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Chef oder Angesteller, Liebhaber oder Mörder: Denis Lavant als Oscar schlüpft in immer wieder neue Rollen.
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Chef oder Angesteller, Liebhaber oder Mörder: Denis Lavant als Oscar schlüpft in immer wieder neue Rollen.

„Holy Motors“

Im Leben der anderen

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Zwölf Jahre sind seit seinem letzten Langfilm bereits vergangenen. Mit „Holy Motors“ gelingt dem französischen Filmkünstler Leos Carax nun ein betörendes Comeback.

Beim jüngsten Festival in Cannes kehrte Leos Carax, Frankreichs Kinowunderkind der 1980er-Jahre, zurück wie der verlorene Sohn: Dankbar wieder aufgenommen in den Schoß des Kunstkinos von den einen; mit Achselzucken begrüßt von den anderen. Schließlich führt auch im derzeit so erfolgreichen Filmland Frankreich die radikale Filmkunst nur noch ein Nischendasein. Über den Stolz auf Komödien-Welterfolge wie „Ziemlich beste Freunde“ kann man leicht vergessen, dass dort nicht nur die Wiege des Kinos stand, sondern auch die der Kinopoesie. Für Meister wie Georges Méliès und Jean Cocteau, René Clair, Georges Franju oder Marcel Carné waren Traum und Wirklichkeit keine Gegensätze. Leos Carax’ Melodram „Die Liebenden Pont-Neuf“ (1991) war vielleicht der letzte Nachzügler dieses „poetischen Realismus“, einundzwanzig Jahre ist das her. Zwölf Jahre sind vergangen seit Carax’ letztem Langfilm „Pola X“. Nun hat er zu dessen roher Romantik zurückgefunden.

Ein voll besetzter, aber regloser Kinosaal steht am Anfang von „Holy Motors“. Dazwischen schneidet der Regisseur frühe Bewegungsstudien des Fotografen Eadweard Muybridge aus den 1870er-Jahren. Warum staunt niemand mehr über diese wunderbaren ersten Kinobilder? Und was sieht Carax in ihnen? Er lässt sie rückwärts laufen. Aus dem muskulösen Athleten vor Muybridges Kamera wird so ein Sisyphos, zu ewiger Aktion verurteilt. So wie der von Denis Lavant gespielte Protagonist. Mit Beginn der Handlung sieht man ihn als Patriarchen aus einer luxuriösen Villa treten. Doch wie sich bald darauf herausstellt, hat er diese Rolle nur gespielt. Als Angestellter einer ominösen Firma lässt er sich zu seinen Auftritten in fremden Leben kutschieren.

Als Monsieur Oscar begrüßt ihn seine Chauffeurin: Wie so oft wählt der als Alexandre Oscar Dupont in eine der reichsten Familien Frankreichs geborene Regisseur den eigenen Namen für die Hauptfigur. Die weiße Stretch-Limousine wird von einer Kino-Veteranin gesteuert, der französischen Schauspielerin Edith Scob.

Sowohl die Szenerie als auch die Besetzung gehören zur Gebrauchsanleitung dieses ungewöhnlichen Films: Die Villa erinnert uns an Jacques Tati und seinen Klassiker „Mon Oncle“. Und Edith Scob ist natürlich der gute Geist aus den fantastischen Filmen von Georges Franju. Von Tati übernimmt Carax das beredte Schweigen, von Franju die morbide Romantik von Klassikern wie „Augen ohne Gesicht“. Dort versteckte Scob ihre großen mädchenhaften Augen hinter einer Maske, die sie auch in der letzten Szene von „Holy Motors“ aufsetzt. Dazwischen nimmt das Tagewerk des Monsieur Oscar seinen rätselhaften Lauf. Offenbar von einer jenseitigen Macht entsandt, schlüpft der Mann in immer neue Verkleidungen, um das ganze Spektrum der menschlichen Existenz zu verkörpern.

Großartiger Zauber

Er ist ein Bettler, Mörder, Liebhaber oder ein Monster. Auf dem Friedhof Pére Lachaise platzt er in eine morbide Modefoto-Session und raubt das glamouröse Model (Eva Mendes). Dann scheint er in einem seiner insgesamt elf Auftritte gar er selbst zu sein, wenn er eine Kollegin trifft, die dem gleichen mysteriösen Beruf nachgeht. Kylie Minogue nutzt ihren Auftritt zu einer Chanson-Einlage um die alles entscheidende Frage: „Who are we?“, vorgetragen im verfallenen Kaufhaus La Samaritaine.

Viele dieser großartigen Szenen sollen unverfilmten Drehbüchern von Leos Carax entstammen. Er erweckt sie zu einem grandiosen Totentanz verhinderter Meisterwerke. In Carax’ Kino lebt die Schönheit im steten Zwiespalt mit dem Reiz des Falschen. Hat man sich gerade der Melancholie dieses geisterhaften Lebens hingegeben, weckt uns Carax mit einem schrägen Scherz aus der Illusion. Noch immer besitzt sein Kino ebenso viel Punk wie Glamour.

Der großartige Zauber von „Holy Motors“ wurde mit einem vergleichsweise bescheidenen Budget ermöglicht von der deutschen Pandora-Filmproduktion. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus: Wann hat zuletzt jemand diese Kunstform so leidenschaftlich gefeiert? Wer hatte zuletzt den Mut, die betörende, verstörende Rätselhaftigkeit, zu der das Kino fähig ist, unaufgelöst stehen zu lassen? So wie Monsieur Oscar durch das Leben der anderen wandert, bereist Carax den filmischen Globus.

Holy Motors Frankr./Dtl. 2012. Regie: Leos Carax. Mit Denis Lavant, Edith Scob, Eva Mendes, Kylie Minogue u. a.; 115 Min., Farbe.

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