiner kurzen Szene in abendfüllende Dimensionen. Anders als Disney reicht ihm freilich ein klassisches Musikstück zu seiner Vision der Erdgeschichte längst nicht aus: Beethovens zweite Sinfonie, reichlich Bachchoräle, etwas Keith Jarrett und noch mehr Arvo Pärt fließen so bruchlos ineinander wie Animationen und endlose Unterwasserbilder, schwelgerisch montiert wie die Korallen-Riffe im letzten Video von Leni Riefenstahl.

Produziert von der Naturzeitschrift „National Geographic“, die sich längst zu einem führenden Multimediakonzern für populäre Naturkunde entwickelt hat, erzählt Malick die Geschichte des Lebens auf der Erde vom Urknall über die ersten Einzeller bis zu den Urmenschen und darüber hinaus: Immer wieder unterbrechen schlecht aufgelöste Videobilder aus modernen Metropolen die High-Tech-Ästhetik. Einziger Kommentar ist ein Gedicht, das Fragen an die Schöpfung stellt und jede Strophe an die Adressatin „Mutter“ richtet. Legte Cate Blanchett bei ihrem Vortrag nur etwas mehr Pathos in die Stimme, könnte man sich an die emphatische Dichtung der amerikanischen Moderne erinnert fühlen, aber Malick ist leider kein Carl Sandburg.

Es gibt noch eine zweite, nur 35-Minuten-lange Fassung dieses 90-Minüters für die Imax-Kinos mit Brad Pitt als Sprecher, und vermutlich ist es die bessere: Etliche der fraglos imposanten Landschaftsbilder sind im hochauflösenden Format gedreht und verlieren offensichtlich in der Reduktion auf die übliche digitale Kinonorm. Doch es liegt nicht allein am Label „National Geographic“, dass man den offensichtlichen Kunstanspruch wie einen Fremdkörper erlebt.

Malick ist jetzt wirklich ein Erbe Disneys geworden, aber es ist nicht Disney, der Künstler hinter „Fantasia“, sondern der spätere Produzent didaktischer Naturfilme: Malicks Film ist ein Augenschmaus, aber ebenso wie das Magazin mit dem gelben Rand wirkt sein weltumarmendes Pathos, seine Liebeserklärung an alle Dinge, alles Leben groß und klein wie eine Erinnerung an die Gründerzeit von Disneyland.

Innovativste Filme in den Nebensektionen

Wie Malicks Film ist sich auch Venedigs „Mostra Internazionale d’Arte Cinematografica“ nicht mehr sicher, von welcher Kunst sie eigentlich reden möchte. Die innovativsten Filme wurden in Nebensektionen ausgelagert, wo der künstlerische Dokumentarfilm wahre Triumphe feierte, während im Wettbewerb am Tag vor dem Finale mit Meisterwerken kaum noch zu rechnen ist.

Das italienische Kino zum Beispiel kann einfach nicht so schlecht sein, wie es sich bei diesem Festival darstellt. Ebenso wie in Deutschland, wo die Filmakademie und manche Förderer Gewagtes mit Misstrauen beäugen und dagegen hübsch fotografierte Unterhaltung auf Podeste stellen, verliert man auch hier den Kontakt zum anspruchsvollen Publikum.

Nicht genug, dass man weibliche Filmschaffende ignoriert, mit Giuseppe Picciones Coming-of-Age-Film „Questi Giorni“ über einen Campingtrip vier junger Frauen setzte man dem Machismo auch noch gleich ein Denkmal. Mit Ausnahme einer schlecht gelaunten Männerfeindin mit Punk-Frisur sind alle Protagonistinnen durch ihr Verhältnis zu meist wohlmeinenden Männern definiert: dem stolzen Vater, dem Uniprofessor, dessen Komplimente man genießt, oder dem schnell verliebten Touristen, den man, ach wie emanzipiert, mal so an der Autobahnraststätte aussetzt. So sehr dieses nichtsnutzige Comedydrama um Zustimmung buhlte, so eisig war seine Aufnahme beim Gros der einheimischen Kritik.

So sind die Dokumentarfilme in den Nebenreihen, um Malicks Wort zu stehlen, die eigentlichen Reisen in der Zeit. Nach dem wunderbaren „David Lynch: The Art Life“ erweiterte Andrew Dominiks Nick-Cave-Film „One More Time with Feeling“ behutsam das Genre des Porträtfilms um eine zusätzliche Facette.

Aufgenommen in schwarzweißem 3D (unterbrochen von kurzen, surrealen Farbsequenzen) erlebt man den Musiker bei der Arbeit an einem neuen Album. Doch während er am Klavier die Rohversion eines beeindruckenden Songs einspielt, überlagert ein selbstkritisches Voice Over die Aufnahme: „Was mache ich hier, wie setzte ich die Akkorde planlos hintereinander.“ Eine zweite Ebene forscht vorsichtig nach den Hintergründen einer Krise, die wir Caves Performances nicht anhören, die er jedoch selbst ein Trauma nennt: Im vergangenen Jahr verlor der Musiker seinen 15-jährigen Sohn Arthur durch einen tragischen Unfall, dessen Umstände im Film freilich keine Rolle spielen.

Behutsam jedoch legt Dominik frei, wie sehr Trauer und Verlust Caves künstlerische Arbeit beeinflusst haben, bis zum Verzicht auf alles Narrative in den Texten: „Ich glaube nicht mehr an die Vorstellung, dass das Leben eine Geschichte ist“, sagt Cave. „Vielleicht hat sie einen Anfang und ein Ende, aber damit erschöpfen sich auch die Parallelen.“ Und an anderer Stelle: „Die Leute sagen einem Dinge wie: Dein Sohn lebt ja in deinem Herzen weiter, aber so ist es natürlich nicht.“ – „Ist es nicht?“, fragt der Filmemacher aus dem Hintergrund. „Er ist schon in meinem Herzen. Aber er ist nicht am Leben.“ Glücklich, wer da wie Terrence Malick die ganze Weltgeschichte als glückliche Erzählung feiern kann.

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