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Laurie Anderson erinnert sich in ihrem Essayfilm an Ehemann Lou Reed.

Filmfestspiele Venedig

Das Leben als Hund

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Die Musikerin Laurie Anderson stiehlt in Venedig mit „Heart of a Dog“ den Filmemachern die Schau.

Man muss die Traurigkeit fühlen, ohne selbst traurig zu sein“, sagt Laurie Anderson. Von ihrem Meditationslehrer Mingyur Rinpoche hat sie diese Weisheit, aber wie sie es sagt im Bildermeer ihres Venedig-Beitrags als Regisseurin, bringt sie damit eine treibende Kraft der Kulturgeschichte auf den Punkt: die kreative Melancholie.

„Heart of a Dog“, nach „Stop Making Sense“ ihr zweiter abendfüllender Film in dreißig Jahren, ist, wie sie in Venedig sagt, ein Film über das Erzählen. Doch für einen Film über den Hang der Menschen, Erinnerungen und Vorstellungen zu Geschichten zu verarbeiten, braucht sie zugleich auch ein Sujet. Dieses Thema ist nicht nur in Venedig ein Dauergast. Es ist der Tod.

Protagonist von „Love of a Dog“ ist Lolabelle, der verstorbene Rat Terrier von Anderson und ihrem Mann Lou Reed. Der Tod des Musikers selbst bleibt während des ganzen Films eine unausgesprochene Referenz. Unmöglich, während der 75 Minuten dieses Montage- und Erzählfilms nicht daran zu denken. Als nach der Vorführung trotzdem jemand nach dem überaus präsenten Toten fragt, antwortet Anderson: „Wie Lou meinen Film beeinflusst hat? In seiner Heftigkeit.“

In der Tat hat dieser Film eine ungeheure Wucht, was nicht nur an Andersons über Jahrzehnte in Vortragskonzerten und Performances erprobter Eindringlichkeit und leiser Stimmgewalt liegt. Ein zentrales Erlebnis ihrer Kindheit, einen langen Krankenhausaufenthalt, hat sie nachgespielt, hier hat sogar noch Lou Reed einen kurzen Auftritt als Arzt im weißen Kittel. Oft habe sie davon erzählt, wie sie nach einem missglückten Sprung im Schwimmbad fürchten musste, querschnittsgelähmt zu blieben. Doch das eigentliche Trauma blieb in diesen Geschichten verborgen – die Erinnerung an die Todesgegenwart auf der Kinderstation. „Je öfter wir etwas erzählen, desto mehr vergessen wir es“, heißt es im Kommentar.

„In Amerika zielt alles darauf ab, das Sterben zu einem Dahindämmern zu machen“, sagt sie nach der gefeierten Vorführung. „Am liebsten hat man es, wenn die Menschen gar nicht wissen, dass sie sterben.“ Anderson, die eine Multimedia-Künstlerin im wahrsten Sinne ist, bietet all ihre Künste auf. Sie zeichnet Animationen, bearbeitet 8mm-Bilder ihrer Kindheit subtil mit Videosoftware, um Augenblicke zum Strahlen zu bringen, und natürlich spielte sie auch den Soundtrack auf der Geige ein. Doch nie wirkt ihr Film dabei disparat oder wie bloßes Virtuosentum. Auch die zentrale Metapher hat sie in einem Schmalfilm aus der Kindheit gefunden, einen vereisten See, unter dessen Oberfläche sie ihren kleinen Bruder als Kind vor dem Ertrinken rettete.

Die autobiographische Perspektive drängt sich freilich nicht in den Vordergrund. Und vielfach findet die Lust am Filmemachen einen ähnlich verspielten Ausdruck wie jüngst bei Jean-Luc Godards hundeverliebtem Spätwerk „Adieu au Language“: Die zweite Kamerafrau hat vier Beine. Es gibt einige der originellsten Aufnahmen des New-Yorker West Village mit der Hundekamera, wenn Lolabelle etwa den Maler von Nebenan beschnuppert (Julian Schnabel spielt sich selbst). Selbst den größten Menschheitsfragen begegnet die 68-jährige mit erfrischender Unbefangenheit: „Den Sinn des Todes habe ich jetzt gefunden. Es ist das Loslassen der Liebe.“

Niemand würde sich wundern, wenn dieser späte Zweitlingsfilm einen Goldenen Löwen gewänne, denn in der Form solcher Filmessays liegt vielleicht die Zukunft des Autorenfilms. Youtube hat die Welt mit Millionen von Filmbausteinen überschüttet, jeder Schüler kann aus ihnen Clips montieren. Doch anstatt sich diesem Bilderberg zu ergeben, generiert Anderson ein ureigenes Bild- und Tongedicht.

Wie wenig hat die Konkurrenz hier im Wettbewerb des Festivals dagegenzusetzen: Marco Bellochio versucht mit „Sangue del io sangue“ ein Historiendrama über eine Hexenverfolgung mit einer Gegenwartssatire um einen russischen Oligarchen aufzumischen. Und Jerzy Skolimowski schwelgt in „11 minut“ in virtuosen Genre-Montagen, als wollte er sagen, was natürlich stimmt: „Seht her, ich bin das Vorbild von Quentin Tarantino“. Dann doch lieber ein Vorbild für künftige Filmemachergenerationen wie Laurie Anderson.

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