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Köln: Fans protestieren mit einem Banner mit der Aufschrift "Facts don't lie" (Fakten lügen nicht) gegen die Austrahlung der Dokumentation "Leaving Neverland".

Jackson-Dokumentation „Leaving Neverland“

Der netteste, freundlichste Mensch

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Seelenverdüsterung: Die Jackson-Dokumentation „Leaving Neverland“ schildert auch die Langzeitfolgen des Missbrauchs.

Als vor einigen Wochen die TV-Dokumentation „Leaving Neverland“ des Regisseurs Dan Reed zunächst auf einem Festival und dann im Sender HBO in den USA ausgestrahlt wurde, entzündete sich auch hierzulande eine Debatte darüber, ob man die Hits Michael Jacksons noch spielen könne. Die Bundeskunsthalle in Bonn wurde aufgefordert, eine Ausstellung über ikonografische Wirkung des Pop-Phänomens Jackson abzusagen.

In dem Film, der am Samstagabend nun im deutschen Fernsehen zu sehen war, schildern James Safechuck (41) und Wade Robson (38), wie sie im Alter von sieben und elf Jahren mit ihren Familien in die unmittelbare Nähe des Popstars gerieten. „Er gehört zu den nettesten, freundlichen und liebevollsten Menschen“, sagt Wade Robson nahezu tonlos. „Und er hat mich sexuell missbraucht. Sieben Jahre lang.“

Safechuck und Robson kommen in langen Gesprächen zu Wort, außerdem werden die Mütter und Geschwister befragt. Es geht um die Rekonstruktion der intimen Beziehung Michael Jacksons zu den jungen Fans. Wade Robson hatte im australischen Brisbane einen Tanzwettbewerb gewonnen, dessen Preis darin bestand, den Star kennenzulernen. „Jimmy“ Safechuck kam über das Casting für eine Pepsi-Reklame mit ihm in Kontakt.

Die Muster des sexuellen Missbrauchs ähnelten einander. Jackson widmete den Jungen Aufmerksamkeit und verwickelte sie in eine tief empfundene Liebesgeschichte, die sexuelle Handlungen zunächst schleichend und dann immer intensiver einschlossen. Die Mütter der Kinder befanden sich dabei in der unmittelbaren Umgebung, aber je länger die Beziehung dauerte, desto mehr wurden sie von ihren Söhnen ferngehalten. Der Film erzählt das in quälender Ausführlichkeit, James Safechuck und Wade Robson berichten detailliert über die sexuellen Praktiken, die Michael Jackson ihnen aufdrängte.

Es sind nur wenige dramaturgische Mittel, die Reed einsetzt. Neben den Interviews gibt es mit Drohnen aufgenommene Kamerafahrten über Michael Jacksons Ranch Neverland, wo sich der Missbrauch häufig ereignete. Standbilder, Tonaufnahmen und per Faxgeräte versandte Liebesbekenntnisse ergänzen die Gespräche, die im weiteren Verlauf immer mehr therapeutischen Charakter annehmen. Im zweiten Teil des Films geht es kaum noch um Michael Jackson und die Fragen nach seiner Schuld. Geschildert wird vielmehr, wie die Folgen des Missbrauchs das Seelenleben der Heranwachsenden und ihrer Familien verdüstern. Wade Robsons Vater nahm sich das Leben. Natürlich bleiben Fragen. Wie konnten die Mütter das alles zulassen. Wie blind müssen sie gegenüber dem manipulativen Geschick Jacksons gewesen sein.

Der Filmtitel scheint Safechuck und Robson den späten Auszug aus Neverland zu verheißen. Aber tatsächlich haben sie das seelische Gefängnis, das der Popstar um sie errichtete, nie verlassen. Die Frage, ob man Jackson heute noch hören will, wird nach dem Erleben dieses Films jeder für sich beantworten müssen. über das System Missbrauch aber kann nicht geschwiegen werden.

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