Der fiese Banker und das Objekt seiner Begierde.
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Der fiese Banker und das Objekt seiner Begierde.

Kino aus Deutschland

Die Langweiligkeit der Macht

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Christoph Hochhäuslers Frankfurter Bankendrama „Unter dir die Stadt“ bemüht die Genrekonventionen des Film Noir. Ohne rechten Erfolg, aber immerhin taugen die Bilder im neuen Digtalformat 4K etwas und auch die Filmmusik von Benedikt Schiefer imponiert.

In seinem Kinderlied „Der Bär, der ein Bär bleiben wollte“ erzählt Reinhard Mey von einem Wirtschaftsboss, der so mächtig ist, dass er nur noch Comics liest. Keine Frage, die Finanzkrise wäre glimpflicher verlaufen, wenn man in den Chefetagen der Banken ein paar mehr gute Comics gelesen hätte. In „Unter dir die Stadt“, dem Drama des Berliner Filmemachers Christoph Hochhäusler, ist ein Spitzenbanker, gespielt vom charismatischen Theaterstar Robert Hunger-Bühler, so wichtig, dass er auch nicht mehr arbeiten muss. Seine strategische Phantasie nutzt er lieber zum privaten Lustgewinn, wenn er einen leitenden Angestellten auf einen gefährlichen Job nach Asien schickt. Das verschafft ihm freie Bahn für die Affäre mit dessen Ehefrau (Nicolette Krebitz). Was diese Frau außer lasziver Egozentrik allerdings interessant machen soll, bleibt reine Behauptung.

Nach Christian Petzold („Yella“) und Thomas Arslan („Im Schatten“) spielt abermals ein Filmemacher der „Berliner Schule“ mit den Genrekonventionen des Film Noir. Nun birgt die Wiederbelebung vergangener Kinokonventionen, so lieb man sie auch haben mag, stets eine Schwierigkeit: Die „Schwarze Serie“ war eben eine Serie. Einzelne Filme konnten Stimmungen anschlagen, die andere längst aufgebaut hatten. Insbesondere das oft so zentrale Kinoklischee der „femme fatale“ lebt vom Fetischismus einer vergangenen Zeit. Nur wenige Schauspielerinnen können den Kontext heute noch mit einem Augenaufschlag evozieren.

Doch ist nicht nur der Verweis auf die Tradition unscharf. Unklar bleibt auch der latente Sadismus des Bankers: Der bringt ihn dazu, sich am Elend eines Fixers zu delektieren, fiese Fotokunst im Bennetton-Stil ins Wohnzimmer zu hängen und schamlos seinen Turbokapitalismus mit Massenentlassungen zu verteidigen. Auch hier fehlt die Motivation, eine solche Karikatur glaubhaft zu empfinden, obwohl Robert Hunger-Bühler in seiner konzentrierten Darstellung einiges erreicht. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das vorab preisgekrönte Drehbuch an dieser Stelle etwas dicker gewesen sein muss. Wie ernst und pathetisch ist dabei die Form, mit der Hochhäusler sein erotisches Kräftespiel aufbaut, das von einem noch größeren Dreieck umrahmt wird – der Hierarchie im Management der Frankfurter Großbank.

Immerhin, Bernhards Kellers kunstvolle Kamera im neuen Digitalformat 4K sorgt immerhin dafür, dass einmal wieder große Kinobilder dieser Stadt entstanden. Imponierend auch die Filmmusik von Benedikt Schiefer, die sehr selbstbewusst mit der Klangsprache der Neuen Musik arbeitet.

Unter dir die Stadt, Regie: Christoph Hochhäusler, D 2010, 100 Minuten.

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