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Die Israelis bieten dem entbehrungsreichen Leben in der Wüste die Stirn und versuchen sogar, die trockene Umgebung in fruchtbaren Boden für Gärten umzuwandeln.

TV-Kritik: Die Siedler der Westbank, Arte+7

Leben in der doppelten Realität

Shimon Dotans „Die Siedler der Westbank“ ist ein durch und durch politischer, im besten Sinne aufklärender Film.

Von Irit Neidhardt

Viele Filme sind in den letzten Jahren über die jüdischen Siedlerinnen und Siedler in der von Israel besetzten palästinensischen Westbank gedreht worden. Die meisten machen betroffen, bieten einen Einblick in das vermeintlich exotische Leben religiöser Extremisten oder verhöhnen die Siedler. Auch gibt es Filmschaffende unter den Mitgliedern der Siedlerbewegung selbst. Sie stellen manchmal kineastisch interessante Arbeiten her, denen das ultrarechte Gedankengut nicht sofort anzumerken ist. Vor allem, weil die Siedlerjugend in Auftreten und Lebensstil stark an Hippies erinnert, die hierzulande oft mit der linken Bewegung assoziiert werden. 

Shimon Dotans „Die Siedler der Westbank“ fällt aus diesen gängigen Schemata heraus. Es ist ein durch und durch politischer, im besten Sinne aufklärender Film. Der Regisseur schafft es, niemanden der Lächerlichkeit Preis zu geben. Sarah Nachson aus Kiriat Arba und ihr Mann Baruch zum Beispiel stellen Sarah in den ersten Minuten des Films gemeinsam vor: sie ist Mutter von zehn Kindern, hat über 100 Enkel und acht Urenkel. Dabei belässt der Regisseur die Vorstellung nicht, sondern fragt sie, ob sie Siedlerin sei. Im Verlauf des Films wird Sarah Nachson ihre rechtsradikale Gedankenwelt sowie ihr daraus folgendes politisches Handeln darlegen, ihr Mann wird die meiste Zeit schweigend im Bildhintergrund sitzen.

Die Definition des Begriffs „Siedler“ führt Dotan aus Perspektive der Siedler selbst sowie aus einer juristisch philosophischen Sicht ein. „Sind Sie ein Siedler?“ fragt der Regisseur einen Protagonisten. „Siedler, Ansässiger. - Was ist der Unterschied? - Nur eine Frage der Semantik. - Und wie differenziert die Semantik zwischen beiden? - Ein Siedler ist jemand, der an einen Ort kommt, der ihm nicht gehört. Ein Ansässiger ist jemand, der sich im Land seiner Väter niederlässt. -  Also, als was sehen Sie sich selbst?“ Die Antwort bleibt der Mann schuldig.

Professor Moshe Halbertal von der Hebräischen Universität Jerusalem definiert: "Ein Siedler ist jemand, der sein Haus auf einem Gebiet gebaut hat, über das der Staat Israel keine Souveränität besitzt. Er lebt also im Grunde in einer doppelten Wirklichkeit. Er ist Bürger des Staates Israel, lebt aber nicht in dessen Souveränitätsgebiet. Hieraus leitet sich eine ganze eigene Welt ab. Es gibt Israelis in besetztem Territorium. Die Palästinenser, die dort leben, stehen eigentlich unter israelischer Herrschaft und haben keine Bürgerrechte." Nach internationalem Recht ist es einer Besatzungsmacht untersagt, ihre eigene Bevölkerung im besetzten Gebiet anzusiedeln.

Die Geschichte der Siedlerbewegung

Der Film zeichnet die Geschichte der Siedlerbewegung seit ganz kurz vor der Besatzung  1967 nach. Sie ist immer auch eine Geschichte des israelischen Militärs. Heute befinden sich die Militärbasen in den besetzten Gebieten auf dem Territorium der illegalen Siedlungen, die ersten Siedler fanden Unterschlupf in den neu errichteten Militärstützpunkten; Siedlungen wurden zur Grenzsicherung aufgebaut.

Anhand von zahlreichem Archivmaterial sowie aus Gesprächen mit politisch-religiösen Führungspersönlichkeiten der Siedlerbewegung, Journalisten, Militärs, Politikern, Juristinnen und Juristen sowie Philosophen wird deutlich, auf welche Art und Weise Siedlerbewegung, Militär und Politik sich gegenseitig nutzen, austricksen, angreifen oder taktisch zur Stärkung der eigenen Position einsetzen.

Obwohl die national-religiöse Siedlerbewegung das Rückgrat der Besiedlung der Westbank ist, bilden ihre Mitglieder heute zahlenmäßig die Minderheit der dort lebenden Israelis. Durch massive staatliche Subventionierung können junge Familien der unteren Mittelschicht sich den Traum vom eigenen Haus mit Garten oft nur in den 1967 besetzten Gebieten leisten. Dotan stellt einige von ihnen vor. Es sind Menschen, die mit Politik nicht viel am Hut haben und von deren Ignoranz die Politik profitiert. An ihrer Anwesenheit in den jüdischen Orten in der Westbank, meist Schlafstädte von Jerusalem oder Tel Aviv, lassen sich Dimension und  Komplexität der illegalen Besiedlung auffächern. 

Dass der Regisseur die Kolonisierung der Westbank, ein im Hebräischen gängiger Begriff, ablehnt, macht er deutlich. Durch die unaufdringliche Art des Films, lässt er dem Publikum zugleich die Möglichkeit, zu einem anderen Schluss zu kommen.

„Die Siedler der Westbank“, Dienstag, 27. September, 20:15 Uhr. Wiederholung: Do, 29.09. um 9:25 Uhr, Di, 25.10. um 9:25 Uhr. Im Netz: Arte+7

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