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Owen Suskind in "Life, animated".

"Life, Animated" (ARD)

Das Leben ist kein Disney-Film

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Der Dokumentarfilm "Life, Animated" erzählt die anrührende Geschichte eines verlorenen autistischen Jungen, der mit Hilfe von Zeichentrick-Klassikern seinen Weg zurück ins Leben fand.

Es klingt wie eine Geschichte aus einem Hollywood-Rührstück: Ein kleiner amerikanischer Junge verliert sich in einer eigenen Welt, zu der seine Eltern schließlich auf wundersame Weise Zugang finden. Owen ist drei Jahre alt, als sich sein Verhalten quasi von einem Tag auf den anderen ändert; und das nicht nur, weil er aufhört zu sprechen. Spezialisten diagnostizieren Autismus, eine Krankheit, über die man in den frühen Neunzigern noch nicht viel wusste.

Der erwachsene Owen, in der Gegenwart dieses Dokumentarfilms 23, erinnert sich sehr lebhaft, wie er das Leben damals empfunden hat: Sein Gehirn war nicht in der Lage, die ganz normalen Alltagseindrücke zu verarbeiten, weshalb er permanent unter Reizüberflutung litt. Durch Zufall entdeckt Vater Ron, ein erfolgreicher Journalist, wie die Eltern mit ihrem scheinbar entrückten Sohn kommunizieren konnten: Owen liebte die Zeichentrickfilme von Walt Disney, sie waren die einzige Möglichkeit, ihn zu beruhigen, und wurden zu seinem verlässlichen Anker. Er hatte sie derart oft gesehen, dass er die Dialoge auswendig konnte. Als die Eltern erkannten, dass er immer wieder einen ganz bestimmten Satz aus „Aladdin“ wiederholte, schlüpfte Ron Suskind mit Hilfe einer Handpuppe in die Rolle des Vogels Jago, dem Gehilfen des Schurken Dschafar; das Glücksgefühl, als sich der sprachlose Sohn plötzlich wieder mit den Eltern verständigen konnte, muss unbeschreiblich gewesen sein. Fortan gelang es ihnen, Owens Befindlichkeiten und Bedürfnisse mit Hilfe der Disney-Figuren zu erspüren.

Roger Ross Williams erzählt die Geschichte nicht frei von Pathos, aber mit viel Empathie. Zunächst wirkt der junge Mann etwas seltsam, wenn er wie ein junger Cousin von Mr. Bean einsam seine Runden dreht und dabei Disney-Dialoge von sich gibt, aber weil der Regisseur offenkundig einen guten Draht zu seinem Protagonisten gefunden hat, überträgt sich diese Nähe auch auf den Zuschauer. Geschickt kombiniert Williams zudem Gegenwart und Vergangenheit. Dramaturgisch clever folgen dabei auf heutige Triumphe frühere Niederlagen; und umgekehrt. „Life, Animated“ beginnt mit privaten Videoaufnahmen von Familie Suskind, deren Glück abrupt endet. Owens Rückzug aus der Welt illustriert der Film mit interessanten Skizzen, die wie Kohlezeichnungen wirken. Parallel dazu erzählt Williams, dessen Drehbuch auf Ron Suskinds gleichnamiger Familienautobiografie basiert, wie sich Owen für ein Leben auf eigenen Beinen wappnet: Er wird sein Elternhaus verlassen, in eine betreute Wohngemeinschaft ziehen und sich einen Job suchen. Vor diesem Einschnitt hat er verständlicherweise gehörigen Respekt, zumal er mittlerweile weiß: Das Leben ist kein Disney-Film.

Noch größer ist allerdings die Furcht seines drei Jahre älteren Bruders Walter vor dem Tag, an dem die Verantwortung für Owen auf ihm ganz allein lastet. Die beiden Männer haben eine innige Beziehung, denn die Disney-Filme haben auch Walters Kindheit geprägt. Immer wieder bedient sich Williams entsprechender Ausschnitte, um markante Punkte im Leben seines Protagonisten zu verdeutlichen. Szenen aus der „Der Glöckner von Notre-Dame“ illustrieren Owens Erinnerungen an das Mobbing in der Sonderschule; als seine Freundin Emily Schluss macht, montiert Williams diverse Tränenszenen aneinander; und am ersten Abend nach seinem Auszug aus dem Elternhaus schaut sich der junge Mann „Bambi“ an. Die Ausschnitte werden im Original und mit Untertiteln gezeigt, damit deutlich wird, wie gut Owen die Stimmen imitieren kann. Aber der Titel „Life, Animated“ bezieht sich nicht nur auf die Disney-Klassiker, sondern auch auf die eigens für den Film entworfenen kunstvollen Animationen. Owen hat sich als Junge nicht mit den Helden, sondern mit den Nebenfiguren identifiziert, mit den sogenannten Sidekicks. Ihnen hat er auch eine Geschichte gewidmet, in der er selbst zum Beschützer dieser Sidekicks wird; plötzlich werden die bis dahin sparsamen Kohlezeichnungen bunt, opulent und künstlerisch überaus eindrucksvoll.

Einer der schönsten Momente ist eine Sitzung des Disney-Clubs, den Owen als Teenager gegründet hat, um mit Schicksalsgefährten darüber zu sprechen, was sie aus den Filmen fürs Leben lernen können. Stargast der letzten Sitzung ist der Schauspieler Jonathan Freeman, den Owen dank der Beziehungen seines Vaters in New York kennengelernt hat. Freeman hat in „Aladdin“ Dschafar gesprochen, und zur allgemeinen Überraschung taucht auch noch sein Kollege Gilbert Gottfried auf, der Sprecher von Jago. Ein weiterer Höhepunkt ist schließlich ein eindrucksvoller Auftritt Owens bei einer Tagung in Paris, wo er den Zuhörern erklärt, wie es ihm gelungen ist, mit Hilfe seiner Leidenschaft die Welt zu verstehen. Ein Hollywood-Drehbuch würde mit dem Applaus enden, den der junge Mann für seine Rede erhält, aber Williams erdet seinen Helden und zeigt, was wirklich zählt: Owen tritt seinen ersten Job an; natürlich in einem Kino. Ein Jammer, dass die ARD diesen mehrfach ausgezeichneten und im letzten Jahr für den „Oscar“ nominierten Film erst so spät zeigt.

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