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Unterwegs mit Hund: Aus Godards „Adieu au langage“.

Filmfestspiele Cannes

Das Leben als Hund

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Altmeisterliches in Cannes: In Jean-Luc Godards "Adieu au langage" spielt der Hund das Liebespaar glatt an die Wand. Ken Loachs Irland-Drama "Jimmy's Hall" ist alles andere als ein politischer Film, eher ein folkloristisches Kleinod.

Wer freut sich noch über die klobig-spacigen 3D-Brillen, die Cannes als eines der ersten Festivals bereits 2007 anschaffte – damals, um die irischen Stadionrocker von U2 auf den roten Teppich zu locken? Eher unwillig lässt man sie sich in die Hand drücken, aus dem umworbenen Gimmick ist längst eine Bürde geworden. Was allerdings auch an all dem Entbehrlichen liegt, das man durch die dunklen Gläser in den letzten Jahren schon gesehen hat.

Es braucht schon einen 83-jährigen Avantgarde-Veteranen wie Jean-Luc Godard, um der Technik noch originelle Seiten abzugewinnen. In seinem ersten abendfüllenden 3D-Film „Adieu au langage“ („Goodbye to Language“) filmt er ein nacktes Liebespaar – und nimmt dann die beiden sonst unzertrennlichen Kameraobjektive auseinander. Während das linke Auge auf der Einstellung bleibt, wandert das rechte mit dem aufstehenden Mann einfach weiter, was dazu führt, dass man zwei völlig unterschiedliche Bilder in seinen Kopf lassen muss.

Doch Godard ist kein Unmensch: Wenn der Mann wieder ins Bild kommt, klebt er die beiden Kameras wieder aneinander – und das 3D-Bild ist wieder komplett. Der Effekt ist so verblüffend, dass das Publikum Beifall klatscht. Was für eine poetische Aussage: Eins plus eins ist eins, nicht nur in der Liebe, auch in der Filmtechnik.

Wer Godard kennt, suchte den Mitbegründer der Nouvelle Vague gar nicht erst lange im „großen Bahnhof“, den man ihm bereitet hatte. Seit vielen Jahren versetzt er sein Publikum konsequent, wo immer man ihn ankündigt. Frenetisch gefeiert wurde er dennoch. Dabei ist sein neues Werk so sperrig wie die meisten seiner jüngeren Essayfilme, die er unermüdlich produziert, auch wenn sie kaum noch jemand sieht. Wieder rührt er eine Diskursmaschine an, Zitate von Duchamp, Monet und Darwin füllen Leinwand und Tonspur, sie schnell genug zu lesen, ist in 3D nicht wirklich einfacher.

An die Presse ließ Godard zum besseren Verständnis statt der üblichen Inhaltsangabe ein Gedicht verteilen: „die idee ist einfach / eine verheiratete frau und ein alleinstehender mann treffen sich / lieben sich / streiten / fäuste fliegen/ ein hund stromert zwischen stadt und land / die jahreszeiten wechseln/ der mann und die frau treffen sich wieder / der hund findet sich selbst zwischen ihnen/ der andere ist im einen/ der eine ist im anderen…“.

Das Wesen, das uns liebt

Tatsächlich spielt Godards Hund, den er in überzogenen Video-Farben beim Herumtollen filmt und gern das Schnäuzchen weit in den 3-D-Raum stecken lässt, das Paar glatt an die Wand. Glücklich macht „Adieu au langage“ erst, wenn man sich damit arrangiert hat, nicht viel mehr davon zu begreifen, als der Vierbeiner, den Godard mit Darwin würdigt: Hunde seien die einzigen Lebewesen, die wir treffen, die uns mehr liebten als wir selbst.

Auf den Hund kam dieses Festival ja gleich zu Anfang, als auf die unsägliche Eröffnung herbe Enttäuschungen von Atom Egoyan und David Cronenberg folgten. Die Hoffnung von Altmeistern auch Meisterliches zu sehen, erfüllte nur Mike Leigh, dessen „Mr. Turner“ noch immer den würdigsten Favoriten abgibt. Sein britischer Kollege Ken Loach hatte sein neues Irland-Drama „Jimmy’s Hall“ noch während der Dreharbeiten zum Abschiedswerk erklärt. Nun machte er einen Rückzug vom Rückzug – vielleicht ist es doch nicht gut genug für einen letzten Film?

Nicht gut ist hier beileibe nicht schlecht – aber man fragt sich doch, warum er aus dem Leben des linken Aktivisten James Gralton (1886-1945) nicht mehr zu erzählen weiß. Es scheint fast so, als seien alle kommunistischen Aktivitäten des von Jimmy Ward verkörperten irischen Bauernsohns, der 1932 aus den USA zurück nach Irland immigrierte, herausgestrichen. Loach erzählt liebevoll und mit der gewohnten Sorgfalt für sein Ensemble von Graltons Aufbau eines kleinen Tanzsaals, den er als eine Art kollektive Volkshochschule nutzte. Da die Bildungshoheit bei der katholischen Kirche liegt, ist er dem Klerus ein Dorn im Auge. Schließlich wird er zum einzigen Iren, der je aus Irland verbannt wurde. 1945 stirbt er in den USA.

Tatsächlich scheinen dort eher fromme Gesangsstunden als konspirative Treffen abgehalten zu werden, und flammende politische Reden, wie sie Loach in früheren Filmen durchaus zu schätzen wusste, bleiben aus. So ist „Jimmy’s Hall“ alles andere als ein politischer Film, eher ein folkloristisches Kleinod. Grund genug für Loach, erst einmal weiter zu machen. Der nächste Film wird sicher besser.

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