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"Berliner Schule als Brückentrechnologie: Rayna Campbell und Rapule Hendricksin „Layla Fourie" von Pia Marais.

Wettbewerb

"Layla Fourie" - Wahre Lügen

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Meisterhaft, bewegend und klug: „Layla Fourie“ von der in Berlin lebenden Regisseurin Pia Marais. Der bislang vielleicht bedeutendste Film in diesem Wettbewerb.

Meisterhaft, bewegend und klug: „Layla Fourie“ von der in Berlin lebenden Regisseurin Pia Marais. Der bislang vielleicht bedeutendste Film in diesem Wettbewerb.

Jede Gesellschaft ist auf Lügen aufgebaut. Kein Zusammenleben wäre möglich, ohne ab und an das Falsche zu sagen. In der Beziehung ahnden wir die Lüge als Verrat – dabei beginnt sie bereits beim unaufrichtigen Kompliment. Auch im Kino gibt es keine Wahrheit ohne Lüge, denn erst die Inszenierung hat oft die Chance, glaubhafte Repräsentation einer Wirklichkeit zu sein.

Mit den Ausschlägen eines Lügendetektors beginnt Pia Marais, die in Berlin lebende Regisseurin, den ersten Film, den sie in ihrer südafrikanischen Heimat drehte. Bei Recherchen über die wachsende Security-Industrie war sie auf eine Firma gestoßen, das höchst umstrittene Verfahren privaten Nutzern offeriert. Gemeinsam mit ihrem ständigen Drehbuchautor Horst Markgraf hat sie daraus die faszinierende Geschichte einer jungen Frau entwickelt, die Job-Bewerber zu diesem Zweck verkabelt. Schon in der ersten Szene, in der sich die von Rayna Campbell gespielte Layla selbst der Prozedur unterziehen muss, macht sie alle Verunsicherung hinter dem Sicherheitswahn spürbar.

Wie kann es sein, dass in einer demokratischen Industrienation der Kapitalismus sogar gruseligen, obsolet geglaubten Verhörmethoden zum Comeback verhilft? Noch bevor die Geschichte in Gang kommt und Layla im Job-Bewerber Pienaar – gespielt von August Diehl – ihren ersten, wie soll man sagen, Probanden, verhört, macht sie sich selber schuldig. Ein Mann läuft ihr vors Auto, sie begeht Fahrerflucht. Unausgesprochen belastet ihr Fehlverhalten auch das Verhältnis zu ihrem etwa sechsjährigen Sohn, der mit im Auto saß.

In seinen ruhigen Breitwandbildern erinnert „Layla Fourie“ an Francis Ford Coppolas Abhör-Klassiker „Der Dialog“. Gleichsam durch die Hintertür und überhaus konsequent führt Pia Marais’ fast dokumentarische Wirklichkeitsauffassung zu einem psychologischen Thriller höchster Suggestionskraft. Man kann nicht anders, als in der Offenheit dieser Bildräume selbst nach der Wahrheit zu suchen. Stellvertretend für den Zuschauer wird dabei der kleine Junge vom stummen Beobachter zum Gradmesser von Lüge und Wahrheit.

Nach den Festival-Regularien ist diese Produktion der deutschen Pandorafilm zwar ein Beitrag aus Südafrika. Vor allem aber ist er ein Beitrag der Berliner Schule, deren grundsätzliche Skepsis gegenüber den visuellen Klischees des klassischen Illusions-Kino hier zu höchster Reife kommt. Wie schon im letzten Jahr der Beitrag „Schlafkrankheit“ bewiesen hat, ist diese Auffassung vom Kino an keinen Ort gebunden. Und wenn die Berlinale gerade den Einfluss des Weimarer Kinos feiert, ist es schön zu erleben, dass wieder eine wichtige Filmströmung aus Deutschland das Weltkino befruchtet.

Wenn es im Kino erlaubt ist, als Zuschauer gleichermaßen im Geschehen versunken wie nachdenklich zu bleiben, dann ist das Drama „Layla Fourie“ ebenso bewegend wie klug. Es ist immer faszinierend, Schauspieler dabei zu beobachten, wie sie zwischen Wahrheit und Unwahrheit changieren, obwohl doch ohnehin jedes Wort im Text erfunden ist. August Diehl ist in der zwielichtigen Rolle meisterhaft und bären-wert. Wie überhaupt dieser bislang vielleicht bedeutendste Film in diesem Wettbewerb.

Layla Fourie 12. 2.: 15 Uhr, Friedrichstadt-Palast; 12. 2.: 20.30 Uhr, Haus der Berliner Festspiele.

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