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TV-Kritik: Die Pilgerin

Lauter Lumpen

  • Daland Segler
    VonDaland Segler
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Das ZDF bringt zum Jahresanfang mit dem Zweiteiler „Die Pilgerin“ wieder ein „Event-Movie“: Das bedeutet zunächst vor allem hohe Produktionskosten bei der Herstellung und geringes Risiko beim Inhalt

Am Ende gelingt dem vierköpfigen Drehbuch-Team tatsächlich noch ein guter böser Witz: Ob sie sein Herz nun auch nach Santiago de Compostela bringe, fragt der sterbende Mörder seine Schwester. Doch das Publikum wartet vergebens auf die Antwort der jungen Frau, die soeben  heimgekehrt ist von einer monatelangen Tortur, um das Vermächtnis von Papa zu erfüllen, der bat, als Buße für eine Schuld sein Herz im Pilgerort zu begraben. Tja, Sünder sind sie alle – die Heldin ausgenommen natürlich – im 14. Jahrhundert in Tremmlingen, dem Städtchen mit dem hohen Burgberg, der immer wieder eingeblendet wird, wenn die Regie sicher gehen will, dass auch der letzte Zuschauer den Ortswechsel verstanden hat. Denn deren gibt es viele, immer wieder wird hin- und hergeblendet zwischen der Heimat der jungen Tilla (Josefine Preuß) und den Stationen ihres Pilgerweges nach Spanien. Und das meistens in der Art eines Cliffhangers, gerade so als ob die Regie befürchtete, die Menschen vor dem Bildschirm könnten wegzappen. Was in diesem Fall eine gewisse Berechtigung hat, denn in der ARD laufen am Sonntag parallel zur „Pilgerin“ gleich zwei „Tatort“-Ausgaben hintereinander, dabei auch der wegen vermeintlicher Unzumutbarkeit für Jüngere auf 22 Uhr verschobene WDR-Krimi „Franziska“.

Das ZDF hat für sein „Event Movie“ (aargh) zum Jahresbeginn diesmal eine Vorlage von Iny Lorentz verfilmen lassen, den Schinken „Die Pilgerin“. Darin wird erzählt, wie eine junge Frau Entbehrungen und Qualen einer Reise durch halb Europa auf sich nimmt, um das ihrem Erzeuger gegebene Versprechen zu erfüllen. Die aktuelle Popularität des Pilgerns wird das übrige dazu getan haben, diesen Stoff zu wählen, der freilich nicht im Verdacht steht, auf irgendeine Shortlist irgendeines Buchpreises zu kommen. Muss ja auch nicht sein, der große François Truffaut hat auch zweitklassige Kolportage-Romane verfilmt.

Aber obwohl Regisseur Philipp Kadelbach drei Stunden Zeit hat, das Schicksal Tillas zu erzählen, wird hier doch manches übers Knie gebrochen und eine Auseinandersetzung mit Glauben oder wenigstens dem Pilgern immer wieder Szenen einer Räuberpistole geopfert. Da wird gefochten, gehauen und gestorben, das es eine Unart hat. Es beginnt damit, dass die junge Frau nach ihres Vaters Hinscheiden vom fiesen Bruder zwangsverheiratet wird, und als der brutale Gatte (Dietmar Bär) noch in der Hochzeitsnacht und vor Vollzug der Ehe ebenfalls sein ruchloses Leben aushaucht, macht sie sich kurzhaarig und als Mann verkleidet auf den Weg nach Santiago.

Die Erzählperspektive ist erwartungsgemäß die der Hauptperson, bisweilen kommentiert Tilla auch ihre Situation – Verständlichkeit ist das A und O dieses Films – und Josefine Preuß verleiht ihr durchaus Glaubwürdigkeit, auch wenn sie vier Fünftel der Zeit jammervoll dreinblicken muss ob all des Bösen, das ihr auf der Reise widerfährt. Denn der Weg nach Santiago ist gespickt mit schlechten Menschen, die Tilla aus unterschiedlichsten Gründen an Leib und und Lumpen wollen. Selbst in der Pilgergruppe west der Argwohn, und ein tumber Schlagetot verfolgt sie im Auftrag ihres Bruders. Damit natürlich nicht genug, unterwegs gerät die Gruppe noch in die Auseinandersetzung eines perversen Grafen mit einer schönen Giftmischerin und deren Beschützer (Stipe Erceg). Und nicht einmal die Tempelritter verhalten sich ritterlich – im Gegenteil. Nur gut, dass sie in der nächsten Sekunde nach ihrer Meucheltat an einem Mit-Pilger vom Drehbuch vergessen werden und Tilla unbehelligt das kurzzeitig verlorene Herz Papas suchen kann.

Die Abfolge von Gefahr und Befreiung, von Unglück und Glück, von Intrige und Freundschaft – sie gehört ja zur Kolportage, aber ob die derart genormte Handlung auch von Figuren getragen werden muss, die bloß schwarz-weiß gezeichnet sind, darf man doch fragen. Am schlimmsten hat es den Schlimmsten erwischt. Volker Bruch hat für seine Figur, Tillas Bruder Otfried, irgendwie nur einen einzigen Gesichtsausdruck zur Verfügung und auch nicht den Ansatz eines mehrschichtigen Charakters, sein Scherge Rigobert ist eine Mischung aus Frankensteins Sohn und Hulk Hogan; der arme Ernst Stötzner hingegen muss dauernd den augenrollenden Pilgervater geben. Friedrich von Thun darf als Bürgermeister immerhin etwas  Statur zeigen, Jakob Matschenz als seinem Sohn Bastian, dem Begleiter Tillas, wird ein wenig Entwicklung vom naiven Träumer zum verantwortlich Handelnden zugestanden. Tilla selbst geht unberührt in jeder Beziehung durch alle Fährnisse der Pilgerfahrt – sieht man einmal von Rigoberts Messerstich durch ihren Oberschenkel (sic!) ab. Das Gesetz der Romanze, dass die Heldin unversehrt bleiben muss, selten wirkt es so unglaubwürdig wie hier.

Statt für die Charakterzeichnung hat sich die Regie für die Ausstattung viel Mühe aufgewendet. Das Mittelalter ist hier zwar so dunkel wie eh und je, aber dafür auch etwas dreckiger, die Menschen zerlumpter, das Leben beengter, als es üblicherweise gezeigt wird. Die Handkamera David Slamas ist im Dauereinsatz; sie vermag das Gewusel im Städtchen wie auch die Unsicherheit der Pilgerreise zu vermitteln, die Montage hingegen überzieht bisweilen gnadenlos, wenn etwa auf Rigoberts Mord an einer jungen Frau das Bild eines Beils folgt, das in einen rohen Fleischklumpen haut.

So bleibt von den drei Stunden mit der „Pilgerin“ am Ende eher das Gefühl, einem Stück von Karl May beigewohnt zu haben, à la „In den Schluchten der Pyrenäen“. Mit dem Unterschied, dass es hier eine Liebesgeschichte gibt, die angenehmerweise nicht dick aufgetragen wird. Aber ein Happy End ist selbstverständlich so unvermeidlich wie das Amen in der Kirche.

„Die Pilgerin“, ZDF, Teil 1 am Sonntag, 5. Januar, Teil 2 tags darauf, jeweils um 20.15 Uhr.

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