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Emma Thompson als Katherine Newbury.

Neu im Kino

„Late Night“: Was diese Frau so alles treibt

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Eine humorlose Satire über das Fernsehen und weibliche Karrieren: Emma Thompson im Film „Late Night“.

Wenn sich Hollywoods Filmindustrie jemals vor etwas geängstigt hat, dann ist es das Fernsehen – beziehungsweise seine Nachfahren, die Streamingdienste. Schon in den 50er Jahren machte sich diese Anspannung Luft in einer Reihe von Komödien über die flimmernde Konkurrenz: Da wurde dannDoris Day in vorübergehender Vernachlässigung häuslicher Pflichten zum Fernsehstar in „Was diese Frau so alles treibt“.

„Late Night“ kann es mit frauenfeindlichen Klassikern aufnehmen

„Late Night“ kann es in seiner unglücklichen Zeichnung weiblicher Karrieren – weniger in seinem Humor – durchaus mit diesem frauenfeindlichen Klassiker aufnehmen. Dabei sah alles so gut aus: Das Drehbuch stammt von Multitalent Mandy Kaling, die Schauspielerin, Komikerin und Serienautorin schrieb unter anderen Folgen von „Das Büro“. Hier erfand sie sich die Rolle einer Quereinsteigerin im Autorenteam einer Late-Night-Show: Im Sog des Quotentiefs sucht der Sender nach Diversität. Dass die frühere Angestellte einer Chemiefabrik unverhofft den Job als Gagschreiberin erhält, ist für die männlichen Kollegen schnell erklärlich – offenbar habe man lediglich nach einer schwarzen Frau gesucht.

Ein interessanter Handlungsstrang könnte sich auftun über die gegenwärtige Sinnkrise der amerikanischen Massenmedien. Man könnte erwarten, es würden ein paar Streiflichter geworfen auf ihre Rolle in Zeiten von Präsidentenschelte und dem populistischen Vorwurf der Lügenpresse – doch fast nichts wird daraus gemacht. Über weite Strecken könnte dieser Film genauso gut vor zwanzig Jahren spielen, als die Macht des Fernsehens noch unangetastet schien. Auch ein zweites interessantes Thema bleibt unterbelichtet, die Selbstverortung von Mollys Chefin, der alternden Starmoderatorin Katherine Newbury in ihrer männlich dominierten Redaktion. Woher rührt die offensichtliche Distanz dieser „Karriererfrau“ gegenüber dem eigenen Geschlecht?

Panzer aus Narzissmus

Emma Thompson spielt diese Filmfigur kraftvoll, glaubhaft geschützt in einem Panzer aus Narzissmus – doch ohne die nötigen Bruchstellen. Über Jahrzehnte hat sie ihre Sendung wie ein Schlachtschiff manövriert, nun sieht sie hilflos dabei zu, wie man sie durch einen jungen Komiker ersetzen will. Dabei kennt sie nicht einmal die Namen ihrer engsten Mitarbeiter. Wer einmal beim aktuellen Fernsehen durch die Tür geschaut hat, glaubt nicht, dass das möglich ist. Wenn eine kreative und persönliche Arbeits-Atmosphäre irgendwo unabdingbar ist, dann beim Live-Fernsehen.

Late Night.USA 2019. Regie: Nisha Gantra. 102 Min.

Erst einer neuen Mitarbeiterin gelingt es, sie zu einer selbstreflexiveren Rolle zu überreden. Zögerlich thematisiert der Film nun ihre scheinbar verwundbarste Seite – das Altwerden. Der Moment dieses Erwachens wird auf denkbar altmodische Art als langer Monolog zelebriert: Spontan kehrt der Star eines Abends zurück zu seinen Anfängen auf eine kleine Stand-Up-Bühne. Wirken schon die Fernsehszenen steif und unglaubwürdig, erstickt dieser Moment förmlich an der eigenen Bemühtheit. Was man den ganzen Film über vermisst hat, fehlt in dieser Szene nun sträflich – Gags. Man wäre schon für einen klitzekleinen dankbar.

Emma Thompsons Filmfigur bleibt unsympathisch

Regie führte mit Nisha Ganatra eine Frau, die sich – ebenso wie Kaling – beim Fernsehen bestens auskennt. Sie hat bislang kaum etwas anderes als Serienfolgen verfilmt, und vielleicht liegt hier das eigentliche Problem.

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Erfolgreiche Serien werden meist für ihre komplexen Charaktere gelobt; die Kunst, eine Erzählung über mehrere Höhe- und Wendepunkte zu entwickeln, um sie schließlich befriedigend enden zu lassen, ist im Serienfernsehen dagegen eine Seltenheit.

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Hier gibt es nur ein paar mehr oder minder überzeichnete Figuren, von deren Aufeinandertreffen in einer Bürosituation man sich Lustiges oder Konfliktreiches erhofft, wobei die Sympathien klar verteilt sind: Emma Thompsons Filmfigur bleibt wie die meisten Figuren unsympathisch. Sie kommt nicht aus dem Schatten eines problematischen Managerinnenbilds, das Führungserfolg nur in der Aneignung männlicher Codes für möglich hält. Dass es sich bei Komikerinnen immerhin um Künstler handelt, die das, was sie erreichen, erst einmal aus der eigenen Kreativität entwickeln, wird schon mal gleich vergessen. Auch das ist etwas, das man sich schon bei früheren Filmen über das Fernsehen fragen könnte: Versteht Hollywood wirklich so wenig davon – oder tut es nur so?

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